Alexis Tsipras © dpa

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"Das da", sagt der griechische Steuerbeamte und zeigt auf ein Kabel, das von seinem Laptop aus mit Paketband verklebt über den Büroboden führt, "habe ich selbst gelegt." Eine Internetverbindung habe das Finanzamt, in dem er arbeitet, nämlich nicht. Yannis (Name geändert) bezahlt den Zugang selbst. Ohne juristische Online-Datenbank, sagt er, komme er nicht an die Gesetzestexte heran, auf deren Grundlage er Steuerbescheide ausstellen soll. Die Regierung in Athen liefere nichts Gedrucktes. Sie liefere ihm nicht einmal einen zeitgemäßen PC, weswegen das selbst gelegte Datenkabel in Yannis’ privatem Laptop endet, mitgebracht von zu Hause. Den Drucker, er deutet auf das Regal neben ihm, habe er auch selbst bezahlt.

Vor der Bürotür in dem Amt, das die Menschenfreundlichkeit eines Heizungskellers versprüht, stapelt sich ein halbes Dutzend schwerer Müllsäcke, vollgepackt mit Steuerunterlagen. Sein "Archiv" nennt Yannis den Haufen. Es sei ja schön und gut, dass er auch ältere Akten auf Steuerbetrug prüfen solle – nur, wie solle er das stemmen, unter diesen Umständen?

Die Probleme von Yannis sind seit drei Monaten auch die Probleme von Alexis Tsipras. Oder sollten es zumindest sein. Tsipras und das von ihm geführte Linksbündnis Syriza haben vor einem Vierteljahr in Griechenland die Macht übernommen. Ihr Wahlsieg war eine Zäsur in der Geschichte des Landes. Erstmals gelangte mit Tsipras ein Außenseiter an die Macht, der nicht der Kaste derjenigen angehört, die das Land in den vergangenen Jahrzehnten zugrunde gerichtet haben. Tsipras hat seinen Wählern versprochen, den maroden Staat zu sanieren, Schluss zu machen mit Korruption, Vetternwirtschaft und einer Sparpolitik, die – so sieht er das – der griechischen Wirtschaft die Luft zum Atmen genommen und vor allem die sozial Schwachen belastet hat.

Tsipras hat dafür viel riskiert. In der EU ist Griechenland praktisch isoliert, die Beziehungen zu den wichtigsten europäischen Verbündeten sind ruiniert. Weil kein Geld aus Brüssel mehr fließt, droht dem Land die Pleite, die Mitgliedschaft in der Währungsunion steht zur Disposition. Diese Woche hat die Regierung per Dekret angeordnet, dass Kommunen und staatseigene Unternehmen ihre Barreserven auf ein Staatskonto überweisen, damit wenigstens die laufenden Rechnungen bezahlt werden können.

Seit drei Monaten ist die neue Regierung nun im Amt. Das ist angesichts der Herausforderungen, denen sie sich gegenübersieht, keine lange Zeit. Doch nach drei Monaten kann man die Frage stellen, ob zumindest die Richtung stimmt. Wie in Griechenland regiert wird – und für wen.

Vergangene Woche im griechischen Parlament: Abgeordnete laufen mit gehetztem Blick durch Gänge und Kantinen. Aus den Büros weht Zigarrenrauch auf die gemäldegeschmückten Flure. Viele hier arbeiteten tatsächlich von morgens bis Mitternacht, berichten Parlamentskorrespondenten. Es ist schwer, einen Parlamentarier von Syriza zu fassen zu kriegen; die meisten wollen entweder die Plenardebatte verfolgen, die gerade läuft, oder selber dort sprechen.

Im Abgeordnetensaal geht es um das dritte Gesetz, das die neue Regierung verabschieden möchte. Das erste hatte zum Ziel, die "humanitäre Krise" zu mildern, die die Sparpolitik angeblich ausgelöst hatte. Unter anderem sollen dadurch alle Bürger Zuschüsse erhalten, die ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können. Das zweite Gesetz diente dazu, die Pflichten und Strafen für säumige Steuerschuldner abzumildern. Das dritte, dasjenige, das gerade mit Leidenschaft im Plenum verhandelt wird, soll die Lage in den überfüllten griechischen Gefängnissen verbessern. Insbesondere soll es all jene befreien, die aufgrund von Schulden inhaftiert worden sind.

Gibt es gerade nichts Dringenderes? In den Finanzämtern eines Beinahepleitestaates gibt es keine Gesetzestexte, und die Regierung kümmert sich um Knastpolitik und ausgerechnet um Erleichterungen für Steuerschuldner?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

Nein, widerspricht Triantafyllos Mytafidis, ein Syriza-Abgeordneter, der sich auf einen Kaffee in der Fraktions-Pantry hat überreden lassen. "Es geht um Maßnahmen des Überlebens", sagt er. "Was wir hier gerade machen, ist das Minimum dessen, was die Leute brauchen." Europa müsse endlich einmal Folgendes begreifen: "Priorität für diese Regierung hat, den Griechen zu helfen. Das sind unsere Reformen. Die Reformen, die die EU fordert, kommen später." Not kennt kein Gebot, lautet das Credo. Schon gar nicht irgendwelche Rückzahlungsfristen der Gläubiger.

Und zur Not – so denken einige hier – gebe es ja auch noch die Russen und die Chinesen. Deren Taschen seien tief, und Griechenland habe geostrategisch einiges zu bieten. Hochrangige Syriza-Politiker berichteten am Wochenende von Milliardenzahlungen aus Moskau, die "das Blatt wenden" würden. Es geht um eine Pipeline, die russisches Gas über griechisches Territorium nach Europa befördert. Die Transitgebühr, so sagen sie, würde den Griechen praktisch vorab überwiesen – und die Geldsorgen lindern.