DIE ZEIT: Herr Gwisdek, Hunderttausende Ostdeutsche verbringen die Wochenenden auf ihrer Datsche – auch die Bundeskanzlerin besitzt so ein Häuschen in der Uckermark. Sie selbst sind sogar dauerhaft in Ihre Datsche eingezogen. Worin liegt der Zauber dieser alten DDR-Wochenendhäuser?

Michael Gwisdek: Ich tauche in meiner Datsche in der Schorfheide nördlich von Berlin in eine besondere kleine Welt ein, die ich mir selbst geschaffen habe und in der ich mich anders verhalten kann als sonst. Jede Veränderung habe ich selbst zu verantworten, die Bäume stehen hier, weil ich sie gepflanzt habe. Man behandelt Dinge anders, wenn man sie erschaffen hat. Ich bin hier frei. Ich kann jederzeit in verschlammten Gummistiefeln und dreckigem T-Shirt herumlaufen. Stört keinen.

ZEIT: Sie sind ein klassischer Stadtflüchtiger?

Gwisdek: Eigentlich wollte ich nie aufs Land ziehen. Ich bin ja in Berlin aufgewachsen und habe dort bis vor 15 Jahren auch gern gewohnt. Aber ich finde, dass die Welt nach und nach ungemütlich wird. Wir sind ständig gezwungen, uns etwas Neues zu kaufen. Alle wirken gehetzt. Ich finde das – pardon – bescheuert. Die meisten Leute haben keine Ruhe mehr für irgendetwas. Hier auf dem Land gucke ich auf die Knospen im Garten und frage mich, wann sie endlich aufgehen. Morgen soll es 22 Grad warm werden, vielleicht ist es dann so weit. Es wäre unsere Rettung, allen Menschen auf dieser Welt eine Datsche zu vermachen. Dann würden wir in einem anderen Rhythmus leben.

ZEIT: Haben Sie den Pachtvertrag für Ihre Datsche zu DDR-Zeiten abgeschlossen?

Gwisdek: Ich besitze das Grundstück sogar. Hat mir meine Tante vererbt.

ZEIT: Dann haben Sie Glück. Es gibt ein rechtliches Problem, mit dem kürzlich sogar der Bundestag befasst war: Die meisten Ostdeutschen haben ihre Wochenendgrundstücke in der DDR nur gepachtet – allerdings galten die Verträge als unkündbar. Nun soll damit Schluss sein. Der Gesetzgeber hat entschieden, dass von Oktober an auch langjährigen Datschen-Pächtern gekündigt werden darf. Wie finden Sie das?

Gwisdek: Das ist ärgerlich und ungerecht. Wenn Sie mich fragen: Wir brauchen einen Aufstand der Datschenbesitzer. Ich habe eine spezielle Vorstellung von Besitz. Für mich gehört eine Wiese dem, der sie mäht und bearbeitet. Die Datschengrundstücke wurden über 30 oder 40 Jahre hinweg von den Pächtern gepflegt und bebaut. Diese Leute soll, solange sie leben, keiner vertreiben dürfen.

ZEIT: Die alte Regelung galt nur für die neuen Länder. Nun heißt es: Auch Ostdeutsche müssen alte Privilegien aufgeben, um Rechtsgleichheit zu bekommen, um die Einheit zu vollenden.

Gwisdek: Ich finde, wir Ostdeutschen haben im Zuge der Einheit schon viel aufgegeben. Wir haben fast alle Spielregeln des Westens anerkannt. In diesem Fall geht es darum, Menschen von einem Stück Heimat zu vertreiben, und das ist schlimm. Das sollte man gesetzlich verbieten. Ich selbst bin aus meiner wunderbaren Altbauwohnung in Pankow, die ich ausgebaut hatte, nach der Wiedervereinigung rausgeflogen. Dabei hatte der neue Besitzer schon fünf Häuser und wohl auch einige Porsches.

ZEIT: Zu DDR-Zeiten haben sich Menschen wochenends nicht zuletzt deshalb in ihre Datschen zurückgezogen, weil die Urlaubsmöglichkeiten begrenzt waren. Das wurde nach 1989 anders. Wundert es Sie, dass die Datschen überlebt haben?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 16 vom 16.4.2015.

