Als ich 13 Jahre alt war, ging ein Junge mit mir zur Schule, der anders war als die anderen Jungen in unserer Klasse. Jens hatte dicke Arme, dicke Beine, einen dicken Bauch. Wenn er beim Fußballspielen versuchte, den Ball einzuholen, sah das aus, als rolle eine große Kugel einer kleinen hinterher.

Trotzdem lachten wir nicht über ihn.

Vielleicht waren auch wir anders als andere Kinder und machten uns nicht über Schwache lustig, aber das ist unwahrscheinlich. Eher war es so: Jens war gar nicht schwach. Er war dick, aber auch Bud Spencer war dick, und der war unser Kinoheld.

Meat Loaf war dick, und der war ein Rockstar.

Helmut Kohl war dick, und der war Bundeskanzler.

Die Bilder der Tagesschau zeigten jeden Abend wichtige Männer, die übergewichtige Männer waren. Auch viele unserer Väter, die im Sessel vor dem Fernseher saßen, waren dick. Einer nannte seine Wampe liebevoll Knödelfriedhof.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

Nach Angabe des Robert Koch-Instituts in Berlin waren damals, Mitte der achtziger Jahre, 58 Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland übergewichtig. Jens hatte die Mehrheit auf seiner Seite.

Heute, 30 Jahre später, liegt der Anteil der Übergewichtigen in Deutschland bei 60 Prozent. Die Dicken konnten ihre Mehrheit also sogar noch ein wenig ausbauen. Trotzdem ist heute alles anders. Es ist etwas passiert, das in demokratisch organisierten Gesellschaften selten vorkommt. Die Mehrheit hat ihre Macht verloren.

Man ahnt das, wenn man mit der amerikanischen Epidemiologin Katherine Flegal über die Frage spricht, wie gesundheitsschädlich Übergewicht tatsächlich ist. Man erkennt es, wenn man sich mit einem eher unbedeutenden Wesen wie der Biene Maja beschäftigt und mit dem sehr bedeutenden Papst Gregor I., der vor 1.400 Jahren starb.

Dicke Bewerber haben schlechtere Chancen

Vor allem aber begreift man es, wenn man erfährt, was eine Frau erlebt hat, die heute, im Jahr 2015, noch sehr lebendig ist und hier Julia Gärtner heißen soll.

Vor etwas mehr als zweieinhalb Jahren suchte Julia Gärtner einen Job, sie war damals 42 Jahre alt. Nach dem Studium hatte sie als Geschäftsführerin einer süddeutschen Ärztegenossenschaft gearbeitet. Jetzt, im Sommer 2012, brauchte der Borreliose-Bund Deutschland eine Geschäftsführerin. Julia Gärtner bewarb sich, sie hatte Lust auf etwas Neues.

Borreliose ist eine Infektionskrankheit, die vor allem durch Zecken übertragen wird, sie kann tödlich verlaufen. Der Borreliose-Bund informiert über Impfungen, organisiert Selbsthilfegruppen. Julia Gärtner wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Danach hatte sie das Gefühl, dass der Job und sie gut zusammenpassten.

Zwei Tage später, es war ein Sonntag, saß sie abends mit ihrem Mann auf dem Sofa, das Fernsehgerät lief, als auf ihrem Smartphone eine E-Mail aufblinkte. Der Borreliose-Bund. Da stand: "Was Sie beruflich mitbringen, würde in unser Aufgabenspektrum prima passen." Offen aber sei die Frage, "was dazu geführt hat, dass Sie kein Normalgewicht haben". Denn: "Im jetzigen Zustand wären Sie natürlich kein vorzeigbares Beispiel."

Noch während sie las, stiegen Julia Gärtner die Tränen in die Augen. "Ich habe mich so entwürdigt gefühlt", sagt sie.

Ich habe Julia Gärtner getroffen. Sie hat ein weiches Gesicht und blonde Haare. Dünn ist sie nicht, aber auch nicht besonders dick, etwas mollig vielleicht. Sie sagt, sie sei 1,70 Meter groß und wiege 83 Kilo, ich denke, das kommt hin.

Noch am selben Abend rief Julia Gärtners Mann die damalige stellvertretende Vorsitzende des Borreliose-Bundes an, die die E-Mail geschrieben hatte. Er ist selbst Geschäftsführer eines Unternehmens. Er sagte, bei einer Stellenbesetzung gehe es um die fachliche Qualifikation und nicht darum, wie viel jemand wiege. Als Antwort bekam er zu hören: "Wer undiszipliniert beim Essen ist, ist auch undiszipliniert beim Arbeiten." Diesen Satz bestritt die stellvertretende Vorsitzende später.

Helmut Kohl gilt heute als Kanzler der deutschen Einheit. Den Job beim Borreliose-Bund aber hätte er wohl nicht bekommen.

