In der DDR Gebliebene einerseits und aus ihr Weggegangene andererseits haben es bis heute schwer, miteinander zu reden. Zumindest über diesen Punkt, über das Gehen oder Bleiben. Musste man gehen, durfte nicht bleiben, musste man bleiben, durfte nicht gehen? Von wann an galt das, wenn es überhaupt galt? Für welche Berufsgruppen? Und war das reine Privatsache? Oder stets beides: eine private und sozusagen öffentliche Entscheidung?

Wie waren die "Seelenlagen", die soziale Psychologie des Gehens, Bleibens, des Weder-noch? Gab es so etwas wie eine innere Emigration auch in der DDR? Wie war es, sich nach dem Mauerbau wiederzufinden als Weggegangener, als Dagebliebener; wie, wenn man einander begegnete? Stand da der eine als Sieger, der andere als Verlierer, noch bevor ein Wort fiel? Fielen so wenige, so unbeholfene, so missverständliche Worte, weil das nicht mehr existierte, worüber man sich geschieden hatte? Weil diese große, oft schmerzhafte, niemals nur richtige Lebensentscheidung, zu gehen oder zu bleiben, beleidigt, ja lächerlich wurde, als die Mauer in den Staub fiel nach 28 Jahren, als ginge das so einfach, wie es an diesem Tag wirklich ging? Konnte diese Maueröffnung nicht auch als ein Hohn empfunden werden, eine Verhöhnung der Lebensentscheidungen, da doch mit dauerhaftem Bestand der Grenze gerechnet werden musste? Diejenigen, die vor dem Mauerfall blieben, und jene, die gegangen (worden) sind, stehen für zwei bislang weitgehend unvermittelte Sichten auf DDR-Geschichte. Die Sicht der Dableiber herrscht im Osten vor, nicht nur weil die Dissidenten zu DDR-Zeiten weggesperrt, abgeschoben, totgeschwiegen wurden, sondern auch aus psychologischen Gründen: Nach der Wende war es weit bequemer, mit der eigenen Biografie auch die vergangene DDR zu verteidigen, als das eigene Verhältnis zu den damaligen Verhältnissen zu klären. Die Sicht der Weggeher herrscht im Westen, nicht nur weil sie ihre Sicht hier – und nur hier – publizieren konnten, sondern ebenfalls aus psychologischen Gründen: Sie erleichtert Desinteresse. Es sind zwei Zerrbilder von DDR-Geschichte, die sich weitgehend unversöhnt gegenüberstehen, solange Weggeher und Dableiber sich nicht miteinander verständigen. Die einen wie die anderen hätten es nötig: Die Weggeher, weil niemand sie mehr hören will, weder im Osten noch im Westen. Die Dableiber, weil sie es so leicht haben, als "Verlierer der Geschichte" nicht mit sich ins Gericht gehen zu müssen.

"Vom vielen Rübergucken wird man krank", sagte die Mutter meines Schulfreundes Klaus. Sie hatte wohl recht. Ich kann mich erinnern, wie ich stundenlang benommen herumschlich nach so einem Besuch bei Klaus, dessen Elternhaus nur zehn Meter von dem ersten Westberliner Haus entfernt stand. Gemeinsam sahen wir lange aus dem Fenster, ich konnte nie genug davon bekommen. Wenn auf der anderen Seite der Mauer Palmen und Zypressen gestanden hätten, gut. Aber da standen dieselben Kiefern wie bei uns. Das fand ich ziemlich aufregend. Das schien alles echt zu sein da drüben, man durfte es nur nicht für real halten. Sich diese andere Lebensmöglichkeit nach dem Mauerbau innerlich offenzuhalten bedeutete, in der DDR nie anzukommen; an dem Ort und in der Zeit, die man nun mal hatte, um das Beste daraus zu machen. So auf Vorbehalt zu leben ist ungesund. Und es war auch in der DDR die Ausnahme.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 17 vom 23.4.2015.

In meinem Kinderzimmer hörte ich nachts Schüsse von der Grenze her oder vom nahen Übungsgelände der Amerikaner und nahm sie mit in den Traum. Dann sah ich jemanden mit einem Riesensprung in die grell beschienene Schneise hechten und liegen bleiben. Sah einen Untoten im offenen Cabrio, Glenn Miller im Radio, hin und her und hin über die Grenzerpisten pendeln. Im Traum war ich der unzeitig erwachte Küchenjunge im Dornröschenschloss, der die Schlafenden nicht zu wecken vermag, der verzweifelt an hohen Toren rüttelt und sich wünscht, nie erwacht zu sein. Im Sommer 1980 saß die PVAP, die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei, mit der Solidarność am Runden Tisch, es gab das Danziger Abkommen. Ich war schon Ende zwanzig, als ich mich damals entschloss, in diesen obligatorischen Politversammlungen nicht mehr zu schweigen. Dann geschah etwas Merkwürdiges: Ich fand keine Arbeit mehr, auch die schlichtesten Jobs wurden mir mit fingierter Begründung verweigert. Man brauchte ja nicht viel zum Leben in der DDR, aber nach einem Jahr wusste ich nicht mehr weiter und habe einen Ausreiseantrag gestellt.

Nach meiner Ausreise 1984 fuhr ich viel zu oft auf der Transitautobahn zwischen Hamburg und Berlin. Immerhin fuhr ich durch eine Gegend, die ich kannte wie keine andere und die ich vermutlich nie mehr würde betreten dürfen. Das hatte schon noch etwas Irreales. Ich wollte mir das nicht nehmen lassen; wenigstens den nackten Fuß im DDR-Gras neben der Piste.

Dann kam es noch besser: Vor mir, in der Heckscheibe eines alten Moskwitsch, entdeckte ich Vaters Hut. Ich kannte dieses Stillleben vom arrangierten Großbürger zu gut. Das Herz schlug mir im Hals, als ich auf seine Höhe fuhr, hupte, winkte. Vater sah mich, erschrak, lächelte verkrampft und gab mir Zeichen, zu verschwinden. Er hatte ein Kontaktverbot zu mir unterschrieben, seinem offiziell ausgereisten Sohn, um seine Professur zu behalten, er durfte mit mir nicht gesehen werden. Ich wusste das. Und empfand es als unser beider Niederlage, wenn wir es nicht wagen würden, jetzt wenigstens einen Kaffee zu trinken. Aber er winkte mich energisch an sich vorbei und sah nicht mehr zu mir herüber. Ich gab Gas, ließ meinen Vater hinter mir und dachte nicht einen Moment daran, wie es ihm dabei ging.

Nach dieser Begegnung hatte ich jedenfalls wieder Grund genug, zu tagträumen: von massenhaften deutsch-deutschen Verbrüderungen im Transit.