Als Frank-Walter Steinmeier zu den Waldmöpsen schreitet, fuchtelt eine ältere Frau mit den Armen. "Hallo, Herr Steinmeier!", ruft sie. Er hört sie nicht. Hektisch klettert sie auf eine Beetbegrenzung, sie brüllt: "Herr Steinmeier, HALLO!!!" Jetzt dreht der Außenminister sich um. "Hallo", antwortet er, etwas irritiert.

War das jetzt schon ein Loriot-Moment?

Brandenburg an der Havel, am Sonnabend. Polizisten sichern die Straße, Schaulustige stehen in großen Gruppen am Rand. Es ist viel los auf dem Johanniskirchplatz. Denn Frank-Walter Steinmeier (SPD) weiht ein Waldmops-Denkmal ein.

Bitte, was? Ein Waldmops-Denkmal? Der Außenminister? Jener Mann, der vor wenigen Tagen noch zum G-7-Gipfel geladen; einige der mächtigsten Politiker der Welt begrüßt hat? Der mit ihnen über den IS, die Ukraine, Syrien und die Iran-Atomverhandlungen sprach, außerdem über den Klimaschutz, den Cyberkrieg und Ebola?

Ja. Es passiert gerade wahnsinnig viel auf der Welt, doch an diesem Tag ist Steinmeier in Brandenburg, um sich um Möpse zu kümmern. Wie es dazu kam, ist eine ganz eigene Geschichte. Sie handelt von den Tücken und Chancen der Kommunikation. Von Loriot – Brandenburgs 2011 verstorbenem, berühmtestem Sohn. Und sie handelt von politischen Krisen. Aber eins nach dem anderen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 17 vom 23.4.2015.

Alles begann damit, dass Brandenburg an der Havel, eine Stunde von Berlin entfernt, vor ein paar Jahren ein Problem hatte: Das politische Klima in der Stadt war schlecht, die Stimmung in der Lokalpolitik mies. Die Gründung eines Kulturvereins sollte 2010 Abhilfe schaffen; dafür sorgen, dass die Gegner endlich an einer gemeinsamen Sache arbeiten. Der Verein solle sich "überparteilich der Förderung von Kunst, Kultur und des demokratischen Disputs" widmen. Und Loriot würdigen. Der Deutschen liebster Humorist wurde 1923 in Brandenburg an der Havel geboren.

Dass Steinmeier hier eine Rolle spielt, kam so: Als er 2005 zum ersten Mal Außenminister wurde, kannte ihn in Deutschland kaum jemand. Steinmeier, der langjährige Chef des Kanzleramts, galt als Bürokrat – nicht als jemand, der auf der Straße um Stimmen kämpfen kann. 2009 musste trotzdem ein Bundestagsmandat für ihn her. Die Wahl fiel auf den Kreis 60, der vom Havelland bis in den Fläming reicht und auch die Stadt Brandenburg umfasst. Er galt als ziemlich sicherer Wahlkreis für die SPD. Steinmeier gewann, folgerichtig. Er schlug hier aber auch wirklich Wurzeln. Die Befriedung von Brandenburg an der Havel war vielleicht die erste diplomatische Herausforderung für ihn in seinem Wahlkreis: 2010 übernahm Steinmeier den Vorsitz des Brandenburger Kulturvereins. Hier kam schnell die Idee auf, Loriot mit einem Denkmal zu ehren. Und es wurde natürlich nicht irgendein Denkmal, sondern ein lustiges. Der Waldmops, so legte es Loriot einst in einem Sketch nahe, stamme eigentlich vom Elch ab. Erst durch den blinden Zuchtehrgeiz des Menschen sei er in den vergangenen 500 Jahren zum Mops geworden. Galten seine mächtigen Geweihe, die "Mopsschaufeln", Ende des 16. Jahrhunderts noch als beliebte Jagdtrophäe, züchtete man sie im Laufe des 17. Jahrhunderts rücksichtslos zurück, "da sich Vierzehnender im Schoße älterer Damen als hinderlich erwiesen hatten". In Deutschland habe nur der scheue Waldmops die freiheitliche Würde seiner Vorfahren bewahrt. Er plündere Vogelnester und stelle Singvögeln nach. So weit Loriot.