Julia Gärtner hat den Borreliose-Bund auf Entschädigung verklagt, unter Berufung auf das Antidiskriminierungsgesetz. Das Gericht hat die Klage abgelehnt. Die Begründung: Beim Antidiskriminierungsgesetz gehe es um die Benachteiligung Behinderter, Julia Gärtner aber sei nicht behindert, sondern dick. Julia Gärtner ist in Berufung gegangen. Anfang März hat das Gericht in zweiter Instanz entschieden. Wieder abgelehnt.

Es gibt eine aufschlussreiche Studie der Universität Tübingen. Die Wissenschaftler haben sechs Frauen und sechs Männer fotografiert. Alle trugen Jeans und weißes T-Shirt, waren zwischen 40 und 50 Jahre alt und hatten mindestens Abitur, von Beruf waren sie Informatiker, Unternehmer, Einzelhandelskaufleute, aber das sah man ihnen natürlich nicht an. Was man ihnen ansah, war, dass sie weder besonders hübsch noch besonders hässlich waren, dass vier von ihnen – sie stammten aus der Türkei und Pakistan – sehr dunkle Haare und dunkle Augen hatten. Und dass vier der Fotografierten sehr dick waren, zwei Frauen und zwei Männer.

Diese zwölf Fotos legten die Wissenschaftler 127 Personalfachleuten großer und kleiner deutscher Unternehmen vor, gemeinsam mit einer Aufzählung von sechs Berufen: Arzt, Architekt, Optiker, Einzelhändler, Pförtner und Reinigungskraft. Dazu stellten sie folgende Aufgabe: "Bitte ordnen Sie die folgenden Personen einem der angegebenen Berufe zu. Es ist möglich, mehrere Personen demselben Beruf zuzuordnen."

Das Ergebnis: Die deutsch aussehenden Frauen und Männer wurden zu rund 50 Prozent als Arzt oder Architekt eingestuft, den aus der Türkei und Pakistan stammenden Personen wurden diese Berufe etwas seltener zugetraut. Mit Abstand am schlechtesten aber schnitten die Dicken ab. Nur fünf Prozent der befragten Personalfachleute dachten, dass die Abgebildeten als Arzt oder Architekt arbeiten, fast alle vermuteten, sie seien Pförtner oder Reinigungskraft.

Das Gewicht ist eine Frage der Veranlagung

Das Interessante daran ist, dass in Wahrheit sehr viele Fettleibige einen hoch qualifizierten Beruf haben. Fast jeder dritte dicke Mann ist Anwalt, Arzt, Ingenieur, Lektor oder Ähnliches, hat das Robert Koch-Institut herausgefunden. Aber offenbar wird das heute als Ausnahme empfunden, so als hätten sich die Dicken in die Berufe mit hohem Sozialprestige hineingemogelt.

Die Tübinger Wissenschaftler fragten auch, welche der abgebildeten Personen die Personalfachleute für eine Führungsposition in Betracht ziehen würden. Wieder rangierten die Dicken weit hinter den Normalgewichtigen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund.

Als das Nachrichtenportal Spiegel Online über die Studie berichtete, erschienen unter dem Artikel 330 Leserkommentare, zum Beispiel diese:

"Auch ich stelle keine Dicken ein, genauso wie Leute mit schlechten Zähnen."

"Dicke Menschen sind nicht so produktiv wie ausgeglichene Menschen."

"Von Führungskräften würde ich etwas mehr charakterliche Festigkeit/persönliche Stabilität erwarten. Da sehe ich Defizite bei Übergewichtigen."

"Zunächst einmal sind normalgewichtige Menschen tendenziell belastbarer, gesünder und ausgeglichener (Sport etc.)."

Kaum jemand bezeichnete vor 30 Jahren den Bundeskanzler Helmut Kohl als gut aussehenden Mann. Ein dicker Bauch minderte die Attraktivität auch damals schon, so wie eine krumme Nase. Aber so wie niemand auf die Idee käme, einem Menschen die Schuld für die Form seiner Nase zu geben, hieß es auch vom Übergewicht, es sei in erster Linie eine Frage der Veranlagung. Mein Mitschüler Jens zum Beispiel galt als "guter Futterverwerter". Die Mutter eines Freundes sagte, sie müsse ein Stück Torte nur anschauen, schon nehme sie zu. Sie hatte dafür keinen Beweis. Es war mehr so ein Bauchgefühl.

Inzwischen aber hat die Wissenschaft mehrere Dutzend Gene identifiziert, die Übergewicht verursachen. Es gibt Studien mit adoptierten Kindern. Manche wuchsen in, sagen wir, Salat-Familien auf, andere in Pommes-Familien, aber auf ihr Gewicht wirkte sich das gar nicht so sehr aus. Die Kinder waren vor allem dann dick, wenn auch ihre leiblichen Eltern dick waren.

Zu 30 bis 70 Prozent ist das Gewicht eines Menschen das Resultat seiner Veranlagung, haben Forscher herausgefunden. Ohne zu essen, setzt niemand Fett an, aber wer mit einer Neigung zur Fülle geboren ist, wird es schwer haben, schmal zu bleiben, selbst wenn er viel Gemüse zu sich nimmt.

