Vorbereitungen zum "Eidgenössischen Feldschießen" in Lausanne (Archivbild von 2013) © Denis Balibouse/Reuters

Stefanie drückt ab. Ein kurzer, lauter Knall bellt durch den engen Unterstand. Der Rückstoß rüttelt die junge Frau durch. Sie wendet den Blick vom Lauf ihres Sturmgewehrs auf die elektronische Anzeige. Treffer. Langsam stützt sich die 17-Jährige auf die Ellenbogen, zieht das leer geschossene Magazin aus dem Gehäuse, verstaut die Waffe und tritt vor den Schießstand. Erst mal eine rauchen.

Es ist Samstagnachmittag. Die Schlossschützen Jegenstorf-Münchringen treffen sich zum wöchentlichen Training. Einst waren Schützen stolze Bewahrer einer gutschweizerischen Tradition. Fest verankert in Politik und Kultur der Eidgenossenschaft. Doch ihr Ruhm verblasst. Und der Nachwuchs droht ihnen wegzubrechen. 1980 gab es noch 32.000 Jungschützen, versammelt in rund 3.000 Schützenvereinen zwischen Rorschach und Genf. Heute sind es nur noch knapp 7.000. Tendenz sinkend.

Eigentlich ist das seltsam. In einem Land, in dem die Heimattümelei grassiert, in Zeiten, da die Städter an Schwingfeste und Kuhkämpfe pilgern und am Kiosk die Landlust grassiert, angesichts eines politischen Klimas, in dem die nationalkonservative SVP den Takt vorgibt – müsste da "Gut Schuss" nicht in aller Munde sein?

"Wenn einer rumballern will, soll er Paintball spielen", sagt der Funktionär

"Seit Jahren macht man Stimmung gegen die Armee und gegen das Schießen", sagt Heinz Küffer, Leiter Breitensport beim Schießsportverband Swissshooting. Er sitzt zusammen mit Walter Meer, dem eidgenössischen Jungschützenchef, in einem Restaurant auf dem Kasernenareal in Bern. Die beiden Herren blicken grimmig in ihre Kaffeetassen. "Jene Politiker und Aktivisten, welche die Armee abschaffen wollen, nehmen nur zu gern die Schützen ins Visier", sind sie sich einig. Und die Medien, so viel sei klar, spielten mit. Waffen gälten ihnen per se als gefährlich – und die Schützen natürlich auch. "Aber wenn einer rumballern will", sagt Küffer, "soll er Paintball spielen gehen". Da ist viel Frust, der sich Luft verschafft.

Die Schützen können nicht von der urchigen Renaissance profitieren. Dabei speiste sich ihr Ruhm jahrhundertelang aus der mythologischen Ursuppe des Landes. Ja, die größte aller Sagengestalten war – ein Schütze. Wilhelm Tell, der Godfather aller modernen Knallteufel, schoss der Legende nach erst den Apfel von Walterlis Kopf und erst dann den Gessler über den Haufen.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Doch die Realität ist stärker als der Mythos. Seit 1996 sind Militärdienstpflichtige nicht mehr Zwangsmitglieder in einem Schützenverein. Von den 590.000 aktiven Schützen sind noch 130.000 geblieben. Und das Militär hat als Erziehungsanstalt der Männernation ausgedient. In die Rekrutenschule rückt nur noch ein, wer gerade Zeit und Lust hat. Wer da nicht mehr lernt, ein Gewehr zu schultern, findet kaum je den Weg ins Schützenhaus.

In Münchringen im Kanton Bern trainieren an diesem Samstag neun Jungschützen. Alle sind sie zwischen 16 und 20 Jahre alt. Die meisten stammen aus Familien, in denen man bereits seit Generationen im Schützenverein ist. Die Älteren fahren mit dem Auto der Eltern vor, die Jüngeren mit dem Mofa oder Fahrrad. Grimmige Waffennarren? Fehlanzeige. Sie sehen aus, wie Jugendliche halt aussehen: Markenturnschuhe, modische T-Shirts, im Hosensack ein Smartphone. Und: Sie sind erstaunlich schüchtern, wenn sie über ihr knallendes Hobby Auskunft geben sollen.

"Mein Vater hat mich schon als Kind mit ans Feldschießen genommen", sagt Stefanie. Angst habe sie nie gehabt. Ihr gefällt es bei den Schlossschützen. Manchmal fehlt ihr aber ein wenig der Zusammenhalt unter den Jungen. "Wir machen zu wenig miteinander, meistens müssen die Leute nach dem Schießen gleich weiter", sagt sie während einer kurzen Rauchpause unter dem Vordach. Der Wind hat aufgefrischt, es beginnt zu regnen. Stefanie knotet ihren Wollschal enger um den Hals. Sie drückt ihre Kippe aus und verschwindet im Unterstand.