Neunziger Jahre: Die Partys im Les Bains, hier während der Fashion Week, endeten gern im Pool. © Foc Kan/Getty Images

An der Tür des Les Bains Douches sind schon viele gescheitert. Selbst Karl Lagerfeld, Catherine Deneuve und Keith Richards sollen mal abgewiesen worden sein. In den Achtzigern blockierten die Wartenden Nacht für Nacht in demütiger Hysterie die Rue du Bourg-l’Abbé. Seit ein paar Wochen reicht der Satz: "Ich habe reserviert." Der legendäre Club hat sich in ein Fünfsternehotel verwandelt, in das die Gäste durchaus auch zum Schlafen kommen.

Hinter den Eingangstüren des Kalksandsteingebäudes wabern Bässe und Stimmen, Gläser klirren. Es gibt keine Lobby, nur ein Empfangspult vor rotdunklen Raumfluchten, in denen sich die Bar und das Restaurant ausbreiten. Ein DJ, der seine Plattenspieler in einem Türrahmen aufgebaut hat, spielt einen Remix von The XX, "we live half at night" singt Romy Croft , während sich am Tresen Galeristen und Modeleute drängen. "Wodka, Wodka, Wodka!", ruft eine tätowierte Rothaarige mit Pin-up-Pony in Richtung Barkeeper, der gerade von einer Clique Filmschaffender in Beschlag genommen wird. Im Les Bains war die Nacht schon immer der interessantere Teil des Tages.

Die Wände des Restaurants sind mit ochsenblutfarbenem Lack überzogen, der an den Säulen herunterzurinnen scheint. Über den Tischen wölbt sich die Decke zu teichgroßen Tropfen. Kurz vor Mitternacht sind sämtliche Plätze besetzt. Die Männer tragen graue Mähnen, die Frauen massiven Schmuck. Wer jetzt an der Bar noch einen Drink bestellen möchte, muss kämpfen. Getanzt wird auch im Stehen nicht, nur gewogt. Und viel geraucht, im Innenhof, wo ein Graffito von Futura den Umbau überlebt hat. Vom Restaurant aus kann man das Frauen- und Tigerporträt durch die bodentiefen Fenster sehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

Mmmmh, tschak. Die Aufzugtür unterbricht die Party. Im vierten Stock ist es schummrig still. Ein geblümter dunkler Teppich schluckt die Schritte. Hinter der schwarzen Zimmertür öffnet sich ein großzügiger Raum, ideal eingerichtet zum Weiterfeiern. Vor der zementgrauen Wand steht ein Bett mit valiumblauen Kissen. Das Kopfende ist aus mattem Samt, wie die Sitzlandschaft in gedämpftem Orange gehalten – der VIP-Bereich. Im gläsern gelackten Ebenholzregal steht ein Stanmore-Amp von Marshall bereit, ein Verstärker für das iPhone. Darunter ein Tablett mit Kristallbechern, flankiert von Scotch- und Gin-Flaschen. Das Sortiment der Minibar besteht aus Energydrinks, Cola, Champagner und noch mehr Hochprozentigem. Rauchen ist nicht erlaubt – mais non! –, aber der Teppich hat die Farbe von Zigarettenasche. Auf dem schmalen Balkon kann einem auch ganz ohne Schwips schwindelig werden: das Geländer ist nur hüfthoch, und tief unten das Marais. Für heute reicht es. Das gnadenlos bequeme Bett wirkt schneller als ein Brandy Alexander.

Am nächsten Morgen ist das Restaurant verwaist. Offenbar frühstücken die Gäste des Les Bains im Bett oder gar nicht. Auch Jean-Pierre Marois hat den ersten Kaffee in seiner Suite genommen. Bis in die frühen Morgenstunden hat der Hotelbesitzer seine Gäste im Restaurant begrüßt und an der Bar unterhalten. Wird die Nacht zu lang, bleibt er in seinen Räumen im Hotel.

Zu unserem Gespräch im Restaurant trägt Marois ein graues Sakko über einem grauen T-Shirt, die Beine seiner Jeans hat er hochgekrempelt. Wer französische Modemagazine liest, kennt den 51 Jahre alten Filmproduzenten mit den dichten Locken und den diabolischen Augenbrauen von den Seiten mit den Partyberichten. Im Pariser Nachtleben gehört Marois zum festen Ensemble. Er ist der Erbe des Les Bains – und sein Retter.

Das Restaurant des Hotels. Designer Denis Montel ließ die Decke mit ochsenblutfarbenem Lack überziehen.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1885, als die Familie Guerbois in der Rue du Bourg-l’Abbé ein Badehaus errichten ließ. Im ersten Spa der Stadt konnte man damals zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Schwefelbad nehmen oder sich massieren lassen. Einer, der das regelmäßig tat, war der Schriftsteller Marcel Proust. Zu seinen Glanzzeiten trafen sich die Künstler der Belle Époque im Les Bains Guerbois. Später, nach dem Ersten Weltkrieg, kamen die Arbeiter und Lkw-Fahrer vom nahe gelegenen Großmarkt Halles Centrales früh am Morgen vorbei, um für einen Franc heiß zu duschen. 1969 schließlich wurde der Markt in die Vorstadt verlegt. Das Geschäft mit den Bädern versiegte. An diesem Punkt der Geschichte trat Jean-Pierre Marois auf den Plan, genauer gesagt: sein Vater.

Als der prominente Wissenschaftler das Gebäude erwarb, standen die Badesäle bereits leer. Und blieben es, bis sich Ende der siebziger Jahre ein junger Antiquitätenhändler namens Fabrice Coat in die Nymphenstatuen am Eingang des Badehauses verliebte. In der Hoffnung auf weitere Schätze bestach er einen Wachmann, der ihn in das Gebäude ließ. Vielleicht waren es die Schimmelsporen, vielleicht auch die mit japanischen Gartenszenen bemalten Glasfenster – heraus kam der 23-Jährige jedenfalls mit einer Vision von einem Nachtclub, wie es ihn noch nie gegeben hatte. Nachdem es ihm gelungen war, Maurice Marois von seiner Idee zu überzeugen, engagierte Coat für den Umbau einen Designer, der damals nur wenig mehr Erfahrung mit Clubeinrichtung hatte als er selbst: Philippe Starck.