Als Christian Poltéra Mitte der neunziger Jahre am Salzburger Mozarteum studierte, hing in seiner WG das Poster von einem Cello, wie anderswo ein Pin-up-Girl. Ein Cello, das seit 300 Jahren die Fantasien von Musikern beflügelt: das Mara. "Dieses Cello hat eine unheimliche Klarheit und auch etwas Schwereloses, Schwebendes", sagt Christian Poltéra.

Heute ist er 37 Jahre alt, ein angesehener Cellist und seit Oktober 2012 der neue Partner des Mara. Es liegt jetzt neben ihm, auf der dünnen Bettdecke eines Berliner Hotelzimmers. Poltéra lässt den Instrumentenkoffer aufschnappen, zieht den weichen Stoff beiseite, hebt es behutsam am Korpus an und dreht ihn zum Fenster, damit Licht in eins der f-Löcher fällt. "Kann man das sehen?" Poltéra kippt den Korpus. "Hier, das Etikett am Boden?" Den Zettel, der das Instrument millionenschwer macht: Antonius Stradivarius cremonensis faciebat Anno 1711.

Poltéra ist Schweizer, ein groß gewachsener Mann, Poloshirt-Typ, selbstbewusst, aber leise. Schwärmen ist nicht sein Ding, aber nach einer Weile mit dem Cello im kargen Hotelzimmer kann er offenbar nicht anders. Poltéra zeigt auf die Flammung des Korpus ("diese Perfektion"), die Asymmetrie der Schnecke ("Unglaublich schön"). Er nimmt das Cello zwischen die Schenkel, zieht den Bogen heraus, streicht die Saiten an. Der Klang will aus dem Raum drängen: ein strahlender Sopran. Das Mara spricht schnell an; wohl deshalb hat es der Wiener Musiker Heinrich Schiff einmal mit einem Ferrari verglichen.

In einer Aktentasche trägt Poltéra Papiere bei sich, den "Musical Instrument Passport", Fotos von Details, das Mara im Profil, Ganzkörper, frontal von vorn, von hinten, die Maße des Cellos: 757 Millimeter, 340,5, 233, 437, 405 Millimeter. Außerdem hat er eine Kopie des Leihvertrags dabei, sicher ist sicher. "Ich bin der Besitzer, aber nicht der Eigentümer", sagt Poltéra. "Großer Unterschied in dem Fall."

Es ist eines der drei weltberühmten Celli, die 1711 auf der Werkbank Antonio Stradivaris lagen. Wie praktisch alle Instrumente Stradivaris tragen sie Namen: Das Romberg; das Duport, jahrelang gespielt von Mstislaw Rostropowitsch; und das Mara. Alle drei Celli stammen aus der sogenannten goldenen Periode des Geigenbaumeisters, dessen Streichinstrumente bis heute Kult sind, Kunstwerk, Mythos. Investment.

Was bringt Stifter, Sammler, Musiker dazu, enorme Summen für alte italienische Streichinstrumente aus Cremona zu zahlen? Wie viel kommt vom Instrument? Wie viel vom Musiker? Und wie viel ist Mythos? Um uns einer Antwort zu nähern, haben wir eine kleine Reise zu den wichtigsten Stationen des Cellos gemacht.

Dieser Artikel stammt aus der Kultursommer-Beilage der ZEIT Nr. 17.

Im vergangenen August reist Poltéra nach Berlin, um mit dem Deutschen Symphonieorchester Berlin in der Jesus-Christus-Kirche eine CD einzuspielen. Die Woche, die vor ihm liegt, macht ihn etwas nervös: Er nimmt das h-Moll-Konzert von Antonin Dvořák auf, die Messlatte für jeden Solocellisten. Die CD soll im Herbst 2015 in Koproduktion mit dem Deutschlandradio beim schwedischen Label BIS erscheinen. Christian Poltéra hätte das gern noch ein wenig vor sich hergeschoben. Aber jetzt hat er nun mal dieses Cello. Es wäre die erste CD-Einspielung des Dvořák-Konzerts auf dem Mara überhaupt. Lust und Last.

Vor gut einem Jahrzehnt lag der Versicherungswert des Mara bei sechs Millionen US-Dollar. Ein anderes, früher datiertes Stradivari-Cello wird derzeit für zwölf Millionen Dollar angeboten. Wie viel das Mara allerdings heute kostet, will keiner genau beziffern, nicht der Solist, nicht der Geigenbauer, nicht das Management des Solisten. Den ideellen Wert jedenfalls, den solche Instrumente für die Musiker, die sie spielen, und deren Publikum haben, kann man nicht überschätzen. Christian Poltéras Trio-Kollege, der Geiger Frank Peter Zimmermann, musste sich von seiner Stradivari trennen, der Lady Inchiquin, wie das Mara ein Instrument von 1711. Mit dem Mara hatten die Mitglieder des Trio Zimmermann alle auf Instrumenten Stradivaris gespielt, eine Seltenheit, zumal Stradivari wohl nur zehn Bratschen baute. Ende Februar hat Zimmermann seine Geige zurückgegeben, für ihn "eine ganz große Tragödie".