Früher war das irgendwie allen klar, heute aber glauben viele Menschen im Körperfett nicht die Kraft der Natur zu erkennen, sondern eine Schwäche des Willens. Heute sehen sie Bilder wie dieses Foto aus Charleroi.

Aufgenommen hat es der Italiener Giovanni Troilo. Das Foto ist Teil einer Serie, mit der Troilo den Niedergang der belgischen Arbeiterstadt Charleroi dokumentieren wollte. Es zeigt einen dicken Mann, der auf einem Stuhl sitzt, der Kopf ist auf die Brust gesunken, die Augen sind geschlossen. Der Mann trägt nur eine kurze Hose, man sieht, wie sich die Haut über seinem nackten Bauch spannt, der Bauch dominiert das Bild. Troilo hat seine Serie "Die schwarze Stadt – das dunkle Herz Europas" genannt. Es ist klar, was der dicke Mann verbildlichen soll. Das Elend. Den Verfall. Den Verlust der Hoffnung.

Ein Dicker als US-Präsident? Keine Chance

Im Februar hat Troilo den World Press Photo Award gewonnen, eine der bedeutendsten Auszeichnungen für Bildjournalisten. Anfang März wurde ihm der Preis aberkannt. Troilo hatte eines der Fotos nicht in Charleroi, sondern in Brüssel aufgenommen.

Später stellte sich heraus: Auch das Bild des dicken Mannes zeigt eine falsche Wirklichkeit. Zwar lebt er tatsächlich in Charleroi, aber er ist nicht arbeitslos, nicht depressiv, er ist kein hemmungsloser Esser. Der Mann ist Sommelier und Besitzer einer Weinbar. Er ist fett, weil er an einer Stoffwechselkrankheit leidet, das ist alles.

Der Betrachter aber weiß das nicht. Er denkt: Die Stadt ist arm, der Mann ist dick, das passt zusammen. Weil das Fett heute nicht mehr für Macht und Bedeutung steht wie noch Mitte der achtziger Jahre. Heute gilt es als Materialisierung von Disziplinlosigkeit und Kontrollverlust.

Für Menschen wie mich ist das gut. Ich war damals in der Schule das Gegenstück zu Jens, ich war der Dünne. Wenn ich beim Fußballspielen im Tor stand, sah das aus, als habe das Tor einen dritten Pfosten. Heute bin ich noch immer ein schlechter Futterverwerter. Ich kann unkontrolliert essen und wirke trotzdem diszipliniert. Hätten die Forscher der Uni Tübingen den Personalfachleuten ein Foto von mir vorgelegt, hätten die mich sofort als Arzt oder Architekt und potenzielle Führungskraft eingestuft.

Womöglich könnte ich sogar amerikanischer Präsident werden. Zumindest hätte ich bessere Chancen als Chris Christie.

Christie ist Gouverneur des amerikanischen Bundesstaates New Jersey und Mitglied der Republikaner. Er hält wortgewaltige Reden und hat sich im Herbst 2012, als der Hurrikan Sandy in New Jersey mehrere Hunderttausend Häuser zerstörte, als umsichtiger Krisenmanager bewiesen. Außerdem ist er ziemlich dick. Seit Jahren wird ihm nachgesagt, er wolle für das Präsidentenamt kandidieren.

Im Dezember 2012 lief im Nachrichtensender ABC folgendes Interview mit Christie:

Moderatorin: "Es ist mir sehr unangenehm, diese Frage zu stellen, während ich Ihnen gegenübersitze ... Sie sind ein bisschen übergewichtig?"

Christie: "Mehr als ein bisschen."

Moderatorin: "Warum?"

Christie: "Wenn ich das wüsste, würde ich es in Ordnung bringen."

Moderatorin: "Es gibt Leute, die sagen, Sie können nicht Präsident werden, weil Sie so dick sind. Was sagen Sie dazu?"

Christie: "Das ist lächerlich. Ich mache meinen Job ziemlich gut, und ich denke, die Leute haben mitbekommen, wie ich in den vergangenen Wochen während des Hurrikans Sandy 18-Stunden-Tage hatte und am nächsten Tag wieder voll da war. Ich glaube also nicht, dass das ein Problem wäre."

Wenig später gab Christie bekannt, er habe sich den Magen verkleinern lassen. Dies habe jedoch nichts mit seinen Ambitionen auf das Präsidentenamt zu tun.

Jetzt, im Frühjahr 2015, bringen sich in den USA die republikanischen Aspiranten für den Präsidentschaftswahlkampf 2016 in Stellung. Christie hat seit der Operation deutlich abgenommen, aber er ist immer noch dick. Unter Experten gilt er als chancenlos.

Ich finde das bemerkenswert. Noch vor wenigen Jahren war es unmöglich, dass ein Schwarzer amerikanischer Präsident wird. Dafür stand einem Übergewichtigen nichts im Weg. Es gab Präsidenten, die über 100 Kilo wogen. Heute müssen die Dicken draußen bleiben.

Einer der Favoriten für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner ist Jeb Bush, der ehemalige Gouverneur von Florida. Medienberichten zufolge hat er sieben Kilo abgenommen. Das gilt als Indiz dafür, dass er sich auf den Wahlkampf vorbereitet.

