Das Schöne an Leonardo da Vinci: Man kann für ihn schwärmen, ohne sich nur ein bisschen für Kunst zu interessieren. Man kann ihn als Abenteurer des Geistes bestaunen, als genialen Erfinder, gern auch als Urvater unserer Gegenwart, der angeblich das Fahrrad, das Flugzeug, das U-Boot, sogar den Computer bereits ausgetüftelt hatte, als der Rest der Menschheit noch im vormodernen Dämmerschlaf lag. So wird er auch jetzt wieder gepriesen, in einer ebenso teuren wie großen Ausstellung in Mailand. Leonardo (1452 bis 1519) wird zum Schirm- und Schutzherrn erhoben, zum Paten der Weltausstellung Expo, die kommende Woche beginnt.

Wie noch auf jeder Expo werden auch hier die Wunder des Fortschritts gerühmt. Rührend, wie die Nationen einmal mehr so tun, als wären Innovation & Technik nicht das Problem, sondern die Lösung. Rührend auch, wie ein Künstler der Renaissance dafür herhalten muss, die schwer in die Jahre gekommenen Glücksversprechen der Moderne zu beglaubigen. Dass auch heute die Welt noch neu gedacht und neu erfunden werden kann, davon soll Leonardo künden. Ein gewaltiges Missverständnis, wie sich rasch zeigt.

Sicher, er war ein Tiefengründler, der alles befragte, durchleuchtete, in seine Einzelteile zerlegte, um hinter die Dinge zu gelangen, um ihr Wesen zu durchschauen und dieses Wesen mit eigenen Erfindungen beherrschbar zu machen. Beschwingt wie ein Vogel aufzusteigen, unerschrocken wie ein Fisch in ferne Tiefen abzugleiten, das war ihm ein schöner Traum. Und sicher lässt sich das als eine Art menschlicher Selbstermächtigung begreifen: die Welt verstehen und kraft neuer Geräte und Maschinen frei erkunden zu wollen. Aus vielen Ecken der Leonardo-Schau, abgehalten im Palazzo Reale, blinken einem seine fantastischen Entwürfe entgegen, mit Stift und zarter Feder aufs Papier gebracht. Sogar auf dem Wasser gehen sollte der Mensch, Jesus gleich, allerdings ausgerüstet mit aufgepumpten Schuhen und zwei langen Stöckern, die aussehen, als hätte Leonardo auch Nordic Walking schon erfunden.

Immer aber ist da eine Verhaltenheit, ein Zaudern, in dem, was er zeichnet und denkt. Und das ist das eigentlich Faszinierende an Leonardo: dass er die Wirklichkeit zersägt und bloßlegt, dass er ein Männerbein klein hackt und einen Mutterbauch aufschneidet, weil er allein aus der Introspektion zur Inspiration zu gelangen scheint. Dass er aber dennoch, der Wahrheit messend auf der Spur, jede Form der Vermessenheit meidet. Darin vor allem unterscheidet er sich von den Exponauten der Gegenwart, die alles für machbar und alles Machbare für richtig halten.