Als ich 13 Jahre alt war, ging ein Junge mit mir zur Schule, der anders war als die anderen Jungen in unserer Klasse. Jens hatte dicke Arme, dicke Beine, einen dicken Bauch. Wenn er beim Fußballspielen versuchte, den Ball einzuholen, sah das aus, als rolle eine große Kugel einer kleinen hinterher.

Trotzdem lachten wir nicht über ihn.

Vielleicht waren auch wir anders als andere Kinder und machten uns nicht über Schwache lustig, aber das ist unwahrscheinlich. Eher war es so: Jens war gar nicht schwach. Er war dick, aber auch Bud Spencer war dick, und der war unser Kinoheld.

Meat Loaf war dick, und der war ein Rockstar.

Helmut Kohl war dick, und der war Bundeskanzler.

Die Bilder der Tagesschau zeigten jeden Abend wichtige Männer, die übergewichtige Männer waren. Auch viele unserer Väter, die im Sessel vor dem Fernseher saßen, waren dick. Einer nannte seine Wampe liebevoll Knödelfriedhof.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

Nach Angabe des Robert Koch-Instituts in Berlin waren damals, Mitte der achtziger Jahre, 58 Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland übergewichtig. Jens hatte die Mehrheit auf seiner Seite.

Heute, 30 Jahre später, liegt der Anteil der Übergewichtigen in Deutschland bei 60 Prozent. Die Dicken konnten ihre Mehrheit also sogar noch ein wenig ausbauen. Trotzdem ist heute alles anders. Es ist etwas passiert, das in demokratisch organisierten Gesellschaften selten vorkommt. Die Mehrheit hat ihre Macht verloren.

Man ahnt das, wenn man mit der amerikanischen Epidemiologin Katherine Flegal über die Frage spricht, wie gesundheitsschädlich Übergewicht tatsächlich ist. Man erkennt es, wenn man sich mit einem eher unbedeutenden Wesen wie der Biene Maja beschäftigt und mit dem sehr bedeutenden Papst Gregor I., der vor 1.400 Jahren starb.