DIE ZEIT: Nervt es Sie eigentlich, immer wieder über die Vergangenheit zu reden?

Juliette Gréco: Überhaupt nicht, das interessiert mich sehr.

ZEIT: Sie haben so viel erlebt!

Gréco: Ich bin so vielen Menschen begegnet. Später sind die meisten von ihnen weltberühmt geworden. Aber damals kannte sie noch niemand. Ich ging ins Café Flore oder ins Deux Magots und sah Sartre und Beauvoir am einem Tisch sitzen. Giacometti war immer ganz alleine im Lipp und zeichnete die ganze Zeit auf die Papiertischdecke. Er hat mich oft gezeichnet. Sie können sich das nicht vorstellen. Es waren magische Jahre. Das Verrückte war, dass jeder damals mit jedem gesprochen hat. Wirklich jeder. Jeder war ungeheuer beschäftigt. Das Geld spielte dabei noch überhaupt keine Rolle. Heute ist das Geld das eigentliche Ziel des Lebens, damals war es nur ein Mittel.

ZEIT: Sie führten damals ein ziemlich wildes Leben.

Gréco: Ja, wild und einsam. Das ist bis heute so, ich bin einsam. Auch wenn mein Mann Gérard da ist, bin ich innerlich einsam. Das ist so, seit ich ein Kind war. Ich wollte das so. Ich mag nicht jeden. Ich bin überhaupt nicht mondän. Ich bin wie ein Tier.

ZEIT: Haben Sie diese Radikalität von Ihrer Mutter? Sie muss ein sehr außergewöhnlicher Mensch gewesen sein.

Dieser Artikel stammt aus der Kultursommer-Beilage der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

Gréco: Sie lebte mit einer Frau zusammen. Sie machte, was sie wollte. Ich war sehr stolz auf sie. Sie ist eine Heldin. Eine Frau, die ein Männerleben geführt hat.

ZEIT: Auch Ihre Kindheit war sehr ungewöhnlich.

Gréco: Ich habe meine Mutter erst richtig kennengelernt, als ich schon acht oder neun Jahre alt war. Ich habe bis dahin nicht gesprochen und war sehr verschlossen. Dann, als ich gerade anfing, ein wenig zu sprechen, kamen der Krieg und die Okkupation. Ich wurde verhaftet und ins Gefängnis gesperrt. Das war ein Schock. Danach war wieder alles vollkommen blockiert in mir. Ich glaube, mir war seit meiner Kindheit klar, dass Wörter gefährlich sind. Sartre hat mich später darin bestätigt.

ZEIT: Können Sie sich in dieses Kind heute noch hineinversetzen, das Sie einmal waren?

Gréco: Natürlich. Das Kind ist noch da. Ich sehe es gerne. Das bin noch immer ich.

ZEIT: Es gibt alte Leute, die sagen, dass sie sich an sich selber nur noch wie an jemand Fremden erinnern können.

Gréco: Ich glaube, ich bin innerlich nicht wirklich alt geworden. Ich benehme mich nicht wie eine alte Dame. Ich sehe nicht oft zurück. Ich sehe nach vorne. Ich bin versöhnt mit meinem Leben.

ZEIT: Was machen Sie den ganzen Tag in diesem herrlichen Haus am Mittelmeer? Lesen Sie?

Gréco: Nein, ich lese wenig. Ich habe meine letzte Tournee vor mir, die mich sehr bedrückt. Ich arbeite. Ich denke viel nach. Ich bin einfach da. Für mich ist jeder Augenblick der beste Augenblick meines Lebens.