Papst Gregor I. als früher Feind der Fülle

In wenigen Wochen werden die Regierungschefs der sieben bedeutendsten Industrienationen und ihre Berater zu ihrem jährlichen Gipfeltreffen zusammenkommen. Die Bilder werden in der Tagesschau laufen. Es werden Bilder schlanker Menschen sein. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zählt noch zu den wenigen etwas Molligeren, aber auch sie hat abgenommen.

In vordemokratischen Gesellschaften lag den Königen daran, sich vom Pöbel zu unterscheiden. Heute, da das Volk die Macht hat, gehen Politiker zu Fußballspielen und in Bierzelte und pflegen auch dann eine verständliche Sprache, wenn sie einen Doktortitel tragen. Die Leute mögen das. Sie geben ihre Stimme gerne ihresgleichen.

Nur beim Körpergewicht scheint der Grundsatz der Ähnlichkeit zwischen Regierenden und Regierten nicht mehr so recht zu gelten. Das Volk in den Industrieländern ist dick, seine Vertreter aber sollen schlank sein. Die Übergewichtigen sind in der Mehrheit, aber sie schämen sich ihrer Bäuche und wählen die Dünnen.

Ich habe mich gefragt, ob diese Abneigung gegen das Fett tatsächlich ein Produkt des 21. Jahrhunderts ist oder ob es eine Verbindung zur Vergangenheit gibt. So bin ich auf Papst Gregor I. gestoßen.

Er wurde etwa im Jahr 540 in Rom geboren, als sich das einstige Riesenreich längst in ein zerbrochenes Imperium verwandelt hatte, zerschlagen von Goten und Vandalen. In dieser Zeit hatte eine neue Weltmacht ihren Aufstieg begonnen, eine Macht, die nicht Länder besetzte, sondern Köpfe: das Christentum.

Gregor war der Sohn einer traditionsreichen Senatorenfamilie. Er konnte jeden Tag gebratenes Lamm und von Honig durchtränkten Blätterteig essen, während die Menschen draußen auf dem Land nach all den Raubzügen der Barbaren hungerten. Dick waren damals nur die Reichen, und Gregor war einer von ihnen. Im Alter von etwa 30 Jahren wurde er zum Präfekten Roms ernannt, zum obersten Verwalter der Stadt. Er mag seine Macht und das damit verbundene Leben genossen haben, aber nicht lange, denn dann, so formulierte Gregor es später, "wehte mich die Himmelssehnsucht an".

Die Liebe zu Gott war so groß, dass er sein Amt aufgab. Der Präfekt Roms wurde Mönch. Das reichhaltige Mahl erschien Gregor fortan als Symbol des sündigen Daseins. Er gab sich der Askese hin. Er fastete so viel, dass er seinen Magen ruinierte und beinahe starb. Seine Mutter ließ ihm gedünstetes Gemüse bringen, auf dass er endlich essen möge.

Man kann sagen, Gregor war ein früher Feind der Fülle.

Für die Nachwelt hätte die Abkehr eines einzelnen Mönchs vom körperlichen Genuss wenig Folgen gehabt, wäre nicht am 7. Februar 590 der damalige Papst Pelagius II. an der Pest gestorben. Wäre nicht Gregor, der Pelagius als Berater gedient hatte, zu dessen Nachfolger ernannt worden. Und hätte sich Papst Gregor I., der wegen seiner einflussreichen Schriften heute auch Gregor der Große genannt wird, nicht in einem seiner Texte mit der Frage befasst, welche menschlichen Eigenschaften die Sünde nähren.

Er identifizierte sieben charakterliche Schwächen, denen der Mensch verfallen sei. Heute sind sie als die sieben Todsünden bekannt. Eine davon: gula, die Völlerei, die einzige Sünde, die nicht nur den Geist zerfrisst, sondern auch den Körper verformt.

Fett als Verkörperung des falschen Lebens

Ich stelle mir vor, Gregor der Große wäre damals in eine Zeitmaschine gestiegen und zu uns ins 21. Jahrhundert gereist. Er hätte sich gleich wohlgefühlt in der Moderne. Die Mehrheit der Menschen in den Industrieländern will abnehmen. Die Leute fasten, ganz ähnlich wie Gregor vor vielen Jahren. Sie halten sich an die Low-Carb-Diät, die Low-Fat-Diät oder die Fit-for-Life-Diät. Sie folgen der One-Day-Diät, der South-Beach-Diät oder der Ananas-Diät. Sie probieren es mit der Atkins-Diät, der Pritkin-Diät oder der Mayr-Kur. Es gibt auch die Steinzeit-Diät, die Ayurveda-Diät, die 5 : 2-Diät und Dutzende weitere Diäten. Es gibt Abnehmkliniken, Diätberater und Diätärzte, es gibt Tabletten, die Fatblocker heißen, Tabletten, die sich Fatburner nennen, und allein im deutschsprachigen Raum mehr als 4.000 Bücher zum Thema Abnehmen.

