Meldungen über Hunderte von Ertrunkenen im Mittelmeer nimmt man hier achselzuckend auf.

Nach vier Jahren Krieg reicht die Kraft der Empathie nur noch für die Schicksale derer, die man kennt: den Bruder, der es übers Meer bis nach Deutschland geschafft hat, obwohl er eigentlich nach Schweden wollte. Die Ehefrau mit Kind, die sich endlich aus Sizilien gemeldet hat. Den Cousin und Glückspilz, der mit einem Einwanderungsvisum auf dem Weg nach Australien ist.

Beirut im Jahr 2015 erinnert an das Lissabon im Zweiten Weltkrieg – wackeliger, neutraler Boden, auf dem sich Jäger und Gejagte, Helfer, Kriegstreiber, Schmuggler und Agenten bewegen. Der Unterschied zum Portugal der 1940er Jahre: Im Libanon folgt eine Flüchtlingsgeneration auf die nächste. Wenn an diesem Freitag die armenische Minderheit des Landes in Trauermärschen des 100. Jahrestags des Genozids gedenkt, gehen in ihren Reihen viele armenische Syrer aus Aleppo mit, sie sind Vertriebene des syrischen Bürgerkriegs.

Die Vertrautheit des Ausnahmezustands erklärt vielleicht, warum diese Gesellschaft trotz der Masseneinwanderung nicht kollabiert. Fast jeder hier weiß aus eigener Erfahrung oder der seiner Eltern, was es heißt, wenn einem das normale Leben von einem Tag auf den anderen entrissen wird.

Und was macht der Staat? Er hat im Januar dieses Jahres dann doch die Grenzen geschlossen. Weitgehend jedenfalls. Nicht mit Mauern und Zäunen, sondern mit der Einführung des Visumzwangs für Syrer. Wohl wissend, dass Kriegsflüchtlinge nicht einfach bei der libanesischen Botschaft in Damaskus ihre Einreise beantragen können. Menschen in "besonders schwerer humanitärer Not" will der Libanon allerdings weiterhin ins Land lassen.

Man kann der libanesischen Regierung ihre Verbitterung darüber nicht verdenken, dass die Welt sie mit der Last der Flüchtlinge weitgehend allein gelassen hat. Das richtet sich nicht nur gegen den Westen. Sondern auch gegen die reichen Golfländer, die im syrischen Bürgerkrieg mit Waffen und Geld intervenieren, aber kaum Flüchtlinge aufnehmen.

Von den 1,2 Millionen registrierten Flüchtlingen im Libanon sind 400.000 zwischen fünf und siebzehn Jahre alt. Zwei Drittel haben seit Jahren kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen.

Wie lange geht das im Libanon noch gut? Vielleicht zwei, vielleicht drei, fünf oder zehn Jahre. Bis die erste Generation der syrischen Kinder erwachsen geworden ist und ohne jede Perspektive dasteht.