Ein schwer bewaffneter Polizist bewacht den Eingang zum Hauptsitz des Fernsehsenders TV5Monde. © Benoit Tessier / Reuters

Der erste französische Feldherr des Zeitalters der neuen Kriege herrscht in einem alten Kasernengebäude direkt neben dem Invalidendom, in dem Napoleons sterbliche Überreste ruhen. Strenge Sicherheitskontrollen, lange dunkle Gänge, kein Geräusch außer den Hackenaufschlägen der Kommunikationschefin. Dann eine lange Wartezeit. Endlich tritt eine Männergruppe in den Flur, der Leitungsstab. Nur der Feldherr trägt kein Jackett: Konteradmiral Dominique Riban, breite Schultern, stämmige Statur, klarer Blick nach vorn. Der stellvertretende Chef der französischen Sicherheitsagentur für Informationssysteme leitet die jüngste Operation eines neuen Zeitalters: des Cyberkrieg-Zeitalters. Napoleon wäre stolz auf ihn.

Riban sagt: "Die Frage war nie, ob es losgeht, sondern, wann. Jetzt habe ich die Antwort: Am 9. April 2015 ging es los." Ein für ihn heute schon historisches Datum. "Zum ersten Mal fand in Frankreich eine echte Computersystem-Sabotage statt", sagt der Admiral.

Viele Menschen haben das bemerkt, aber nur wenige haben verstanden, was es bedeutet.

Rückblende: Am 9. April um 20.50 Uhr Ortszeit beginnt der Cyberkrieg. Mit einem Schlag stoppen an der Pariser Avenue Wagram, nahe dem Triumphbogen, sämtliche acht Antennen des französischen Weltnachrichtensenders TV5Monde die Ausstrahlung. TV5Monde ist der nach Reichweite drittgrößte Fernsehsender der Welt, hinter den US-Kanälen CNN und MTV. Doch jetzt sendet er plötzlich nicht mehr. Stattdessen: schwarze Bildschirme überall auf der Welt, ob in Paris, Tokio oder Feuerland.

"Ich dachte erst mal an eine Panne", sagt Jean-Pierre Verines. Der Vollbartträger ist an diesem Abend zum Glück noch an seinem Arbeitsplatz. Der rundliche, vom Typ her eher gemütliche IT-Chef des Senders schickt zunächst ein Technik-Team zu den Antennen. Doch wenige Minuten später meldet sein Überwachungssystem die Zerstörung des Mailservers. Zu diesem Zeitpunkt versteht Verines: TV5Monde ist Ziel eines Cyberangriffs geworden. Den Kampf dagegen muss er erst einmal alleine führen. Sein bescheidenes Eckzimmer im vierten Stock des schicken Fernsehneubaus wird zur Kommandozentrale.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

"Mein erster Reflex war: nicht das Netz ausschalten, sondern die wichtigsten Daten schützen", sagt er. Also sichert Verines die zentralen Speicher des Senders. "In dieser Zeit konnten sie aber weiteren Schaden anrichten, sie befanden sich in unserem System", sagt Verines. Also versucht er, alle Verbindungen des hausinternen Systems zum Internet zu kappen. "Das Probleme war nur: TV5Monde arbeitet mit der ganzen Welt zusammen, wir hängen überall am Netz. Es dauerte!" So erinnert sich ein völlig erschöpfter Verines Tage später. Inzwischen kann er aber durchatmen. Längst ist er nicht mehr Herr seiner Technik. Des Feldherrn Ribans Leute haben übernommen.

Die hatten auf so eine Situation nur gewartet. Mit fünfzehn Mann, hoch spezialisierten Informatikern, rücken sie schon am frühen Morgen nach der Attacke in die Fernsehstation ein. "Seit fünf Jahren haben wir uns auf diesen Fall vorbereitet. Das ist unser Auftrag. Dafür sind wir geschaffen. Wir haben, was man braucht", sagt Riban. Der Admiral sagt, dass seine Agentur wie eine Feuerwehr funktioniere. Sie greife im Notfall ein, begrenze den Schaden am IT-System, analysiere den Fall, schließe die Sicherheitslücken und schaffe die Grundlagen für einen Wiederaufbau. Riban gehört zum Militär, aber das Wort Krieg nimmt er nicht in den Mund. Das tun andere: "Der unsichtbare Krieg der Cyber-Dschihadisten" titelt die Pariser Tageszeitung Le Parisien am Tag nach der Angriffsnacht.

Damit kommt die Zeitung der Wirklichkeit nahe. Denn die Ereignisse sind einmalig. Nie zuvor legten Cyber-Angreifer eine westliche Fernsehstation lahm. Nebenbei knackten sie die Facebook- und Twitter-Seiten von TV5Monde und verbreiteten dort Aufrufe für den "Islamischen Staat" im Namen des sogenannten Cyber-Kalifats.

Ob die Angreifer tatsächlich etwas mit dem "Islamischen Staat" zu tun hatten oder sich nur auf ihn beriefen, blieb offen. Jedenfalls waren sie gut vorbereitet. Schon Wochen vor ihrem Angriff waren sie unbemerkt in das System von TV5Monde eingedrungen, um dann genau zu lernen, wo sie zuschlagen mussten: bei den Antennen. Diese hätte man sonst zuerst geschützt, um den Sendebetrieb aufrechtzuerhalten. Danach machten sich die Angreifer an die systematische Zerstörung des Computersystems. "Sie gingen sehr gut organisiert und sehr strukturiert vor: ein echtes Massaker", resümiert IT-Chef Verines.

Niemand ist besser über das Ausmaß des Schadens, über Vorgehensweise, Technik und mögliche Herkunft der Cyber-Dschihadisten informiert als Riban. Dem Admiral berichten die Ingenieure der staatlichen Sicherheitsagentur für Informationssysteme, die das ruinierte System von TV5Monde nun schon seit Tagen durchchecken. Dabei ist eines heute schon klar. "Auch wenn das keine Ehre ist: Frankreich steht auf dem Podium", sagt Riban. "Der Angriff auf TV5Monde zählt zu den drei größten Cyber-Sabotageakten, die wir weltweit kennen."