Ein karger Seminarraum. Im Stuhlkreis sitzen ältere Menschen: zwei Paare, ein Vater, vier Mütter, eine Lehrerin und zwei Uni-Mitarbeiter. Elternabend an der Universität Hamburg.

Elternabend? Moment, das sind doch diese Schultreffen, bei denen überengagierte Eltern mit untermotivierten Lehrern darüber streiten, ob Kevin die Constanze-Luise mobbt, ob es auf der Klassenfahrt vegetarisches Essen gibt und ob der Musikunterricht genügend kreative Freiräume zur Persönlichkeitsentwicklung lässt. Elternabende sind etwas, was die meisten, die sich für normal halten, am liebsten vermeiden würden. Und das gibt es jetzt auch noch an der Uni?

Gibt es. Und wer solch einen Elternabend besucht, kann beobachten, wie sich das Verhältnis von Kindern und jungen Erwachsenen in den vergangenen Jahren verändert hat – und wie Universitäten inzwischen auf die stark gestiegenen Abiturientenzahlen reagieren.

Also: Vorstellungsrunde.

"Mein Sohn ist gerade in so einer Phase, wo er nicht so nach außen kommuniziert", sagt eine Mutter mit Seidentuch und Steppjacke. "Wenn ich dränge, macht er dicht."

"Meine Tochter hat sich schon zweimal an der Uni beworben und wurde nicht genommen", sagt eine andere Mutter, orangefarbene Sneakers, pinkfarbene Jacke. "Sie sitzt jetzt nur zu Hause und macht nichts."

"Unsere Tochter ist gerade im Abi-Stress", sagt ein Vater, roter Pulli über kräftigem Bauch. "Sie will gerne Soziologie studieren. Aber wir kennen uns nicht so aus."

Dorothee Wolfs und Ronald Hoffmann nicken den Eltern zu, aufmunternd. Sie sind Studienberater der Universität Hamburg. Ihr Job: potenzielle Studenten – und an diesem Abend eben ihre Eltern – über das Studium an der Uni Hamburg informieren. Ihre Mission: Studenten davon abhalten, sich nur deshalb in Hamburg zu bewerben, weil die Stadt so schön ist (und ein bisschen spannender als Paderborn oder Braunschweig).

In den vergangenen Jahren gab es für jeden Studienplatz an der Universität Hamburg im Durchschnitt sieben Bewerber. Inzwischen sind alle Studiengänge zulassungsbeschränkt, in manchen Fächern warten Studenten länger als fünf Jahre auf einen Platz.

Die Mutter mit den orangefarbenen Sneakers möchte wissen, wie das mit den Zulassungen funktioniert. Hoffmann lehnt sich an das Stehpult. "Es gibt das Gerücht, dass mit jedem Wartejahr der Abischnitt besser wird", sagt er. "Das stimmt nicht. Abi-Note bleibt Abi-Note. Nach ihr werden 90 Prozent der Plätze vergeben. Die restlichen zehn Prozent nach Wartezeit, da spielt die Abi-Note keine Rolle. Es kann Ihrer Tochter also passieren, dass sie noch drei Jahre wartet – oder länger." Die Mutter schüttelt den Kopf. "Sie will Dolmetscherin werden, Spanisch und Englisch auf Lehramt studieren", sagt sie. "Nix anderes. Ich bin verzweifelt."

Hamburg sei eine schöne Stadt, sagt Dorothee Wolfs mit mitfühlendem Blick, aber man könne doch auch woanders studieren. Und ihr Kollege Hoffmann sagt: "Wir sagen immer: Bitte guckt nicht, was ihr mit eurem Notendurchschnitt in Hamburg machen könnt. Schaut auch woanders!"