Unter Schmerzen hat sich die Philosophie von der Metaphysik verabschiedet. Sie hat aus guten Gründen das Denken ausgenüchtert und bei vollem Bewusstsein seine spekulative Armut in Kauf genommen – und damit riskiert, am Ende keine Sprache für das zu haben, was gleichwohl zur menschlichen Erfahrung gehört. Der Philosoph Michael Theunissen hat diesen Preis nicht zahlen wollen. Wer sich von der Metaphysik abwende, der verfehle die "wirkliche Wirklichkeit" der Existenz – er verfehle den Ernst des Lebens.

Der Begriff Ernst bei Sören Kierkegaard heißt der Titel von Theunissens Dissertation, 1954 in Freiburg abgeschlossen, neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Berliner Kindheit, die Permanenz der Angst, war das Schlüsselerlebnis, denn seine antifaschistischen Eltern hielten im Haus Juden versteckt, die Familie konnte jederzeit entdeckt werden. Theunissen wollte Philosophie studieren, aber was war dafür die Grundlage – nach Auschwitz, nach über sechzig Millionen Toten? Nach den deutschen Großverbrechen war jeder Idealismus, jede Rede von Metaphysik, jeder Bezug auf das Positive unhaltbar geworden. Deshalb Kierkegaard, deshalb die Intuition: Man muss die eigene Verzweiflung, man muss alles "Furcht und Zittern" (Kierkegaard) über sich hinaustreiben, und dann zeigen sich – vielleicht – die Umrisse der Wahrheit. Im Leiden verbirgt sich das Bild des besseren Lebens, im Scheitern das Gelingen, im Nichtseinsollenden das Richtige.

Dialektischer Negativismus hieß das philosophische Programm, und Michael Theunissen hat es ausbuchstabiert als Frage nach dem richtigen Leben in "einer entfremdeten Welt". Seine beiden großen Hegelstudien schufen dafür ein faszinierendes intellektuelles Terrain. Mit Kierkegaard beharrte Theunissen auf dem existenziell Absoluten und der Einzigkeit des Ich; mit Hegel trainierte er das Denken des Ganzen, ohne die Singularität des Einzelnen zu verraten, und mit Karl Marx schließlich schärfte er sein Bewusstsein für Ökonomie und Klassenverhältnisse, also für die äußeren Bedingungen eines innerlich bewussten Lebens. Doch anders als Marxisten bis heute hoffen, war für Theunissen eine gerechte Gesellschaft nicht per se schon eine richtige Gesellschaft. "Richtig" ist die Gesellschaft erst, wenn sie nicht nur frei und gerecht ist, sondern wenn sie den spekulativen Raum der Metaphysik offen hält, wenn sie ein waches Bewusstsein von den letzten Dingen ausbildet, ein Bewusstsein von Endlichkeit und Zeit.

Das Denken der Zeit wird nun zum roten Faden in Theunissens philosophischem Labyrinth. Am Verhältnis zur Zeit hing für ihn alles, das subjektive Selbstseinkönnen, das Gelingen oder Misslingen des Lebens. In seinen Augen unterhält die Gegenwart jedoch ein gestörtes Verhältnis zur Zeit; die Moderne schrumpft die "zeitlose Ewigkeit" zur schlechten "Ewigkeit der Zeit", sie verwandelt die erlebte Zeit in eine ebenso paradoxe wie leidvolle Einheit aus Stillstand und Vergängnis. Damit ist die moderne Zeiterfahrung nicht mehr, wie die religiöse, die Erfahrung des Absoluten, sondern nur noch die subjektiv eigene Zeit. Auch der Tod, und das hätten Theodor W. Adorno und Martin Heidegger kaum anders gesagt, wird von der modernen Gesellschaft subjektiviert; der Tod ist nicht mehr das metaphysisch Absolute; er ist "nur" noch der individuelle Tod, das "jemeinige Sterben".

Heideggers Sein und Zeit blieb für den protestantisch kühlen, sanft radikalen Theunissen ein Jahrhundertbuch, denn niemand habe die Stimmungen, in denen wir in der Welt "unser Sein zu fühlen bekommen", mit vergleichbarer Intensität zur Geltung gebracht. Dennoch war ihm Heidegger nicht radikal genug. Weil Heidegger die Zeit fälschlicherweise vom Sein her deute, verfehle er das Denken der Zeit und verliere sich in einem archaisch-neuheidnischen Dunkel.

Diesen Missgriff sollte Theunissens Gegenunternehmen souverän korrigieren. Im Jahr 2000 erschien seine Studie über den griechischen Dichter Pindar, ein monumentaler, tausend Seiten starker "Rückstieg" hinter Jesus, Moses und Sokrates, mit dem Theunissen zugleich den Abgrund zwischen vorsokratischer Antike und Monotheismus überwinden wollte. Pindars Dichtung, so versuchte Theunissen in immer neuen und immer anderen Wendungen zu zeigen, enthält das glückliche Gegenbild zur perforierten modernen Zeiterfahrung, sie erzählt von einer "Wende in der Zeit", einem Einbruch des Göttlichen, kurz: einer Verwandlung nicht nur der subjektiven Zeiterfahrung, sondern der Zeit selbst – "und leuchtend Licht ist bei den Männern und leibliches Leben".