Klaus Kazenwadel muss schnell sein. "Für unser Geschäft sind kurze Lieferfristen extrem wichtig", sagt der Geschäftsführer von Techno-Kabelsysteme. Die Firma im schwäbischen Besigheim, die mit 20 Angestellten Kabelsysteme für Werkzeugmaschinen produziert, geht deshalb auf Nummer sicher und vertraut auf ein volles Lager. Kazenwadel muss also Geld ausgeben, lange bevor seine Kunden bezahlen. Um Liquiditätsprobleme zu vermeiden, setzt er auf "Factoring": Er verkauft sämtliche Forderungen nach Lieferung und Montage der Kabelsysteme an die Teba Kreditbank, die zur Gruppe der Volks- und Raiffeisenbanken gehört. Statt bis zu 60 Tage zu warten, bis der Kunde zahlt, erhält die Firma das Geld von Teba sofort. "Das gibt uns Planungssicherheit", sagt Kazenwadel. Außerdem muss er sich keine Gedanken um Zahlungsausfälle machen, weil ihm Teba dieses Risiko abnimmt.

Laut Deutschem Factoring-Verband haben Firmen 2014 Forderungen im Wert von 189,8 Milliarden Euro verkauft – 10,8 Prozent mehr als 2013. Fast 19.000 Unternehmen setzten inzwischen auf Factoring, sagt Verbandsgeschäftsführer Alexander Moseschus. Und immer mehr Mittelständler ziehen das schnelle Geld vor. Dem Bundesverband Factoring für den Mittelstand (BFM) zufolge wollen 14 Prozent der Firmen mit weniger als 2,5 Millionen Euro Umsatz künftig ihre Forderungen verkaufen – 2012 planten dies nur sechs Prozent.

Die Wachstumsraten überraschen. Schließlich hat der Forderungsverkauf nicht das beste Image. "Teilweise haftet dem Factoring der Ruch des Unseriösen an, weil es in die Nähe von Inkasso gerückt wird", sagt Thomas Hartmann-Wendels, Professor für Bankbetriebslehre an der Uni Köln. Und auch wer seine Forderungen verkauft, dem werden bisweilen finanzielle Probleme unterstellt. Vorurteile, die nicht haltbar sind, wenn man mit Unternehmern spricht: Sie setzen nicht auf Factoring, weil sie klamm wären, sondern weil sie wie Kazenwadel Planungssicherheit brauchen. Wer seine Forderungen nach der Auftragsabwicklung verkauft, kassiert 80 bis 90 Prozent der Rechnungssumme binnen zwei Tagen; den Rest gibt’s, sobald der Kunde beim Factoring-Anbieter bezahlt hat. Dieser kassiert im Gegenzug eine Gebühr von 0,5 bis drei Prozent der Rechnungssumme.

Zudem wollen viele Unternehmer seit der Finanzkrise unabhängiger werden – und zwar von ihrer Bank. "Davon profitieren wir natürlich", sagt Volker Ernst, Vorstandsvorsitzender des BFM. Für viele sei Factoring eine Alternative zum kurzfristigen Kredit. "Trotz der niedrigen Zinsen ist es für Mittelständler aufwendig, einen Kredit zu bekommen", sagt Martin Zwetko, Geschäftsführer eines Großhandels für Betriebshygiene in Olching bei München. Auch Kazenwadel hat die Banken als "schwierigen Partner" erlebt. "Dank Factoring muss ich aber nicht mehr um eine Brückenfinanzierung bitten, wenn Rechnungen zu spät beglichen werden", sagt er.