Gwisdek: Überhaupt nicht. Sie sind sogar noch wichtiger geworden. Inzwischen haben viele ihre Häuschen ausgebaut und sind komplett dort eingezogen – wie ich. Nach 1990 haben die Ostdeutschen sich fremde Länder angeschaut und dann begonnen, die Welt auf ihre Grundstücke zu holen. Sie haben nicht mehr Stiefmütterchen in alte Lkw-Reifen gepflanzt wie früher. Nun strichen sie die Wände terrakottafarben, wie in der Toskana. Mit der Zeit ist die Datsche zu einem noch größeren Luxus geworden, als sie es ohnehin schon war.

ZEIT: Welchen Stellenwert hatte sie in der DDR?

Gwisdek: Jeder wollte eine Datsche haben, die Warteliste dafür war ungefähr so lang wie die für einen neuen Trabi. Hatte man aber einmal eine Datsche, gehörte sie einem de facto. Das war das Paradoxe in der DDR: Einerseits hatte kaum jemand Eigentum – Wohnungen wurden gemietet, Grundstücke gepachtet; andererseits waren wir Besitzer quasi unkündbar. Diese Sicherheit, dass einem etwas wirklich gehört, die kenne ich aus der DDR. Niemand wurde aus seiner Wohnung geworfen, niemand hatte Angst um seinen Job. Das gab uns die Freiheit zu meckern. Es wurde so viel gemeckert in der DDR, das vergessen heute viele. Wenn es kein Klopapier gab, haben wir gemeckert. Wenn uns auf Arbeit etwas nicht gepasst hat, haben wir gemeckert. Auf den Arbeitgeber durften wir schimpfen, auf die Regierung nicht. Heute ist es andersrum. Wer heute seinen Chef einen Idioten nennt, fliegt aus der Firma. Man muss sich anbiedern und seinen Charakter verleugnen, wenn man nirgends gekündigt werden will. Früher hatten die Leute im Osten mehr Selbstbewusstsein. Wir hatten wirklich alle eine große Fresse.

"In diesen Siedlungen mischte sich alles"

ZEIT: Aber nur solange es nicht um Politik ging.

Gwisdek: Ja, gewiss. Sie dürfen mich bitte nicht falsch verstehen: Ich wünsche mir die DDR nicht zurück. Ich wollte immer ein vereintes Deutschland, aber ich will auch davon reden können, was interessant und gut war am Leben in der DDR.

ZEIT: Dürfen Sie doch.

Gwisdek: Nein, viele Westdeutsche verstehen das komplett falsch. Die sagen: "Aber ihr wart doch eingesperrt!" Die sind irgendwie sauer und wollen, dass wir Ostdeutschen immerzu dankbar sind. Ich bin total einverstanden damit, dass der Kapitalismus den Sozialismus besiegt hat. Mich nervt nur diese Siegermentalität: dass der Gewinner alles beseitigen will, was den Besiegten ausgemacht hat.

ZEIT: Zumindest Wochenendhäuschen sind mancherorts zur Avantgarde geworden.

Gwisdek: Stimmt, die gelten heute nicht einmal mehr als spießig.

ZEIT: Im Film Kleinruppin forever spielten Sie einen idealistischen, aber staatskritischen DDR-Bürger, der sich auf seine Datsche zurückgezogen hat. War die Datsche denn ein guter Ort für Systemkritiker?

Gwisdek: Nicht unbedingt, in diesen Siedlungen mischte sich alles, wie überall in der DDR. Es gab Parteitypen, Stasi-Leute, Unpolitische und Systemkritiker. Man war immer mit- und beieinander.

ZEIT: Wie dürfen wir uns das Zusammenleben in Ihrer Waldsiedlung heute vorstellen: Winken da morgens schon die Nachbarn über den Zaun?

Gwisdek: Ganz so ist es nicht, viele Leute haben sich ja zurückgezogen. Ich habe es aber nicht verlernt, in der Gruppe zu leben, Freundschaften zu pflegen. Es darf immer Besuch da sein, ich will abends mit anderen am Lagerfeuer sitzen und etwas aushecken. So eine Datsche eignet sich zum Feiern sehr wunderbar. Ich habe bei einem Gartenfest sogar geheiratet. Die Datsche ist für alles gut.