Nur wenige Übergewichtige schaffen es, sich dauerhaft erfolgreich zu verschlanken, aber was zählt, ist der gute Wille. Das Fett gilt heute als Verkörperung des falschen Lebens. Wer doch einmal eine Praline oder ein Stück Torte isst, sagt hinterher, er habe gesündigt. Ich glaube, Gregor dem Großen wäre das eine Genugtuung gewesen.

Auf seiner Reise durch die Zeit wäre Gregor durch Jahrhunderte geflogen, in denen es wenig im Leben der Menschen gab, was so mächtig war wie die Furcht vor Gott. Gregors Sündenkatalog wies ihnen den Weg in Richtung Himmel oder Hölle. Schon der Mensch der Vormoderne hätte also allen Grund gehabt, sich nach sündenfreier Schlankheit zu sehnen. Doch die Lust am Genuss war noch stärker als die Angst vor dem ewigen Feuer. Im Vorbeigleiten hätte Gregor den Anblick zechender Könige, dickwanstiger Kaufleute und schlemmender Mönche ertragen müssen.

Irgendetwas muss sich also verändert haben, dass die Menschen auf einmal das Dünne lieben. Ich glaube, es war die Angst. Auch die Welt von heute ist von Furcht erfüllt, aber für Gott ist in der Ananas-Diät kein Platz. Den Menschen der Moderne treibt nicht die Angst vor der Hölle, sondern die Angst vor dem Tod, und die ist offenbar viel stärker.

Übergewicht verkürzt das Leben. Das ist einer der Glaubenssätze der heutigen Zeit. Und so wie die Prediger des Mittelalters die sündigen Menschen vor der unendlichen Verdammnis warnten, so umwehen die Überschriften der Zeitungen und Nachrichtenportale die Menschen von heute. Ein paar Beispiele aus jüngerer Vergangenheit:

"Übergewicht: So gefährlich leben Dicke"

"Ohne Übergewicht kein Diabetes"

"Übergewicht schadet der Potenz"

"Übergewicht schadet dem Herzen"

"Übergewicht schadet dem Gehirn"

"Krebs: Dicke besonders anfällig"

"Übergewicht lässt Knie knirschen"

"Übergewicht stört den Schlaf"

"Unfruchtbar durch Übergewicht"

"Dicke riskieren Demenz"

"Übergewicht lässt Nieren versagen"

Mir scheint, es gibt inzwischen keine Krankheit, von der nicht irgendjemand behauptet, sie werde durch zu viel Körperfett verursacht, außer vielleicht Ebola.

Es ist dieser Glaube an die gesundheitsschädliche Kraft des Fetts, der den heutigen Blick auf den dicken Menschen prägt: Wer sich verantwortungslos gegenüber sich selbst verhält, ist auch verantwortungslos gegenüber anderen. Er gilt als schlechter Mensch.

Julia Gärtner, die Frau, die Geschäftsführerin des Borreliose-Bundes werden wollte, las in jener E-Mail auch den Satz, man frage sich, wie sie ihrem Körper das nur antun könne.

Es ist gar nicht sicher, dass Fett tatsächlich tötet

Chris Christie, der republikanische Politiker, fragte in jenem Fernsehinterview die Moderatorin, wie sie darauf komme, er könnte zu dick sein für das Präsidentenamt. Die Antwort: Die Menschen im Land fürchteten um seine Gesundheit. Eine Sorge, die sie im Jahr 2008 nicht zu plagen schien. Damals ging für die Republikaner der Senator John McCain ins Rennen um die Präsidentschaftskandidatur. McCain war zu diesem Zeitpunkt 71 Jahre alt, fast 20 Jahre älter, als Christie heute ist, er war mehrfach wegen Hautkrebs behandelt worden und konnte, weil er im Vietnamkrieg gefoltert wurde, seine Arme nur noch eingeschränkt bewegen. Trotzdem nominierten ihn die Republikaner als ihren Mann fürs Weiße Haus.

Mich erinnert das an das Rauchen. Zuerst waren Zigaretten ein Accessoire der Oberschicht, später galten sie als möglicherweise gesundheitsschädlich, dann als mit Gewissheit gesundheitsschädlich. Inzwischen steht der Raucher nicht nur als Mensch da, der seinen Körper zerstört, sondern auch noch als disziplinlos, unkontrolliert, unmoralisch. Genau wie der Dicke.

Der Unterschied ist: Es ist gar nicht sicher, dass Fett tatsächlich tötet.

Den ersten vermeintlichen Beweis für die Gefährlichkeit des Übergewichts erbrachte ein Statistiker der amerikanischen Lebensversicherung Metropolitan Life Insurance Anfang der vierziger Jahre. Er schrieb das Körpergewicht und die Körpergröße von vier Millionen Versicherten in lange Tabellen und prüfte, wie alt die jeweiligen Menschen geworden waren. Ergebnis 1: Die Dicken sterben früher. Ergebnis 2: Es gibt so etwas wie ein Normalgewicht, ein Gewicht, das den Menschen gesund hält.