Verspätete Zahlungen sind eines der Hauptprobleme des Mittelstands: Der Wirtschaftsauskunftei Creditreform zufolge müssen deutsche Firmen im Schnitt fast zwei Wochen länger als vereinbart auf den Rechnungseingang warten. Kein Wunder, dass Factoring boomt, auch wenn Planungssicherheit und Unabhängigkeit von der Bank nicht umsonst sind: Neben dem Abschlag für ihre Dienstleistung kassieren die Factoring-Anbieter drei bis sechs Prozent Zinsen für ihre Vorleistung, also die Zeit zwischen Auszahlung und Rechnungseingang. Zusätzlich verlangen die Anbieter anfänglich Pauschalen für Bonitätsprüfung. Vor allem für Firmen mit vielen Kleinkunden kann das teuer werden, weil die Kosten pro Kunde in Relation zum Umsatz stark ins Gewicht fallen. Aber auch Firmen mit nur wenigen Kunden drohen höhere Kosten: Sobald eine Firma mit einem Kunden mehr als 20 Prozent des Umsatzes macht, erhöhen Dienstleister wegen des Klumpenrisikos ihre Gebühren.

Unternehmer können allerdings vom Wettbewerb auf dem Factoring-Markt profitieren, auf dem sich inzwischen fast 200 Dienstleister tummeln. Es macht deshalb Sinn, mehrere Angebote zu vergleichen. Viele Anbieter sind auf bestimmte Branchen spezialisiert und offerieren auf ihrem Feld besonders günstige Konditionen. Schwer haben es allerdings Firmen aus der Baubranche: Das Risiko, dass Kunden Baumängel reklamieren und die Rechnung nur teilweise oder gar nicht bezahlen, hält die meisten Dienstleister fern.

Wer eine Factoring-Firma sucht, sollte nicht ausschließlich auf den Preis schauen, raten Unternehmer. So zahlt Zwetko bei seinem jetzigen Anbieter "nicht gerade wenig", aber dafür sei der Service "besser als bei anderen". Zum Beispiel gehe das Geld nicht erst nach 48, sondern innerhalb von 24 Stunden auf dem Firmenkonto ein. Zudem hat er vereinbart, dass die gesamte Rechnungssumme ausgezahlt wird statt der üblichen 80 bis 90 Prozent.

Factoring ist nicht gleich Factoring, die Modelle unterscheiden sich. Und zwar nicht nur bei den Konditionen, sondern auch beim Leistungsumfang: Viele Anbieter schreiben auch Rechnungen und Mahnungen. "Das entlastet uns von Bürokratie", sagt TKS-Geschäftsführer Kazenwadel. Mahnungen gingen aber nicht automatisch, sondern "erst nach Rücksprache mit uns" raus.

Was aber sagen die Kunden dazu, dass sie das Geld nicht an die Firma, sondern an einen Dienstleister überweisen sollen? "Als wir damit angefangen haben, gab es vereinzelt skeptische Nachfragen", sagt Zwetko, der seit zehn Jahren auf das Modell setzt. Das sei aber vorbei.

Auch Kazenwadel berichtet von wachsender Akzeptanz. "Das ist wie mit dem Fahrzeugleasing: Früher standen Unternehmer im Verdacht, sich kein eigenes Auto mehr leisten zu können – inzwischen ist Leasing die Regel."

Dabei hilft natürlich, dass deutsche Factoring-Dienstleister seit 2008 der Finanzaufsicht unterliegen. "Für uns gelten fast dieselben Auflagen wie für Banken", sagt BFM-Chef Ernst. Eigenkapitalquoten seien zwar nicht vorgeschrieben, aber dafür prüfe die BaFin zum Beispiel, ob Dienstleister "risikotragfähig" und ob Geschäftsführer "zuverlässig" seien. "Die Regulierung sorgt dafür, dass die Anbieter eine Reihe von Regeln einhalten müssen", sagt Hartmann-Wendels. Sie garantiere allerdings keine Seriosität. Und auch Ernst rät zu sorgfältiger Auswahl. "Wenn Anbieter aggressiv werben, ist das ein schlechtes Zeichen", sagt er. "Seriöse Factoring-Dienstleister lassen potenziellen Kunden Zeit für die Entscheidung."