Seit Jahren fliegen die Aktienmärkte von Hoch zu Hoch. Zu denen, welche die Hausse antreiben, gehören die Konzerne selbst. Weltfirmen wie Apple, Exxon und IBM kaufen im großen Stil ihre eigenen Aktien an der Börse zurück. So treiben sie deren Preis in die Höhe und bescheren ihren Aktionären Kursgewinne.

Der Aktienrückkauf ist eine Alternative zur Dividende, die sich immer größerer Beliebtheit erfreut: Rund eine Billion Dollar haben US-Unternehmen im vergangenen Jahr für Aktienrückkäufe sowie Dividenden ausgegeben. Zu den aktivsten Käufern gehört Apple-Chef Tim Cook. Er hat seinen Aktionären versprochen, 90 Milliarden Dollar auszugeben für das bislang größte Rückkaufprogramm der Firmengeschichte. Und vergangene Woche hat General Electric angekündigt, weite Teile seines Finanzbereichs abzustoßen. Statt die Erlöse zu investieren, will der Mischkonzern 50 Milliarden Dollar in eigene Aktien stecken.

Das künstliche Kurswachstum hat Vorteile für die Manager. Durch den Rückkauf sinkt die Zahl der ausstehenden Anteile. Entsprechend erhöht sich der Profit pro Aktie – ohne dass der Gewinn tatsächlich höher ausfällt. Aber oft sind Bonuszahlungen der Vorstände an die Entwicklung des Gewinns pro Aktie geknüpft.

Einer der aggressivsten Langzeit-Rückkäufer ist IBM. Seit Jahren schafft es der Technologieriese kaum, neue Wachstumsfelder zu entwickeln. Stattdessen setzt er auf financial engineering und zieht regelmäßig eigene Anteile zurück. 2014 erwirtschaftete die Chefin Virginia Rometty rund 5,5 Milliarden Dollar Gewinn, zugleich kaufte IBM für 13 Milliarden Dollar eigene Anteile zurück. Rometty erhielt zusätzlich zu 1,5 Millionen Dollar Grundgehalt einen Bonus von 3,6 Millionen. Rückkäufe sind für die Unternehmenslenker weniger riskant, als Geld in ein neues Produkt oder eine neue Technologie zu stecken. Im Gegensatz zu Neuentwicklungen lässt sich der Erfolg ziemlich genau kalkulieren.

Selbst an der Wall Street stößt die Praxis nun auf Kritik: Larry Fink, Chef des Vermögensverwalters BlackRock, hat diese Woche einen Brief an die Vorstände der 500 größten US-Unternehmen geschrieben, in dem er beklagt, Aktienrückkäufe gingen zunehmend auf Kosten von "Innovation, Qualifizierung von Arbeitskräften oder notwendigen Kapitalaufwendungen für langfristiges Wachstum".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 16 vom 16.4.2015.

Finks Beschwerde ist nicht uneigennützig. BlackRock verwaltet mehr als vier Billionen Dollar. Das meiste Kapital steckt in Fonds, die automatisch verschiedenen Aktienindizes folgen. Daher kann BlackRock die Aktien nicht verkaufen und die von Rückkäufen ausgelösten Kurssprünge nicht nutzen.

Finks Kritik richtet sich vor allem gegen Investoren, die sich bei Konzernen einkaufen mit dem einzigen Ziel, sie zu Rückkäufen zu zwingen. Wie etwa Carl Icahn bei Apple. Während der Vorzeigekonzern immerhin über genügend Cash verfügt, ist die Vorgehensweise bei anderen Unternehmen mehr als fragwürdig. Icahns Spekulantenkollege Harry Wilson etwa brachte General Motors dazu, ein Rückkaufprogramm über fünf Milliarden Dollar aufzulegen. Damit entziehen Investoren dem Autokonzern Kapital, der erst 2009 vom Staat gerettet werden musste.

Noch bedenklicher ist die Praxis, die Rückkäufe auf Pump zu finanzieren. Angesichts der niedrigen Zinsen haben Unternehmen mehr Anleihen ausgegeben als je zuvor. Viele nutzen das frische Geld, um ihren Aktionären Gutes zu tun. Damit ersetzen sie Eigenkapital durch Fremdkapital. Die Schuldenlast kann es später schwieriger machen, magere Zeiten zu überstehen. Die Rückkäufe pumpen zudem gleich zwei Blasen auf – am Aktien- wie am Anleihemarkt. Und erhöhen so das Risiko einer neuen Krise.