Ein Mord unter Flüchtlingen, mitten im Unterricht. Dienstag, der 14. April: In einem Klassenzimmer-Container der Nelson-Mandela-Schule in Wilhelmsburg verletzt der 17-jährige Amin seinen gleichaltrigen Mitschüler Samyullah mit einem 20 Zentimeter langen Küchenmesser so schwer, dass dieser noch am Tatort verblutet. Ein Schatten sei auf die Stadt gefallen, sagt Bürgermeister Olaf Scholz.

Viel weiß man nicht über Opfer und Täter. Beide sind minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge. Amin, der Täter, komme aus einer gebildeten Familie, sagt eine Mitarbeiterin des Jugendhilfe-Trägers, der ihn betreut hat. Seine Eltern hätten ihn aus dem Kriegsland Afghanistan zum Studieren nach Deutschland geschickt. Samyullah, der Erstochene, kam im Mai 2014 nach Deutschland und lebte mit zwölf anderen Flüchtlingen in einer betreuten Wohnung. "Samyullah wollte hier in Hamburg etwas erreichen, er wollte sich integrieren, hatte Ziele, wollte einen guten Schulabschluss machen", schrieb der Landesbetrieb Erziehung und Beratung (LEB). Dass es um ein Mädchen gegangen sei, dass die beiden schon vorher in einer Schlägerei aneinandergeraten seien: Es bleiben Gerüchte.

Die LEB-Mitarbeiter schreiben von einer "kaum begreiflichen Tat" – jedenfalls für Außenstehende ist es so. Experten wissen, wie belastet, oftmals traumatisiert afghanische Jugendliche sind. Sie kommen aus einem Land, in dem seit 1978 ununterbrochen Krieg herrscht. "Die afghanischen Jugendlichen sind nach außen freundlich und nett, aber irgendwann explodieren sie", sagt ein Mitarbeiter im Sozialmanagement einer Flüchtlingseinrichtung.

Seit Monaten schon steigt die Spannung unter den Flüchtlingen in Hamburg, auch unter den 4280 Menschen, die derzeit in den zehn Erstaufnahme-Einrichtungen der Stadt auf engstem Raum zusammenleben. Immer wieder entlädt sie sich in Gewalt. Im Flüchtlingsheim am Waldweg in Volksdorf musste die Polizei über Ostern bei drei größeren Prügeleien zwischen russischen und afghanischen Flüchtlingen einschreiten. Es gab Verletzte, acht Bewohner wurden vorläufig festgenommen. Vergangenen September lieferten sich in der Schnackenburgallee in Stellingen knapp 100 Männer eine Massenschlägerei. Mehr als 90-mal eilte die Polizei im vergangenen Jahr zu der Unterkunft, dieses Jahr sind es bis April schon 30 Einsätze gewesen. Meist wegen Schlägereien.

Woher kommt die Gewalt? "Wenn bestimmte Basics funktionieren würden, hätten wir weniger Spannungen", sagt einer der Sozialarbeiter, der seinen Namen nicht nennen will. "Drei Viertel unserer Arbeitszeit besteht darin, die Leute zu vertrösten." Noch immer warten 1800 Flüchtlinge seit mehr als drei Monaten darauf, dass sie von der Erstaufnahme in eine reguläre Wohnunterkunft kommen. Viele schlafen in Containern. Der Sozialarbeiter erzählt von dem älteren Herrn aus Afghanistan mit Herzproblemen, dem ein Kardiologe bestätigte, dass er dringend behandelt werden müsse. Dennoch habe es länger als drei Wochen gedauert, bis die Krankenversicherungsbescheinigung von der Behörde gekommen sei.

Der Sozialarbeiter erzählt von einer Dienstanordnung, der zufolge sie Flüchtlinge zu ehrenamtlich betriebenen Kleiderkammern schicken sollen. Erst wenn dort nichts zu finden sei, gebe es Kleidergeld. "Aber Unterwäsche zum Beispiel ist Mangelware", sagt er. "Und wenn dann plötzlich 50 Leute vor der Tür stehen und man 40 von ihnen wieder wegschicken muss, weil die Kleiderkammern überlastet sind, dann wird das schon eine heiße Situation. Dann muss man auch mal die Security rufen."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Marcel Schweitzer, Sprecher der Sozialbehörde, sagt, dank der Spendenbereitschaft der Hamburger sei die Situation relativ gut: "Im Vergleich zum Beispiel zu Halberstadt in Sachsen-Anhalt haben es die Flüchtlinge bei uns etwas leichter."

Ein anderes Problem: Jedem Flüchtling stehen laut Asylbewerberleistungsgesetz pro Monat 144 Euro zu. Doch nur an einem Tag im Monat dürfen die Bewohner der Unterkünfte nach Harburg fahren, um sich den Leistungsbescheid abzuholen. Die Folge: Schon frühmorgens bilden sich dort lange Schlangen. Viele stehen stundenlang an und werden dennoch wieder weggeschickt. Ein Mann aus Guinea-Bissau habe neunmal in der Schlange gestanden, ehe er seine 144 Euro bekommen habe, sagt der Sozialarbeiter.

In der Schnackenburgallee musste seit Februar ein Großteil der Neuankömmlinge sieben Wochen lang ohne einen Cent leben. "Keine HVV-Fahrkarte, kein Hygieneartikel, kein Tabak, keine Telefonkarte, um Kontakt mit der Familie aufzunehmen", heißt es in einem Beschwerdeschreiben der örtlichen Sozialmanager, das der ZEIT vorliegt. "Die Verzweiflung und Ratlosigkeit der Bewohner sind spürbar."

Seit über einem Jahr fordern die Sozialarbeiter, dass die Behörde die Auszahlungen in die sieben Unterkünfte verlagert. Doch das soll nicht passieren. Eine Bearbeitung in den einzelnen Standorten sei "mit dem vorhandenen Personal nicht möglich", sagt Frank Reschreiter, Sprecher der Innenbehörde.

Am vergangenen Freitag kletterte ein syrischer Flüchtling auf ein Gebäudedach des Heims an der Schnackenburgallee und drohte, herunterzuspringen. Er wollte so verhindern, dass zwei freie Betten in seinem Vierbettcontainer belegt werden. Anfang April fügte sich ein 39-jähriger Iraner, der wegen Selbstmordgefahr in die Psychiatrie eingewiesen worden war, mit einem Feuerzeug schwere Verbrennungen zu. Die Lage in den Unterkünften bleibt angespannt.

Und die steigenden Flüchtlingszahlen lassen nicht vermuten, dass sich die Situation bald verbessern wird. Für dieses Jahr erwarten die Behörden 7700 Flüchtlinge in Hamburg. Das wären 1200 mehr als im vergangenen Jahr – und 2014 hat der Bund seine Prognose im Laufe des Jahres noch viermal erhöht.

Mitarbeit: Jonas Breng