DIE ZEIT: Frau Dr. Bieber und Frau Dr. Komo-Lang, Sie leiten gemeinsam die Psychosomatische Ambulanz am Universitätsklinikum Heidelberg. Was hat Ihr Vorgesetzter zu der Idee gesagt, dass Sie sich den Job einer Oberärztin teilen wollen?

Christiane Bieber: Der Impuls zum Jobsharing kam von ihm.

ZEIT: Tatsächlich?

Bieber: Ich hatte vorher schon als Oberärztin gearbeitet. Als die Leitung der Psychosomatischen Ambulanz neu besetzt werden sollte, fragte er mich, ob ich mir ein Jobsharing vorstellen könne. Er wusste, dass ich mein zweites Kind bekommen hatte und daher nur in Teilzeit zurückkommen wollte. Meine Kollegin kannte ich schon aus der Facharztausbildung, und wir konnten uns das gut vorstellen, weil wir ähnlich denken.

Miriam Komo-Lang: Außerdem arbeiten wir seit vielen Jahren in der Klinik, und da liegt es doch nahe, auf qualifizierte Mitarbeiter zurückzugreifen, statt jemanden von außen zu holen.

ZEIT: Selbstverständlich ist Ihr Modell allerdings noch lange nicht. Wie haben Ihre Kollegen reagiert?

Komo-Lang: Es hat schon gedauert, bis wir das Team davon überzeugen konnten, dass wir kein Programm sind, das Mütter wiedereingliedert, sondern einfach als qualifizierte Ärztinnen arbeiten wollen. Da kam dann zum Beispiel die Frage: Was ist, wenn die Kita anruft und du musst weg, obwohl wir dich bräuchten?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

ZEIT: Was war Ihre Antwort?

Komo-Lang: Manchmal muss ich eben weg.

ZEIT: Haben Sie das Gefühl, dass man als 60-Prozent-Ärztin nicht ganz für voll genommen wird?

Komo-Lang: Das ist immer ein Thema, wenn man vorher schon mal Vollzeit gearbeitet hat. In der Psychosomatischen Ambulanz stellen wir die Erstdiagnose und schätzen ein, ob eine Therapie geeignet ist. Daher wird sicher kritisch beobachtet, ob wir richtig entscheiden. Man muss sich schon gut überlegen, ob das eine Belastung ist, die man tragen kann.

ZEIT: Hatten Sie Zweifel?

Bieber: Ich hatte keine Zweifel, wir hatten uns im Vorfeld genau überlegt, was die Voraussetzungen für das Jobsharing sind. Man braucht vor allem einen starken Willen. Wenn man es will, dann geht das auch.

ZEIT: Sie klingen wie eine Motivationstrainerin ...

Bieber: Gerade in der Anfangsphase ist der Kraftakt sehr groß. Jobsharing klappt nicht, wenn man es nur halbherzig macht. Wichtig ist vor allem Solidarität untereinander, das Versprechen, sich gegenseitig zu helfen.

ZEIT: Wie teilen Sie die Stelle auf?

Bieber: Ich arbeite 65 Prozent, meine Kollegin 60 Prozent. Daher haben wir uns die Tage aufgeteilt und überschneiden uns zwischendurch. Das geht auch deswegen, weil zu uns jeden Tag neue Patienten kommen. Wichtig ist uns, dass die Lasten und die Vorteile gerecht verteilt sind. Ich bin drei volle Tage und einen halben hier ...

Komo-Lang: ... ich arbeite drei volle Tage. Das ist ein organischer Ablauf für mich, und ich kann mir auch mal die Zeit nehmen, eine Pause zu machen.

ZEIT: Fragen Sie sich an den freien Tagen zu Hause, was die andere wohl gerade macht?

Bieber: Ich weiß, dass meine Kollegin unseren Job mindestens genauso gut macht. Das Zutrauen zum Sharingpartner ist eine ganz wichtige Basis für das gemeinsame Arbeiten.

Komo-Lang: Man darf sich nicht für den Nabel der Welt halten – weder in der Klinik noch zu Hause. Man muss die Arbeit so organisieren, dass sie auch ohne einen laufen kann, und man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass man selbst die Einzige ist, die ein Problem lösen kann.