Heute, rund 75 Jahre später, steht auf der Homepage des Bundesministeriums für Gesundheit folgende Frage: "Selbsttest: Ist mein Gewicht 'normal'?"

Und darunter heißt es: "Der BMI verschafft Klarheit."

BMI steht für Body-Mass-Index. Er errechnet sich, indem man das Gewicht eines Menschen durch die zum Quadrat genommene Körpergröße teilt. Es ist die heute weltweit gängige Methode, um zu bestimmen, ob ein Mensch übergewichtig ist.

Ich zum Beispiel wiege 82 Kilo und messe 1,93 Meter. Mein BMI liegt bei 21,9. Auf der Homepage des Gesundheitsministeriums falle ich damit unter die Kategorie "genau richtig".

Nach Einstufung der Weltgesundheitsorganisation hat ein Mensch dann Normalgewicht, wenn sein BMI zwischen 18,5 und 24,9 liegt. Bei 25 beginnt das Übergewicht, von da an wird es gefährlich. Bei 30 ist die Grenze zur Fettleibigkeit überschritten.

Dazu fällt mir ein Mann ein, den ich vor einer Weile kennengelernt habe. Er war lange Manager bei einem großen Konzern. Wenn er damals von der Arbeit kam, legte er sich nicht auf die Couch, sondern trainierte für den nächsten Triathlon. Außerdem aß er nicht nur kein Fleisch und keinen Fisch, sondern auch keine Butter, keinen Käse, keine Eier, er lebte streng vegan. Dann, mit Anfang 40, kündigte er und gründete sein eigenes Unternehmen. Er ernährte sich weiterhin rein pflanzlich, arbeitete nun aber so viel, dass er für Sport keine Zeit mehr hatte. Schon zuvor war er stämmig gewesen, doch heute, ein paar Jahre später, hat er eine kleine Wampe. Ich weiß nicht, wie hoch sein BMI ist, aber die 25 hat er überschritten.

Angenommen, dieser Mann bekäme einen Herzinfarkt und würde sterben. Woran hätte es gelegen? Am Übergewicht? Am fehlenden Sport? An der vielen Arbeit? Vielleicht sogar an der pflanzlichen Ernährung? Oder doch an etwas ganz anderem?

Schwer zu sagen.

Sogar die Biene Maja hat abgenommen

Für jede der erwähnten Überschriften aus Zeitungen und Nachrichtenportalen gibt es Belege, wissenschaftliche Studien oder Aussagen von Ärzten und Gesundheitsforschern. Das Beispiel des ehemaligen Konzernmanagers aber zeigt, dass es nicht ganz einfach ist, den Einfluss des Übergewichts zu isolieren und andere Faktoren wie Ernährung, Bewegungsmangel und Stress herauszurechnen. Die Wissenschaftler versuchen es mit allerlei statistischen Kniffen, aber je nachdem, wie sie dabei vorgehen, ändern sich die Ergebnisse.

Die Folge: Manche Untersuchungen weisen tatsächlich darauf hin, dass Übergewicht das Leben verkürzt. Aber andere nicht.

Wollte man der Wahrheit näher kommen, dürfte man nicht einer einzelnen Studie vertrauen. Man müsste möglichst viele Untersuchungen vergleichen und zusammenfassen, die das Leben und Sterben möglichst vieler Menschen analysieren.

Die amerikanische Epidemiologin Katherine Flegal hat genau das getan. Flegal ist leitende Wissenschaftlerin am Nationalen Zentrum für Gesundheitsstatistik der Vereinigten Staaten. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema Übergewicht. Sie sagt, sie habe keinerlei politische Mission. "Ich zeige den Leuten nur, was die Zahlen erzählen."

Katherine Flegal hat 97 Studien ausgewertet, die den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Lebenserwartung untersuchten. Die Daten von 2,88 Millionen Menschen sind in diese Studien eingegangen, Amerikaner, Kanadier und Europäer waren unter ihnen, aber auch Australier, Chinesen und Japaner.

Das Ergebnis: Die Dicken sterben gar nicht früher. Sie leben sogar länger. Laut den 97 Studien hatten die Übergewichtigen mit einem BMI zwischen 25 und 30 eine geringere Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu sterben, als die Normalgewichtigen. Sogar die leicht Fettleibigen mit einem BMI zwischen 30 und 35 lebten ein wenig länger. Erst bei den massiv Fettleibigen, deren BMI über 35 lag, sank die Lebenserwartung deutlich.

Bin ich vielleicht doch nicht "genau richtig"? Muss ich versuchen, zuzunehmen?

Es gibt inzwischen einige medizinische Erklärungen für das Studienergebnis. Dass Fett die Wahrscheinlichkeit von Herzkrankheiten und Diabetes erhöht, ist unbestritten. Gleichzeitig scheinen Dicke aber schwere Unfälle, Operationen und Schlaganfälle besser zu verkraften, auch Krebserkrankungen überleben sie oft leichter. In der Summe führt das offenbar dazu, dass Übergewichtige etwas länger leben als Normalgewichtige.

