Immer öfter mache ich in letzter Zeit eine Erfahrung, die mich als Redakteur einer Printzeitung naturgemäß irritiert: Debatten, die in Zeitungen lanciert werden, wirken zunehmend ermüdend auf mich, wie zu hohe Luftfeuchtigkeit an einem schwülen Sommertag (na ja, wenn man selber mitschreibt, fühlt es sich natürlich anders an ...). Aber sowie dieselbe Debatte in den verschiedensten Facebook-Teilöffentlichkeiten nachbearbeitet, fortgeschrieben, durchargumentiert, variiert und entgrenzt wird, wache ich wieder auf und fange Feuer.

Worin liegt der Unterschied? Nach wie vor sind die großen, altehrwürdigen Medien die Stichwortgeber, die all den engagierten Teach-ins, die täglich auf Facebook stattfinden, in der Mehrzahl der Fälle die Themen vorgeben. Sie sind, keine Frage, Global Player im Meinungsbildungsprozess. Sie tun dies aber unvermeidlicherweise, den Gesetzen ihres Mediums folgend, auf eine monolithische Art: eine Meinung in Stein gemeißelt. Sie markieren Positionen im Tonfall ihrer Letztverbindlichkeit. Sie schlagen Pflöcke ein, die die Unveränderlichkeit von Grenzziehungen zwischen Richtig und Falsch suggerieren. Die gedruckte Zeitung hat etwas Abgeschlossenes – Roma locuta, causa finita. Es ist kein Zufall, dass das Wort Drucklegung von Ferne an Grablegung erinnert.

Dass Wandel, Entwicklung und ständige Nachbesserung die Gesetze des organischen Lebens sind, ist für eine Zeitung äußerst schwierig abzubilden. Vielleicht gibt es mal ein Pro und Kontra, oder eine Serie beobachtet einen Gegenstand über mehrere Ausgaben aus verschiedenen Perspektiven, das ist aber schon das Maximum an Beweglichkeitschoreografie, die dem Printmedium möglich ist.

Ist hingegen der entsprechende Artikel erst einmal auf Facebook gepostet (durch einen Link, gerne aber auch durch das Abfotografieren der Titelzeile), wird der Debattenkern sogleich mit verteilten Rollen, plötzlichen Szenenwechseln, unerwarteten Peripetien und einer insgesamt unberechenbaren Dramaturgie fortgesponnen. Der Artikel fängt an zu atmen.

Die Debattendynamik durchläuft dabei typische Stadien: Zuerst wird auf das ursprüngliche Posting mit überschwänglicher Zustimmung reagiert: "Absolutvollganzundgarrichtig". Für einen Moment sieht es so aus, als bestünde die Welt aus Schwarz und Weiß. Über der Einheitsfront sind schrille Töne von Triumphgeheul zu hören. Das ist regelmäßig der Moment der Schubumkehr. Jemand erinnert daran, dass die gegnerische Seite auch über gute Argumente verfügt. Plötzlich fühlen sich alle dabei erwischt, es sich zu einfach gemacht zu haben. Es kommt die Phase der Nachdenklichkeit und Differenzierung. Abweichende Positionen werden in dieser Phase fair, nicht mehr als Karikaturen beschrieben. Der Autor des Ursprungspostings, dem die geschlossene Zustimmungsfront selber schon unheimlich geworden war, erläutert nun, aus welcher Denkwelt er selbst kommt, und erweist den klügsten Köpfen der Gegenposition Respekt. Er relativiert seine Position, was nichts Schmähliches ist, sondern bedeutet, dass er seine Argumente in Relation setzt zu anderen Denkschulen. Nun wird von allen Seiten eine Fülle neuer Argumente herangebracht. Die Frontverläufe sind längst unübersichtlich. Man fühlt sich wie auf einem Schiff, das von den Wellen mal in die eine, mal in die andere Richtung getragen wird – und man muss geschmeidig in den Knien sein, um diese Bewegungen auszubalancieren. Der ursprüngliche Artikel hat in diesem Prozess nichts von seinem Wert und seiner Substanz verloren, aber er hat sich auf belebende Weise mit der Welt verknüpft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

Wir haben uns daran gewöhnt, mit Blick aufs Netz vor allem die Verrohung der Kommunikationsformen zu beklagen. Netzkommunikation fördert die Enthemmung der Affekte. Aus dem sicheren Schutz der Anonymität wird den Verbreitern abweichender Meinungen gerne die Pest an den Hals gewünscht, Todesdrohungen lassen sich mit leichter Hand in die Tasten hauen. All das gibt es, keine Frage, und es ist schwer erträglich. Aber deshalb ist hier auch nicht von den Kommentarsträngen in Onlineforen die Rede, sondern von diesen eigentümlich dynamischen, hochsensiblen, hochevolutiven Teilöffentlichkeiten, die sich auf Facebook ausbilden und die anderen Gesetzen folgen.

Natürlich ist es schwer, das Phänomen zu generalisieren, denn jeder kennt aus erster Hand nur seine eigenen Facebook-Öffentlichkeiten. Sie überschneiden sich aber zu erheblichen Teilen in einer interessanten Mischung aus bekannten und unbekannten Namen, aus professionellen Journalisten und Fachleuten zu diesem oder jenem Thema, aus weltneugierigen Zeitgenossen und nervösen Menschen, die mit Journalisten nur die Eigenschaft teilen, über einen erhöhten Mitteilungsdrang zu verfügen. Diese Teilöffentlichkeiten sind nicht exklusiv, sondern offen für jede Freundschaftsanfrage, sie bilden sich um den Namen eines bekannten Journalisten, der seine Autorität dem Nimbus seiner Heimatredaktion verdankt, der aber nun auf seiner eigenen Facebook-Spielwiese gewissermaßen den Schlips lockert, die Manschetten ablegt, nahbarer, ansprechbarer, schalkhafter und selbstironischer wird – und dann manchmal eine Frische ausstrahlt, die man von ihm gar nicht gewohnt war ...