Ein spektakulärer Erfolg der genetischen Forensik: Zehn Jahre nach dem Attentat auf den Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder gelang es Spurenanalytikern 2001, den Mord mithilfe von ein paar Haaren aufzuklären – jedenfalls zum Teil. Denn dank eines neuen Verfahrens konnten sie aus Proben, die am Tatort gefunden worden waren, Erbmaterial isolieren und einem Verdächtigen zuordnen. In diesem Fall Wolfgang Grams, einem mutmaßlichen RAF-Mitglied.

Der Fall war einer der ersten, in denen Haare verlässliche Hinweise auf einen Täter lieferten. Früher, im Zeitalter der DNA-losen Forensik, konnte man einzig die Haare selbst mikroskopisch betrachten – Farbe, Beschädigungen und Schuppenstruktur – und mit Haaren von Verdächtigen vergleichen. Wie fehleranfällig diese Methode ist, zeigen die aktuellen Nachrichten aus den USA: Laut einem Bericht der Washington Postwurden dort zwischen den Jahren 1980 und 2000 Hunderte Angeklagte zu Unrecht verurteilt, weil das Gericht auf Grundlage von fehlerhaften Haaranalysen entschieden hatte.

Vorwürfe dieser Art waren schon lange laut geworden, doch erst 2012 begannen US-Justizministerium und FBI, sie zu prüfen. Gemeinsam mit der Anwaltsvereinigung National Association of Criminal Defense Lawyers (NACDL) und der Organisation Innocence Project (Unschuldsprojekt) nahmen sich die Behörden an die 3.000 Fälle vor, in denen Haarproben bei der Urteilsfindung eine Rolle gespielt hatten.

In 32 Fällen verurteilten US-Gerichte womöglich Unschuldige zum Tode

Der aktuelle Zwischenstand: In mehr als der Hälfte von etwa 500 untersuchten Fällen halfen Ergebnisse aus Haaranalysen, den Angeklagten die Tat nachzuweisen. Und in 96 Prozent der Fälle waren die Befunde fehlerhaft. In 32 Fällen verurteilten die Gerichte womöglich Unschuldige zum Tode – 14 der Verurteilten sind bereits tot. Peter Neufeld, der Co-Direktor des Innocence Project, spricht von "Justizirrtümern von epischem Ausmaß", deren langes Verborgenbleiben ihm unerklärlich sei.

Der Öffentlichkeit stellt sich nun die Frage: Ist Forensikern zu trauen? Wie zuverlässig sind die modernen Methoden? Dürfen Haare noch als Beweismittel herangezogen werden?

Heute ist für die meisten Kriminaltechniker ein Haar nicht mehr als eine Art Behälter, in dem sich Erbsubstanz befindet – genau wie in anderen Körpermaterialien auch. Die eigentliche Untersuchung zielt also nicht länger auf das Haar selbst, sondern auf die im Haar enthaltene DNA.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

Zu deren Analyse verwenden die Forensiker ein Verfahren, mit dem sie im Erbgut nach Stellen suchen, die keine genetische Information tragen. Hier finden sich in langen Wiederholungen kurzer Buchstabenfolgen – im Fachjargon Short Tandem Repeats (STR) – verräterische Variationen. Die Übereinstimmung einer Probe am Tatort mit dem STR-Muster eines Verdächtigen kann daher eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit ergeben, dass er die Spur am Tatort hinterlassen hat. "Man möchte eine 99 mit möglichst vielen Neunen hinter dem Komma", sagt der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel. Theoretisch kann die statistische Wahrscheinlichkeit eins zu vielen Milliarden ergeben.

Allerdings bedeutet so ein Resultat nur, dass der Verdächtige mit großer Wahrscheinlichkeit am Tatort war und die Spur hinterlassen hat. Oder dass Dritte seine Spur dort hinterlassen haben. Den schlagenden Tatbeweis liefert auch die DNA nicht, selbst wenn ein positiver genetischer Fingerabdruck – beispielsweise Spermaspuren an einem Vergewaltigungsopfer – einen Angeklagten schwer belastet.

Bei den Haaren ist die Sache noch vertrackter. Denn: Haar ist nicht gleich Haar, manches ist für Forensiker und Kriminaltechniker wertvoller als anderes. Dazu muss man sich die Lebensphasen eines Haars vor Augen halten: Die erste, anagene Phase ist gleichzeitig die längste. Das Haar sitzt fest verankert in der Kopfhaut und wächst drei bis sechs Jahre lang etwa zehn Millimeter pro Monat. Anagene Haare enthalten, vor allem in der Wurzel, lebende Zellen und damit die für die Fahnder so wichtige Kern-DNA, anhand derer sie Spurenleger sicher identifizieren können.

Irgendwann kommt die sogenannte telogene Phase, eine Ruheepisode. Das Haar ist noch lose mit der Kopfhaut verbunden, doch sein Ende ist nah: Nach drei, vier Wochen stößt ein nachwachsendes Haar den Vorgänger aus der Haut, er fällt aus. Telogene Haare sind es, die üblicherweise gefunden werden.