Das bedeutet nun nicht, dass man sich bemühen sollte, dick zu werden, schließlich weiß niemand, ob und wann er einen schweren Unfall erleidet. Aber man muss eben auch nicht unbedingt abnehmen. Das Gewicht ist einfach nicht so wichtig.

Man kann also sagen, dass das, was der Biene Maja und dem Weihnachtsmann widerfahren ist, nicht ganz zur Faktenlage passt.

Als ich ein Kind war, kannten alle Kinder die Biene Maja. Sie lebte in einem unbekannten Land, in dem sie lustige Abenteuer mit Grashüpfern, Spinnen und Ameisen erlebte. Maja hatte einen dichten Haarschopf und zwei wackelnde Fühler. Sie war ziemlich pummelig.

Auch heute kennt jedes Kind die Biene Maja. Die Zeichentrickserie läuft immer noch im Fernsehen, im ZDF. Maja hat immer noch dichte Haare und wackelnde Fühler. Trotzdem hat sie sich verändert. Maja hat abgenommen, sie ist jetzt schlank.

Vor zwei Jahren wurde die Biene Maja neu gemalt. "Es ging darum, Maja an die heutigen Sehgewohnheiten anzupassen", schreibt das ZDF in einer Presseerklärung.

Auch der Weihnachtsmann ist dick. Jedenfalls war das früher so, als die Fülle noch für Gutmütigkeit stand, für eine warme Seele. Ein britischer Hersteller von Grußkarten ließ kürzlich Bilder des Weihnachtsmanns aus den vergangenen 20 Jahren untersuchen. Das Resultat: Der Weihnachtsmann hat abgespeckt, die Zeichner der Postkarten haben ihm den Bauch verkleinert, manchmal fehlt er ganz.

Führungskräfte erklären ihrem Körpergewicht den Krieg

Schon vor ein paar Jahren hat sich ein Weihnachtsmann in einem Kaufhaus der schottischen Hauptstadt Edinburgh geweigert, ein Kissen unter seinen roten Mantel zu stopfen. Er genierte sich, er fürchtete, dass für das Dicke kein Platz mehr ist in der modernen Welt.

Gunter Frank kennt sie auch, diese Furcht. Er sitzt ihr regelmäßig gegenüber, in seiner Praxis in einer Villa direkt am Neckar in Heidelberg.

Frank ist Arzt. Er hat mehrere Bücher geschrieben, über Ernährung, über das Gesundheitssystem, hin und wieder sitzt er als Medizinexperte in Talkshows, aber das ist nicht der Grund, weshalb ich ihn getroffen habe. Was ihn interessant macht, sind seine Patienten.

Vor 17 Jahren hat Gunter Frank einen Lehrauftrag an der Business School im schweizerischen St. Gallen übernommen. Die meisten Studenten dort sind keine jungen Leute, sondern gestandene Führungskräfte zwischen 30 und 40 Jahren, die mithilfe eines zusätzlichen wirtschaftswissenschaftlichen Abschlusses ihre Karriere beschleunigen wollen. Frank erklärt ihnen, wie sie es schaffen, nicht nur ein Unternehmen, sondern auch ihre eigene Gesundheit zu managen.

Viele der Studenten kommen später als Patienten zu ihm in die Praxis. Frank sagt, er habe in den vergangenen Jahren etwa 1.000 Führungskräfte behandelt. Die meisten kommen nicht zu ihm, weil sie krank sind, sondern weil sie verhindern wollen, krank zu werden, sie lassen sich durchchecken, ihre Blutwerte prüfen, Herz und Lunge untersuchen, die Leber, die Nieren, alles. Am Ende redet Frank ausführlich mit jedem Patienten über die Ergebnisse, und nicht selten sitzt dann ein Mann vor ihm, der kerngesund ist, aber eben etwas übergewichtig. Frank erkundigt sich in diesem Gespräch auch nach der Zukunft, er will wissen, ob sein Patient ein gesundheitliches Ziel hat, ob er etwas erreichen will. Seit Jahren fragt er das, die Frage ist immer gleich.

Nur die Antwort hat sich verändert.

Früher, sagt Frank, kam so ein Manager gar nicht auf die Idee, über sein Gewicht zu reden. Womöglich war er etwas dicker, na und? Heute, so Frank, antworteten zwei von drei Patienten: "Ich will abnehmen, ich fühle mich nicht wohl." Die meisten erhoffen sich dann Diätpläne, detaillierte Angaben zu Dickmachern und Fettkillern, am besten eine Liste, was sie wann zu essen hätten und was nicht.

Frank versucht diesen Führungskräften begreiflich zu machen, dass sie, die jeden Tag für Umsatzsteigerungen und Kapitalrenditen kämpfen, die sich mit der Konkurrenz aus Fernost und den Launen der Aktionäre herumschlagen, nicht auch noch dem eigenen Körpergewicht den Krieg erklären müssen.

Manchmal gelingt es ihm, aber oft bleibt Unglauben in ihren Augen. Fett ist böse, das ist auch deshalb so überzeugend, weil es so schön simpel klingt.

