Die SPD hat alleinerziehende Mütter und Väter eingeladen, in Briefen und Mails von ihrem Alltag zu berichten. Mehr als 200 haben ihre Eindrücke in einem Online-Forum bereits öffentlich gemacht, sie werden demnächst nach Berlin ins Willy-Brandt-Haus eingeladen. Bis dahin zeigen die Sozialdemokraten in der Internet-Kampagne, wie sie über Ein-Eltern-Familien denken: "Wonder woman – Alleinerziehende retten jeden Tag die Welt", steht da neben einem Bild von einer Frau mit zwei Kindern.

Das ist nett. Viel netter als die neue RTL-II-Serie zum selben Thema, die verzweifelte, überforderte oder sogar verwahrloste Mütter zeigt. Eine Art Super-Nanny hilft in der Serie Alleinerziehend den Müttern und Vätern vor laufender Kamera, "dem Leben eine neue Richtung zu geben", so der Sender. "Alleinerziehend ist das neue Asozial", schrieb die Welt nach dem Start der Serie.

Die Wahrheit ist: Bei Weitem nicht alle Alleinerziehenden sind Helden oder Heldinnen, viele verhalten sich beispielsweise unfair gegenüber Expartnern. Natürlich sind auch nicht alle Verliererfrauen. Einige sind nicht einmal besonders unter Druck, jedenfalls nicht mehr als andere Eltern. Weil es mittlerweile 1,6 Millionen Alleinerziehende mit kleinen Kindern in Deutschland gibt, gibt es auch sehr unterschiedliche Lebensformen. Entscheidend für ihre Lebensqualität sind das Verhältnis zum Expartner, das Netzwerk an Freunden und Verwandten, das Einkommen, die Anwesenheitspflichten im Job.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

Die amerikanische Harvard-Soziologin Kathryn Edin hat in aufwendigen Studien gezeigt, dass die meisten öffentlichen Vorstellungen von Alleinerziehenden nicht mehr stimmen. Neben dem Klischee von der verwahrlosten Mutter im Teenageralter gebe es vor allem die Vorstellung aus der Nachkriegszeit, wonach die alleinerziehende Mutter unter tragischen Umständen ihren Mann verlor und sich fortan für ihre Kinder aufopferte. Die wiederum mussten früh Verantwortung übernehmen, den Vater teilweise ersetzen. Politiker wie Gerhard Schröder und Bill Clinton passen zu dieser Erzählung.

Heute, das zeigen Edins Studien, haben die Kinder von alleinerziehenden Müttern oft viele Bezugspersonen, nicht zu wenige. Alte und neue Lebenspartner der Mutter spielen in ihrem Leben eine Rolle, Freunde und Verwandte, Erzieher und Lehrer. Kinder von Alleinerziehenden machen andere Erfahrungen als andere Jungen und Mädchen, aber längst nicht alle sind unglücklicher als Kinder in klassischen Familien. Die 1,6 Millionen Alleinerziehenden im Land haben so unterschiedliche Lebensstile wie beispielsweise die Schwulen oder die Rentner.

Doch eins verbindet sie alle: Für Alleinerziehende gelten einige Gesetze, die veraltet sind. Das Steuerrecht benachteiligt sie krass im Vergleich zu kinderlosen Ehepaaren, die vom Ehegattensplitting profitieren. Das spürte beispielsweise die niedersächsische Steuerberaterin Reina Becker, als sie Witwe wurde. Plötzlich änderte sich nicht nur ihr Familienleben, sondern auch ihre Steuerklasse. Auf einmal musste die Mutter von zwei Töchtern 7.300 Euro mehr pro Jahr ans Finanzamt zahlen als in der Zeit, in der ihr Mann noch lebte und das Paar vom Splitting profitierte.

Ein anderes Ärgernis ist das Unterhaltsrecht, das Alleinerziehende unterstützt, wenn der Expartner nicht für die Kinder zahlt. Der sogenannte Unterhaltsvorschuss endet nach sechs Jahren, also genau dann, wenn die Kinder teuer werden.

Die Bundesregierung hat auf Drängen der SPD vergangene Woche den Steuerfreibetrag für Alleinerziehende erhöht, um immerhin 600 Euro. Das hilft, reicht aber nicht. Warum wird für das erste Kind nicht einfach der gleiche Freibetrag bei der Steuer angesetzt wie für einen Ehepartner?

Den meisten Alleinerziehenden würde mit Geld und fairen Gesetzen mehr geholfen als durch Mitleid, Anerkennung oder Bewunderung, so gut das alles auch gemeint sein mag. Darin schwingt immer auch die Unterstellung mit, irgendetwas sei im Leben schiefgelaufen. Auch alleinerzogene Kinder in Großstädten empfinden sich heute meistens nicht mehr als Exoten. Viele Schulfreunde leben schließlich genauso wie sie. Wer es ihnen leicht machen will, sollte sie also normal behandeln. Man kann Probleme auch herbeireden.