Ein Loriot-Denkmal also. Frank-Walter Steinmeier setzte all seinen Einfluss dafür ein. Kam abends zu den Lesungen, die der Verein veranstaltete, um das Geld fürs Denkmal aufzutreiben. Verhandelte nachts internationale Politik, saß morgens in der Jury, die sich um die Auswahl eines Denkmalentwurfes kümmern sollte. Anderthalb Tage dauerte der Auswahlprozess. Steinmeier war da. Jetzt steht er am Rednerpult und blickt auf die Waldmöpse. 100 Einsendungen seien eingegangen, sagt er spröde. Die Jury habe die Vorschläge "abgeschichtet". Wirklich, das Wort fällt. Die Gewinnerin des Wettbewerbs ist auch da, die Künstlerin Clara Walter, 24 Jahre alt. Als sie ihren Entwurf einreichte, studierte sie noch Innenarchitektur; mit ihren Waldmöpsen stach sie selbst renommierte Büros aus. Ihre Figuren sind aus Bronze und tragen Geweihe. Einer schnüffelt, einer pinkelt. Als bekannt wurde, dass Brandenburg ein Waldmops-Denkmal plante, meldete sich sogar die Tierschutzorganisation Peta. Das erzählt Benno Rougk, Vorstandsmitglied des Kulturvereins und Redakteur bei der Märkischen Allgemeinen . In einer Mail habe Peta den Verein gebeten, ein Schild mit dem Hinweis anzubringen, dass Möpse eine Qualzucht seien. Der Kulturverein verzichtete darauf.

Acht Waldmops-Figuren stehen jetzt neben der Johanniskirche. Außerdem gibt es eine Waldmops-Aussichtsplattform und einen Sockel mit Loriots Schuhabdrücken. Das Gesamt-Ensemble trägt den Namen Waldmopszentrum. Loriots Erben hatten auf keinen Fall eine lebensechte Statue gewollt. Die sähen immer komisch aus, und Loriot – bürgerlich Vicco von Bülow – mochte solche Überhöhung nicht. Vor der Zuneigung der Brandenburger war er trotzdem nicht sicher. Davon zeugt, unweit der Kirche, ein Schaufenster voller Loriot-Fotos: Loriot, wie er sich in ein Ehrenbuch einträgt. Loriot, wie er auf einem Sessel sitzt, neben sich einen Strauß Sonnenblumen. Loriot mit einer Rose in der Hand.

"Schöner Schinken"

Die Festgesellschaft startet einen Rundgang zu allen acht Waldmöpsen. Als Steinmeier losgeht, haben zwei junge Männer eine Idee. Sie laufen hinter dem Minister her, überholen ihn, reihen sich vor ihm wieder ein. Der eine grinst, der andere geht rückwärts, das Handy gezückt. Er will ein Foto von seinem Kumpel und Steinmeier aufnehmen. Doch irgendwer läuft immer ins Bild. Steinmeier lässt sich nicht anmerken, ob er das mitbekommt.

Er sinkt für die Fotografen in die Hocke, tätschelt einen Mops-Hintern und sagt: "Schöner Schinken", höhö. Später, als der Trubel vorbei ist, steht er auf einem Stück Rasen und denkt lange über die Frage nach, was Loriot und die Politik gemeinsam haben. "Ich glaube, es sind nicht die Gemeinsamkeiten", sagt er schließlich. "Es ist eher die Tatsache, dass Loriot der Politik gelegentlich den Spiegel vorgehalten hat. Wir erinnern uns an seine große, politische Rede, die so inhaltsleer war, dass vielleicht mancher politischer Redner peinlich berührt war." Loriot habe oft mit Situationen gespielt, in denen Menschen ganz offensichtlich aneinander vorbeiredeten. Solche Konstellationen gebe es in der internationalen Politik viel zu häufig. Waldmöpse, Weltpolitik. Loriot und der Außenminister – das sind heute die Promis einer Stadt, um die es sonst ruhig bestellt ist.

Die Sonne scheint, als Frau Körtge, Herr Körtge und Frau Heisinger die Fußgängerzone entlangschlendern. Ausgerechnet ihre Vornamen möchten sie nicht in der Zeitung lesen. Aber sie haben eine dezidierte Meinung: "Steinmeier ist sehr offen", sagt Herr Körtge, ein Brandenburger mit grauen Haaren. Er wohne ja auch hier in der Gegend. "Er hat seiner Frau eine Niere gespendet", sagt Frau Körtge. Frau Heisinger nickt, Herr Körtge auch. Loriot finden sie ebenfalls gut. Den haben sie damals schon im Westfernsehen gesehen. Als er, der in Berlin und Stuttgart aufwuchs, zu DDR-Zeiten einmal nach Brandenburg kam, warteten die Menschen in langen Schlangen vor dem Dom. Auch Frau Heisinger stand stundenlang an. Alles für Loriot. "Das Denkmal ist schön geworden", sagt Frau Körtge. "Es ist eine Gelegenheit, Brandenburg schön zu machen." Die Brandenburger, so viel kann man sagen, sind stolz auf ihren Frank-Walter und ihre Möpse.