Vorab, fürs Protokoll und in gebotener Kürze: Claus Peymann ist ein erfolgreicher Intendant und ein streitbarer Geist. Meinungsstark wirbt er für seine Idee vom Theater und versteht es dabei durchaus, sich mit sprachlichen Grobheiten Gehör zu verschaffen. Dass er ab und an röhrt, ist dem Umstand geschuldet, dass er ein Platzhirsch ist. So bezeichnet er sich zumindest selbst.

Ob man einstimmen will, mag jeder für sich entscheiden. Meine präferierte Form der Auseinandersetzung ist es jedenfalls nicht, und mein Kulturverständnis geht auch weniger von einigen kämpfenden Platzhirschen auf den Bühnen der Stadt, sondern vielmehr von einer vielfältigen, aber kollaborativen Berliner Kulturlandschaft aus.

So weit, so normal, so Peymann. Einschreiten muss man dort, wo Gerüchte zu Fakten umgemünzt werden und die Wahrheit für die von Claus Peymann gewünschte Aussage gebeugt wird. Die Behauptung, der Regierende Bürgermeister von Berlin sei bei der Premiere des Freischütz am 18. Januar dieses Jahres zum ersten Mal in der Oper gewesen, ist zum Beispiel nachweislich unwahr und ziemlich unanständig, dabei aber als bewusst aufgestellte Behauptung durchaus aufschlussreich.

Denn selbst wenn Michael Müller, der neben dem Amt des Regierungschefs auch das Kulturressort innehat, wirklich erst vor drei Monaten eine Oper zum ersten Mal von innen gesehen hätte, wo genau, bitte schön, wäre das Problem? Theater (knapp 20 Prozent des Kulturetats) und Opern sind bei aller Bedeutung selbst nur Teilbereiche des Portfolios eines Kultursenators, zu dem auch die bildende Kunst, Tanz, Musik, Gedenkkultur, Museen, Religion und noch vieles andere gehören. Hat irgendjemand gefragt, wann Michael Müller das letzte Mal in der Kirche war, was er für Musik hört oder wie viele und welche Bilder bei ihm zu Hause an der Wand hängen? Umgekehrt, ab wie vielen Opernbesuchen darf man denn?

Den Job als Kultursenator oder als Kulturstaatssekretär bestreitet zudem niemand allein: Ein ganzes Team gestandener Kulturfachleute begleitet uns Politiker im Amt tagtäglich dabei, und auch die Abgeordneten sind als Legislative sowohl Auftraggeber wie auch Korrektiv unseres Handelns, denn wir sind ihre Exekutive. Der Kultursenator und sein Staatssekretär suchen auch keine Regisseure aus und inszenieren nicht selbst. Um ihre Arbeit zu machen, müssen sie nicht Theaterwissenschaften studiert haben, sondern, gut beraten von ihren Häusern, sicherstellen, dass die von ihnen beauftragten Intendanten über die nötigen Fähigkeiten verfügen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

Wichtig ist, in unseren Tätigkeiten zu verstehen und zu vermitteln, welche Bedeutung die Kultur für ihre Akteure, die Gesellschaft und die Zukunft der ganzen Stadt hat. Es geht nicht nur um einzelne "Panzerkreuzer der Arbeiterschaft", von denen Peymann redet, sondern insgesamt um Arbeits- und Produktionsbedingungen im kreativen Berlin. Neben Wissenschaft ist Kultur hier unsere einzige Chance für Wachstum und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie braucht Ressourcen, die wir im Konsolidierungsland Berlin immer wieder in harten Haushaltsverhandlungen erkämpfen müssen.

In einer Stadt, die immer noch über 60 Milliarden Euro Schulden abbauen muss, gilt es zu vermitteln, dass Ausgaben in Kultur keine Subventionen, sondern Investitionen sind. Das kann im Bereich des Theaters nur gelingen, wenn man für viele Menschen relevant ist und Themen setzt. Relevanz erzielt das Theater aber nicht, indem man alte Gräben zwischen sogenannten Bildungsbürgern und mit Popkultur sozialisierten Menschen aufmacht, wie es Claus Peymann zwischen sich und mir zu tun versucht. Es geht nicht mehr darum, dass die eine Kulturform E wie ernsthaft ist und die andere U wie unterhaltend. Beides diskriminiert, denn natürlich macht E-Kultur auch Spaß, genauso wie U-Kultur sehr ernsthaft sein kann.