Syrische Flüchtlingsfrauen vor ihrer Unterkunft im libanesischen Ort Ouzaii © Mahmoud Zayyat/AFP

Ob es zu viele Migranten in einem Land geben kann, das ist im Libanon keine abstrakte Frage. Dort sind 1,2 Millionen Syrer amtlich als Flüchtlinge erfasst. Dazu kommen mehrere Hunderttausend, die nicht registriert sind, einige Tausend Schutzsuchende aus dem Irak und eine halbe Million Palästinenser, die hier seit Jahrzehnten in überfüllten Camps leben.

Der Libanon ist halb so groß wie Hessen und hat eine einheimische Bevölkerung von rund vier Millionen Menschen. Das ergibt einen Flüchtlingsanteil von über dreißig Prozent – ein Weltrekord, den sicherlich niemand übertreffen will. Auf deutsche Verhältnisse hochgerechnet, hieße das: Über 24 Millionen Flüchtlinge innerhalb von vier Jahren.

Wie kommt das Land mit dieser Masseneinwanderung zurecht? Zunächst einmal geht es zum Erstaunen vieler nicht unter. Es improvisiert, manchmal nah am Rand des Abgrunds.

Zum Beispiel in Tripolis, der zweitgrößten Stadt im Norden, nahe der syrischen Grenze. Die Einschusslöcher in den Ruinen des Bahnhofs stammen noch aus dem libanesischen Bürgerkrieg, die an den Hausfassaden entlang der Syria Street sind neu. Hier leben Sunniten und die alawitische Minderheit des Libanons nebeneinander und bekriegen einander seit zwanzig Jahren sporadisch; im alawitischen Viertel hängen Assad-Poster, in den sunnitischen Straßen wehen Fahnen der Freien Syrischen Armee, der Al-Nusra-Front und des "Islamischen Staats". Mittendrin haben Zehntausende Syrer Unterschlupf gefunden. Sie leben von Gelegenheitsjobs sowie von Spenden ziviler und religiöser Hilfsorganisationen. Diese erhalten ihr Geld oft aus Saudi-Arabien und Katar. Wie diverse Straßenkämpfer auch.

Weiter geht es in Richtung Süden nach Baalbek und Zahlé in der Bekaa-Ebene, dem Brotkorb des Landes. Ein konfessioneller Flickenteppich, hier grenzen schiitische, sunnitische und christliche Orte aneinander. Zwischen Weingütern und Äckern stehen unzählige improvisierte Zeltlager aus Lkw-Planen, die improvised tent settlements der syrischen Flüchtlinge.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

Die UN und internationale Hilfsorganisationen haben in den meisten dieser Camps Kies aufgeschüttet, damit die Bewohner bei Regen nicht mehr im Schlamm versinken. Sie geben Lebensmittel aus, so weit das Geld reicht, zahlen zumindest teilweise medizinische Behandlung. Wassertanks und Latrinen sind aufgebaut; mobile Kliniken, oft von libanesischen Helfern betrieben, sorgen für eine minimale Gesundheitsversorgung. Trotzdem sind auch in diesem Winter wieder Kinder erfroren.

Flüchtlinge, die noch etwas Geld haben, sind in Garagen, leeren Fabrikhallen oder Rohbauten untergeschlüpft und zahlen dafür oft unverschämt hohe Mieten. Andernorts arbeiten die Syrer für Logis auf den Feldern. Und wieder andernorts wird man Zeuge kleinerer Wunder. Im maronitischen Deir al-Ahmar zum Beispiel, landesweit bislang nur für seine Haschisch-Produktion bekannt. Vor vier Jahren lebten hier rund 10.000 Einheimische, jetzt sind 8.000 Flüchtlinge dazugekommen, und es werden mehr. Die Einheimischen haben ein Hilfskomitee gegründet und die Flüchtlinge einen Zeltrat. Flüchtlingskinder gehen in eine improvisierte Schule, Männer und Frauen haben ein paar Monate im Herbst Arbeit auf den Feldern.

Dennoch gibt es reichlich Wut auf die Syrer, es kommt zu Gewalttaten gegen Flüchtlinge. Syrer wurden auf offener Straße gejagt und verprügelt, Zelte angezündet. In den ärmsten Gegenden des Landes verschärft die Konkurrenz um ohnehin knappe Jobs die Spannungen. Flüchtlinge erhalten im Libanon keine finanzielle Unterstützung, dürfen aber arbeiten – und unterbieten in ihrer Not jeden Niedriglohn.

Zurück an die Küste, nach Beirut. Abseits der glitzernden Skyline der Hauptstadt liegt, eingekeilt zwischen Wohnvierteln, Schatila. Gegründet 1949 als Flüchtlingslager für 3.000 Palästinenser, ist es heute ein Labyrinth enger Gassen, über das sich ein wirres Netz aus Stromkabeln und Wäscheleinen spannt. Offiziell sind in Schatila 10.000 Palästinenser als Flüchtlinge registriert. Inoffiziell leben hier geschätzte 20.000 Menschen. Schatila ist ein Zufluchtsort für Vertriebene aus Syrien geworden, darunter Tausende aus Jarmuk, jenem palästinensischen Vorort von Damaskus, der seit Jahren vom Regime und seinen Gegnern zerschossen und ausgehungert wird. In den winzigen Friseurläden und Lebensmittelgeschäften laufen die Fernseher mit Filmaufnahmen aus dem Krieg, übertönt vom Lärm der Autowerkstätten und jener Bautrupps, die auf marode Häuser weitere Stockwerke für die Neuankömmlinge setzen. Kanalisation und Wasserversorgung sind in prekärem Zustand.