DIE ZEIT: Herr Storm, 2007 riefen Sie beim dänischen Nachrichtendienst PET an und boten Ihre Dienste an. Man kannte Sie dort nur als radikalen Islamisten. Also bestellten Sie sich beim Treffen ein Schinken-Sandwich und ein Bier, um zu zeigen, dass es Ihnen ernst war. Wie kamen Sie dazu?

Morten Storm: Ich hatte meinen Glauben verloren. Nach zehn Jahren als Salafist hatte ich angefangen, Fragen zu stellen. Aber niemand konnte mir plausible Antworten geben, etwa auf die Frage, warum es einen freien Willen gibt, wenn doch alles von Allah vorherbestimmt ist.

ZEIT: Das erklärt weder die Geschwindigkeit Ihres Sinneswandels, noch wieso Sie nicht einfach ein liberaler Muslim wurden.

Storm: Mir wurde klar, dass ich ein Roboter gewesen war. Ich erkannte, dass ich gefährlich geworden war – und welche Gefahr von jenen ausging, mit denen ich zu tun hatte. Also entschied ich mich, dabei zu helfen, sie zu stoppen. Ich sah da keine Mittelposition. So bin ich.

ZEIT: Zu jener Zeit hatten Sie bereits eine Menge gefährlicher Männer kennengelernt: einen 9/11-Helfer, den "Schuhbomber" Richard Reid, einen späteren Anführer der Schabaab-Miliz sowie Taimur Abdali, der sich 2010 in Stockholm in die Luft sprengte. Sie wurden zu einem wertvollen Mitarbeiter des PET.

Storm: Und es gefiel mir! In meinem Leben ist viel schiefgelaufen, aber jetzt hatte ich das Gefühl, das Richtige zu tun. Wir retteten Leben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

ZEIT: Zuvor hatten Sie im Jemen an einer radikalen religiösen Schule studiert und Extremisten kennengelernt, die später bei Al-Kaida hohe Positionen einnahmen. Anwar al-Awlaki, ein jemenitisch-amerikanischer Prediger, der Militante auf der ganzen Welt zu Anschlägen inspirierte, war Ihr Freund.

Storm: Er war ein ruhiger, großzügiger Mensch, und wir debattierten viel in meinem Wohnzimmer in Sanaa. Er war Mitglied meiner persönlichen Studiengruppe. Sein Sohn spielte mit meinem Sohn. Aber da war er noch kein Terrorist.

ZEIT: Bald arbeiteten Sie auch für den britischen MI6 und die amerikanische CIA. Die Amerikaner wollten Al-Awlaki töten, unter anderem, weil er 2009 an dem Versuch beteiligt war, einen Passagierjet über den USA zum Absturz zu bringen. Als Vertrauter Al-Awlakis wussten Sie, dass er eine dritte Ehefrau aus Europa suchte. Sie arrangierten diese Ehe und schlugen der CIA vor, den Koffer der Braut zu verwanzen.

Storm: Das stimmt. Und es mag kaltblütig klingen. Aber als ich Amina traf, wusste sie genau, was sie wollte: Al-Awlaki heiraten. Und sie war eine tickende Bombe. Sie wäre auch in Europa gefährlich gewesen.

ZEIT: Als Sie Al-Awlaki später trafen, haben Sie da an Ihrer Mission als Agent gezweifelt?

Storm: Nein. Aber es war schwierig. Er vertraute mir und hätte mich mit seinem Leben verteidigt. Die Dänen und Amerikaner dagegen wollten mich später nicht einmal mehr kennen.

ZEIT: Al-Awlaki wurde 2011 getötet. Sie sind überzeugt, dass Ihre Vorarbeit den US-Drohnenangriff möglich machte. Die Dänen und die Amerikaner haben das nie zugegeben, jedenfalls nicht öffentlich. Und sie gaben Ihnen danach keine Aufträge mehr.

Storm: Ich war zornig. Fühlte mich verraten. Also bot ich ihnen an, Abu Basir al-Wuhaischi für sie zu finden, den Chef von Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP). Sie erlaubten mir, mich an ihn heranzumachen, und tatsächlich traf ich ihn auch. Er wollte mich sogar Ibrahim al-Asiri vorstellen, dem AQAP-Bombenbauer. Ich hätte beide liefern können! Aber die CIA reagierte nicht.

Es ist unklar, warum die CIA Storm nicht bat, an Al-Wuhaischi dranzubleiben. Für Storm ist das ein derartiges Rätsel, dass er sich manchmal fragt, ob es jemanden in der CIA gab, dem die beiden lebend lieber waren.

An dem Gespräch nehmen auch die zwei Co-Autoren von Storms Buch "Mein Doppelleben bei Al-Kaida und der CIA" (Riva Verlag 2015, 19,99 Euro) teil. Paul Cruickshank, ein CNN-Reporter, bietet diese Deutung an: "Damals wussten die USA schon, dass Morten heimlich Gespräche mit Führungsoffizieren aufgezeichnet hatte. Das gefiel ihnen gar nicht. Denkbar, dass das Vertrauensverhältnis gestört war."

ZEIT: Der Trip zu Al-Wuhaischi war lebensgefährlich. Niemand zwang Sie dazu. Warum haben Sie das getan?

Storm: Um denen zu zeigen, dass ich konnte, wozu niemand sonst in der Lage war!

ZEIT: Da muss doch mehr gewesen sein!

Storm: Natürlich ist es auch ein Kick. Man steckt seinen Kopf ins Maul des Löwen. Wenn ich im Jemen war, habe ich mir immer ausgemalt, wie wir anschließend feiern und Bier trinken würden, um die Informationen zu begießen, die ich besorgt hatte. Ich arbeitete für drei Regierungen, die sich um mich rissen. Und da war ich, im Jemen, und die bösen Jungs geben mir eine Kalaschnikow ... Das war unbeschreiblich. Ziemlich cool.