Schule heute ist eine Zwangsanstalt, in der Schüler sich mit Fächern und Themen beschäftigen müssen, die sie überhaupt nicht interessieren. "Der Lehrer verteilt die Noten, der Schüler muss sie schlucken." Dieses Bild eines dem Zwangssystem Schule vollkommen ausgelieferten und fremdbestimmten Schülers entwirft Maximilian Probst in seinem Artikel von vorletzter Woche. Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern im Rahmen von Lernentwicklungsgesprächen diene lediglich dazu, "gesellschaftliche Imperative" im Individuum zu verankern und den wahren Zwangscharakter von Schule zu verschleiern.

Die Gespräche sind ein herausragendes Element für eine humane Schule

Selbstverständlich hat Probst recht mit der Feststellung des Zwangscharakters von Schule, der sich aus der allgemeinen Schulpflicht ergibt, wie sie in Artikel 7 des Grundgesetzes geregelt ist: "Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates." Eine schlüssige Alternative zur staatlich verordneten Schulpflicht beziehungsweise zum komplexen Zusammenhang zwischen Schule und Gesellschaft bleibt der Autor allerdings schuldig. Klar scheint ihm nur zu sein, dass die staatlich sanktionierte allgemeine Schulpflicht das Recht auf selbstbestimmtes Lernen ausschließt. Da drängt sich ein Vergleich auf: Schließt die Tatsache, dass Kinder in das "Zwangssystem" einer Familie hineingeboren werden, die sie nicht selbstbestimmt ausgewählt haben, einen humanen Umgang und eine demokratische Erziehung aus? Weit davon entfernt, zur Anpassung zu zwingen, möchte Schule junge Menschen jenseits der Leistungsbeurteilungen vor allem für das Leben stark machen, ihnen ein selbstbestimmtes Leben im Rahmen der demokratischen Grundwerte ermöglichen.

Lernentwicklungsgespräche können, richtig angewandt, ein herausragendes Element für eine humane Schule sein, das die von Probst konstatierte Fremdbestimmung der Schüler überwinden hilft. Worum geht es bei den LEGs?

Ausgangspunkt ist die in der Regel zu beklagende mangelhafte Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern in der Schule. Eine zugegeben nicht repräsentative Befragung von Abiturienten, wie viel sie in neun Schuljahren persönlich mit Lehrern außerhalb des Unterrichtsgesprächs und des Verhandelns um Noten gesprochen haben, ergab einen Durchschnittswert von 30 Minuten. Kommunikation in der Schule findet traditionell vor allem im Unterricht statt, sachbezogen in Form des Unterrichtsgesprächs.

Zu individueller Betreuung kann es bisweilen in längeren Schülerarbeitsphasen während des Unterrichts kommen. Diese Gespräche sind aber mehr oder weniger zufällig, sie sind weder vorbereitet, noch werden sie dem Gebot der Vertraulichkeit gerecht. Ansonsten erschöpft sich die individuelle Kommunikation in Gesprächen en passant vor allem über Notengebung. Wenn es zu terminierten Einzelgesprächen kommt, sind dies in aller Regel Krisengespräche, die bei Verhaltensauffälligkeiten und/oder mangelhaften Leistungen mit Einzelnen geführt werden. Der Anspruch der LEGs ist es aber, alle Schüler in ihrer Individualität wahrzunehmen, was erst durch individuelle und regelmäßige Kommunikation möglich wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

Der Begriff Lernentwicklung allein signalisiert schon den Paradigmenwechsel im Verständnis von Lehren und Lernen heute: Lernen ist ein durch Brüche gekennzeichneter Prozess, dessen Voraussetzungen weniger durch Intelligenzunterschiede als vielmehr durch individuelle und soziale Bedingungen gegeben sind. Um also erfolgreiche Lernprozesse zu gewährleisten, müssen personale und soziale Kompetenzen gefördert werden. Das kann der Lehrer aber erst, wenn er die personalen und sozialen Voraussetzungen jedes Einzelnen kennt.

Wir brauchen eine individuelle Diagnose der Lernvoraussetzungen

Die neuere Unterrichtsforschung weist dem selbst gesteuerten und metakognitiven Lernen eine Schlüsselrolle für die kognitive Lernentwicklung zu. Personale Grundlagen des Lernens – wie Selbstverantwortung, Selbstständigkeit, Selbstbewusstsein, Leistungsbereitschaft, Belastbarkeit, Selbstorganisation und Selbstreflexion sowie soziale Grundlagen, etwa Verantwortung, Kooperationsbereitschaft, Empathie, soziales Engagement oder Kommunikationsfähigkeiten – werden im Allgemeinen für den Lernerfolg höher gewichtet als individuell unterschiedliche Intelligenzleistungen.

Selbst reguliertes Lernen im Sinne der Metakognition bedeutet demnach, dass der Lernende selbstständig plant, welche Ziele er sich setzen möchte. Dass er selbst Lernstrategien wählt und überprüft, inwiefern diese Ziele erreicht wurden.

LEGs haben unter anderem das Ziel, die metakognitiven Fähigkeiten zu analysieren und zu fördern. Ein erfolgreicher Unterricht, will er den zunehmend heterogenen Lernvoraussetzungen und Lernprozessen gerecht werden, erfordert die individuelle Diagnose der Lernvoraussetzungen. Mit den bisherigen traditionellen "Screening-Methoden" von Leistungstests in den Klassen können individuelle Lernentwicklungsprozesse nur unzureichend abgebildet werden.

Es ist auch ein Missverständnis, wenn Probst meint, in diesen Gesprächen ginge es vor allem um die Leistungsschwächen der Schüler. Das zugegeben eher negative Beispiel der Hamburger LEGs nach den Zeugnissen legt das zwar nahe. Werden die LEGs hingegen institutionalisiert und regelmäßig und professionell durchgeführt, ermöglichen sie es, eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Lehrern und Schülern zu schaffen. Mehr noch, sie erlauben es überhaupt erst, den Einzelnen als Individuum wahrzunehmen und ihm so auch gerecht zu werden.

Eine humane Schule mit einem pädagogischen Auftrag in der Demokratie kann auf individuelle Kommunikation in der institutionalisierten Form der LEGs nicht verzichten. Nur dann wird das von Probst für gesegnet gehaltene "Legg mich" in aller Regel ausbleiben.