Gestatten! Es gilt mal wieder das alte Monster vorzustellen: Rainer Werner Fassbinder, deutsches Enfant terrible. Fahlhäutiger Despot im T-Shirt, unter dem die Plauze hervorquillt. Manipulator seiner Mitarbeiter, die er liebte, benutzte, fallen ließ. Sonnenbrille, Lederjacke, die im Mundwinkel festgewachsene Zigarette. Vermutlich hängt auch noch ein Kokskrümelchen im fusseligen Schnurrbart.

Gestatten! Noch mal Fassbinder. Der charismatische, verführerische Rebell. Ein Mensch, der seinem Gegenüber durch die Seele ins Herz blickten konnte. Mit sanfter Stimme, so als sei’s ein Gedicht, sagte er der Bundesrepublik, was sie nicht hören wollte. Ein Faun und deutscher Kosmopolit. Manchmal konnte sein feister Körper ganz leicht werden. In Aufnahmen von Fassbinders "Antiteater" aus den sechziger Jahren sieht man ihn tanzen, nein, grooven, mit unfassbar erotischen, weichen, fließenden Bewegungen.

Und dann sind da noch mehr als 40 Filme, eine Fernsehserie, 18 Theaterstücke, außerdem Hörspiele, Gedichte, Liedtexte und ein begonnener Roman: Reise ins Innere der Trauer.

Im Mai dieses Jahres wäre Rainer Werner Fassbinder, der 1982 in München an einer Überdosis Drogen starb, 70 Jahre alt geworden. Eine große Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, ein Dokumentarfilm, Fernsehausstrahlungen seiner Filme – geflissentlich bereitet der Kulturbetrieb die große Jubiläumsparty vor. Aber wer oder was wird hier eigentlich gefeiert?

Vorneweg wohl seine Frauenfiguren, die uns nicht mehr loslassen, weil sie auf so verzweifelte, stolze Weise an sich selbst vorbei leben und lieben. Es sind die schillerndsten, widersprüchlichsten, erotischsten und bittersten Heldinnen des deutschen Nachkriegskinos, verkörpert von Margit Carstensen, Hanna Schygulla, Barbara Sukowa, Ruth Leuwerik, Irm Hermann. Mit den verdrängten Sehnsüchten und falschen Gesten ihrer Figuren erzählte Fassbinder von dem anderen großen Drama, in dem ihr Scheitern aufgeht. Maria Braun, Petra von Kant, Effi Briest – oder, so sagt es Fassbinder: "viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen". Es musste einer wie er kommen, um mit deutschen Schauspielerinnen schonungslos und glamourös falsche Wahrheiten und wahre Falschheiten auf die Leinwand zu bringen.

Dieser Artikel stammt aus der Kultursommer-Beilage der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

"Was wäre aus Hanna Schygulla geworden, wenn sie mit ihm weiter hätte drehen können?", fragt Wim Wenders im Büro seiner Produktionsfirma in Berlin-Mitte. Wie Fassbinder wurde Wenders 1945, im Jahre null, geboren. Die beiden verband ein Verhältnis der Spannung, der Konkurrenz, aber auch des tiefen Respekts. "Bei meinem Film Falsche Bewegung habe ich mit Hanna Schygulla gearbeitet und das fast tragisch erlebt", sagt Wenders. "Ich habe es nicht geschafft, bei der Figur, die sie bei mir spielt, etwas so Lebendiges aus ihr herauszukriegen, wie dies in jedem Film von Rainer Werner der Fall war. Sie lebte einfach anders bei ihm. Und diese Qualität im Umgang mit Frauenfiguren wurde mir ganz schmerzhaft bewusst."

Eine eigene Kinomaschine sei Fassbinder gewesen, sagt Wenders. Man könnte auch sagen: ein fiebriger, berserkerhaft drehender Zeitdiagnostiker. Da sind die frühen Film-noir-Erkundungen über die Dialektik von Liebe und Gewalt. (Katzelmacher, Götter der Pest, Der amerikanische Soldat). Dann der analytische Blick auf die jüngste deutsche Geschichte (Die Ehe der Maria Braun, Lili Marleen), auf die fünfziger Jahre (Händler der vier Jahreszeiten), auf die Weimarer Republik (in der Fernsehserie Berlin Alexanderplatz) oder auf eine visionär ausgemalte Cyber-Zukunft (Welt am Draht).