Es hätte der größte Tag seiner Karriere werden können: Am 8. Mai 2014 sollte Jens Förster den höchstdotierten deutschen Forschungspreis erhalten, die Alexander-von-Humboldt-Professur. Doch keine drei Wochen zuvor wurde der Vorwurf laut, Förster habe Daten manipuliert. Daraufhin legte die Humboldt-Stiftung die Ehrung auf Eis. Am Montag dieser Woche, fast ein Jahr später, hat Jens Förster auf den Preis verzichtet. "Die damit verbundenen Forscherpflichten und die Verantwortung für rund fünfzig Mitarbeiter sind eine zu große Last, wenn ich mich immer wieder gegen neue Vorwürfe wehren muss", sagt er. Aber ein Schuldeingeständnis sei das nicht.

Just dieser Tage hatte die Alexander-von-Humboldt-Stiftung über seinen Fall entscheiden wollen. Die Beratung finde nun nicht mehr statt, teilt die Stiftung mit; ansonsten will sie sich nicht äußern. An der Ruhr-Universität Bochum, wo Förster derzeit eine Vertretungsprofessur bis Ende September innehat, will man in den kommenden Wochen entscheiden, ob sein Vertrag verlängert wird. Die Universität von Amsterdam, an der Förster zuvor gearbeitet hat, überprüft unterdessen alle Veröffentlichungen des Forschers aus den Jahren 2007 bis 2014. Noch vor dem Sommer soll das Ergebnis vorliegen.

Der Fall Förster ist ein ziemlich undurchsichtiger Wissenschaftskrimi, so viel ist schon klar, während die Ermittlungen noch laufen. Es werden Indizien zusammengetragen, und es steht Aussage gegen Aussage. Aber es geht um mehr als um einen einzelnen Verdächtigen. Försters Fach, die Sozialpsychologie, wurde bereits von mehreren Skandalen schwer erschüttert: Der Forscher Diederik Stapel hat Daten frei erfunden, sein Fachkollege Dirk Smeesters Studien manipuliert. Darüber hinaus ließen sich die Ergebnisse einiger grundlegender Studien in Wiederholungsversuchen nicht bestätigen (ZEIT Nr. 22/13). Freiwillige des Reproducibility Project überprüfen derzeit 100 Studien aus großen Fachmagazinen, ihre Resultate sollen in den nächsten Monaten veröffentlicht werden. Allerhöchstens die Hälfte der Ergebnisse werde sich replizieren lassen, vermutet Initiator Brian Nosek. Und selbst wenn sich ein Resultat bestätigt, schrumpft die Größe des beobachteten Effekts oft rapide zusammen. Viele Erkenntnisse sind also gar keine – oder viel kleiner als angenommen.

Ausgerechnet Ende dieser Woche will der Wissenschaftsrat "Empfehlungen zu wissenschaftlicher Integrität" veröffentlichen. Es ist nicht das erste Mal, dass sich das höchste wissenschaftspolitische Beratungsgremium mit dem Problem befasst. Und seit Jahren klagen Forscher über Missstände. Zwar wachen mittlerweile an fast allen Hochschulen Ombudsleute über die Einhaltung "guter wissenschaftlicher Praxis", jedoch tun dies viele von ihnen ehrenamtlich und als Einzelkämpfer. Zudem versuchen viele Universitätsleitungen, Regelverstöße immer noch unter der Decke zu halten.

Zugleich wird die Konkurrenz um die wenigen Professorenstellen immer härter. Mit ihr steigt der Druck auf junge Forscher, sich durch Fachveröffentlichungen hervorzutun – und damit auch die Versuchung, Statistiken aufzuhübschen. Denn gerade die großen Fachzeitschriften, die gleichfalls im Wettstreit um Aufmerksamkeit stehen, lechzen nach "sexy Themen und steilen Thesen", wie der Medizinnobelpreisträger Randy Schekman kritisierte.

Vor diesem Hintergrund spielt der Fall Förster. Der Verdächtige ist ein Forscher, wie ihn sich die deutsche Wissenschaft wünscht: produktiv und originell, querdenkend und eloquent, bereits mit mehreren Preisen bedacht, darunter das Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Zugleich versteht es Förster, seine Forschung populär zu vermitteln, in Sachbüchern, Talkshows oder Vorträgen in Unternehmen. Auch die ZEIT Akademie engagierte ihn für ein DVD-Seminar zum Thema Psychologie, das im Oktober 2012 erschien.

Unprätentiös, charmant und mit blondiertem Strubbelhaar ist Förster geradezu das Gegenbild zum traditionellen deutschen Professor. Einst studierte er Operngesang, viele Jahre trat er neben seiner akademischen Arbeit als Kabarettist und Sänger auf. Seinem wissenschaftlichen Ruf tat all dies keinen Abbruch. Er galt als "einer der international einflussreichsten Psychologen seiner Generation", wie es in einer Laudatio 2010 hieß; seine Forschung sei "nicht nur empirisch originell und methodisch rigoros, sondern auch konzeptuell wegweisend".

Die Studie, um die es nun vor allem geht, veröffentlichte das Fachmagazin Social Psychological and Personality Science (SPPS) im Januar 2012 unter dem Titel Fühl kreativ!. Sie ergab, dass Probanden kreativer sind, wenn sie zuvor Gegenstände, Gerüche, Geschmäcke oder Gedichte als Ganzes wahrgenommen haben, während sie analytischer denken, wenn sie sich zuvor auf Details konzentriert haben.

Im September 2012 wendet sich ein anonymer Informant an die Universität Amsterdam, wo Förster damals arbeitet. Er habe insgesamt drei Veröffentlichungen analysiert und entdeckt, dass "die Mittelwerte ungewöhnlich nah an einem linearen Trend" liegen. Ein solcher Grad von Linearität sei "extrem unwahrscheinlich". Die Übersetzung für Nicht-Statistiker: Die Daten seien zu schön, um wahr zu sein. Außerdem fehlten von keinem der insgesamt mehr als 2.000 Probanden irgendwelche Daten, keiner habe die Studie abgebrochen. Das sei "untypisch für psychologische Experimente".

Die Universität Amsterdam prüft diese Anschuldigungen und bestätigt, dass die Ergebnisse "statistisch quasi unmöglich" seien. Nicht belegen lasse sich jedoch, dass die Daten bewusst manipuliert worden seien. Daraufhin wendet sich der Informant an das Nationale Gremium für Integrität in der Forschung in den Niederlanden. Dieses urteilt weitaus härter: "Die Schlussfolgerung, dass die Studiendaten manipuliert worden sind, ist unausweichlich." Damit bezieht sich das Gremium nur auf eine Studie, die von 2012. Es empfiehlt der Universität, diese Veröffentlichung zurückziehen zu lassen. Jetzt wird der Fall öffentlich.

Daraufhin legt die Humboldt-Stiftung die Auszeichnung für Förster auf Eis, nachdem sie ihn im April 2013 bereits als einen der nächsten Preisträger angekündigt hatte. Die Ehrung wird an Wissenschaftler vergeben, die im Ausland forschen, um sie an deutsche Universitäten zu locken. Jens Förster war von der Ruhr-Universität Bochum nominiert worden. Dort tritt er auch ohne den Preis im Juli 2014 eine befristete Professur an. Schließlich zieht im November vergangenen Jahres die Fachzeitschrift SPPS Försters Publikation zurück.