Stellt man die Frage, woran es eigentlich liegt, dass in den Industrieländern so viele Menschen so dick geworden sind, hört man oft, das habe etwas mit dem Kapitalismus zu tun. Das hilft als Antwort einerseits nicht recht weiter, weil der Kapitalismus ja immer irgendwie an allem schuld sein soll, aber wenn ich an die achtziger Jahre zurückdenke, als ich mit Jens zur Schule ging, und daran, was sich seitdem verändert hat, dann stimmt es andererseits doch.

Wenn unsere Väter damals von der Arbeit nach Hause kamen, beschäftigten sie sich mit ihren Hobbys. Manche sammelten Briefmarken oder Münzen, manche bastelten an ihrer Modelleisenbahn herum oder reparierten alte Fotokameras. Zwischendurch aßen sie zu Abend und freuten sich, wenn es schmeckte.

Der Kapitalismus und der Bauch

Schon damals gab es in Deutschland überall Supermärkte, schon damals waren die Regale voll mit industriell erzeugten Lebensmitteln. Es war so einfach wie nie zuvor in der Geschichte, an Kalorien zu kommen. Aber heute ist es noch leichter. Heute gibt es im Supermarkt bei mir um die Ecke 45 Sorten Kartoffelchips, 39 Sorten Schokokekse, 72 Sorten Wurst-Aufschnitt und 51 Sorten Frühstücksflocken, nur so als Beispiel.

Irgendjemand muss das alles kaufen und essen, weil der Kapitalismus den immerwährenden Konsum braucht, sonst stürzt das System ab. Und wenn wir Konsumenten immer weiter konsumieren, ist es keine große Überraschung, dass viele von uns schon in den achtziger Jahren dick waren und viele es heute immer noch sind.

Der Kapitalismus braucht aber auch die Kontrolle, die Disziplin. Denn wenn wir anfingen, uns nur noch dem Konsum zu widmen, dem Genuss, dem Essen, wenn wir nicht mehr arbeiten würden oder nicht mehr so viel, dann bräche das System ebenfalls zusammen.

Der amerikanische Soziologe Daniel Bell hat diesen Zusammenhang schon vor Jahrzehnten beschrieben: In seiner Freizeit müsse der kapitalistische Idealmensch ein unersättlicher Prasser sein, der so viele Waren wie möglich kauft und konsumiert. Nur um sich anschließend in einen harten Arbeiter zu verwandeln, der alles daransetzt, möglichst viele neue Waren zu produzieren. Bell bezeichnete diesen Zwiespalt zwischen Hedonismus und Arbeitsethos als kulturellen Widerspruch des Kapitalismus.

Heute bin ich selbst in dem Alter, in dem unsere Väter damals waren. Unter meinen Freunden und Bekannten ist keiner, der abends nach der Arbeit irgendetwas sammelt oder repariert. Keiner von uns hat eine Modelleisenbahn. Stattdessen gehen wir laufen oder ins Fitnessstudio oder zumindest zum Yoga und versuchen, die Kalorien loszuwerden, die wir vorher aufgenommen haben. Wir besitzen Autos, Handys, Laptops, Wohnungen, Häuser, wir haben alles, was wir brauchen, aber wir arbeiten trotzdem immer weiter. Wir kommen dem kapitalistischen Idealmenschen schon ziemlich nahe.

Es ist nicht so, dass unsere Väter faul waren, im Gegenteil. Schon damals sprachen Sozialforscher bei Ländern wie der Bundesrepublik Deutschland von einer Arbeitsgesellschaft, womit sie meinten, dass die Arbeit die gesellschaftliche Stellung definierte. Schon damals standen in Todesanzeigen mitunter die Berufe der Verstorbenen, zumindest wenn diese Arzt, Anwalt oder Professor gewesen waren. Schon damals haben Unternehmenschefs und Politiker schwer geschuftet. Helmut Kohl war fleißig, aber man musste es ihm nicht ansehen. Die Leute haben einfach das gegessen, worauf sie Appetit hatten. Der Kapitalismus ließ den Bauch noch in Ruhe.

Das ist das, was damals anders war.

Ich glaube, wenn Gregor der Große einst tatsächlich in eine Zeitmaschine gestiegen wäre, hätte er bald gemerkt, dass die Bedeutung der Schlankheit sich verändert hat. Er hätte begriffen, dass sie im Mittelalter für die Loslösung vom Materiellen stand, für die innere Einkehr, dass sie heute, im 21. Jahrhundert, aber das Gegenteil verkörpert: das dem Kapitalismus eigene ewige Streben nach Mehr. Mehr Umsatz, mehr Geld, mehr Rendite.

Wahrscheinlich hätte Gregor dann die Menschen dazu aufgerufen, ihren Körper diesem endlosen Rennen zu entziehen. Lasst euch so, wie ihr seid, hätte er ihnen zugerufen, egal, ob dick oder dünn, greift zu und esst und gönnt euch eine Pause.

Fett ist das neue Fasten, das hätte er gesagt.