DIE ZEIT: Herr Schamoni , demnächst wird der Goldene Pudel versteigert, weil Sie sich mit Ihrem Miteigentümer Wolf Richter überworfen haben. Haben Sie es verbockt?

Rocko Schamoni: Das gilt für beide Seiten. Wolf und ich waren alte Freunde. Hätte man mir vor ein paar Jahren erzählt, dass es so weit kommen würde, hätte ich es nicht geglaubt. Aber ich möchte noch mal klarstellen: Es geht hier nicht um einen Streit zwischen Wolf und mir. Ich bin in dieser Sache nur ein Stellvertreter für eine größere Gruppe von Leuten – nämlich den Pudel, den Verein für Gegenkultur und Park Fiction.

ZEIT: Wie kam es zum Bruch?

Schamoni: Es stellte sich heraus, dass Wolf und das Pudel-Kollektiv unterschiedliche Vorstellungen von Betriebsführung, Benehmen und Arbeitsweise hatten. Das führte zu ständigen Spannungen und Konflikten.

ZEIT: Richter hat dann im oberen Teil des Hauses ein Café betrieben, unten machten Sie den berühmten Club.

Schamoni: Ja, aber die Streitigkeiten hörten nicht auf. Schließlich gab es diesen unheilvollen Moment, als Wolf die Schlösser austauschte und alle Mitarbeiter feuerte. Damit gab es für die Pudel-Leute keinen Zugang mehr zum Dachgeschoss. Wir haben versucht mit Mediation diesen Riss zu kitten, aber das hat nicht funktioniert.

ZEIT: Und jetzt herrscht Funkstille?

Schamoni: So ungefähr. Die Kommunikation geht nur noch über Anwälte. Aber ich würde mich auch heute noch mit ihm hinsetzen und darüber reden.

ZEIT: Ihr Ex-Geschäftspartner hat nun die Teilungsversteigerung beantragt. Das bedeutet: Das Haus wird versteigert, und mit dem Erlös werden die Eigentümer abgefunden. Jeder kann mitbieten. Steht das Pudel-Projekt auf dem Spiel?

Schamoni: Ja, und das ist ein Desaster. Wenn sie genug bieten, könnte auch Starbucks das Ding ersteigern.

ZEIT: Moment, die Stadt hat das Gebäude damals mit der Auflage verkauft, dass es eine kulturelle Nutzung geben muss ...

Schamoni: Solche Klauseln sind leider biegbar. Starbucks könnte zwei Mal in der Woche einen Pianisten ans Klavier setzen, schon gibt es eine kulturelle Nutzung.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Und woanders den Pudel neu aufziehen geht nicht?

Schamoni: Wir sind an diesen Platz gebunden. Der Pudel ist Teil des Projekts Park Fiction und eines großen Netzwerks von Leuten, die hier sind. Wir können nicht einfach nach Niendorf ziehen. Und warum sollten wir? Der Pudel war zuerst da.

ZEIT: Das künstlerisch-widerständige St. Pauli ist doch ein längst erloschener Mythos. Mittlerweile patrouillieren Touristenbusse durch die Straßen. Passt ein Projekt wie der Pudel überhaupt noch hierher?

Schamoni: Natürlich, der Umbau des Viertels ist im Gang. In dreißig Jahren wird St. Pauli ein zweites Eppendorf sein. Das ist grotesk, wenn man bedenkt, wie verpönt es noch in den Achtzigern war. Damals sagte Helmut Schmidt, das sei das Viertel, in das wir nicht gehen. Dieser Prozess ist nur punktuell aufzuhalten. Beim Pudel muss uns das gelingen. Auch wenn es verdammt schwierig wird.

ZEIT: Was ist das Besondere am Pudel?

Schamoni: Der Pudel ist eine sich ständig selbst auffrischende Keimzelle von Unkultur. Etwas, was nicht maximal kommerziell und touristisch ist, sondern widerborstig und sonderbar. Es gibt Menschen bei der Stadtverwaltung, denen das gefällt.