Vor einiger Zeit wurde die sehr hässliche Wiener Mariahilfer Straße zum Teil in eine Fußgängerzone umgewidmet. Das ist vor allem für diejenigen schön, die gern an schmutzig-grauen Einkaufshäusern vorbeiflanieren, für die meisten anderen ist es ein Ärgernis, ich zumindest wollte dort immer nur schnell weg. Ich bin auch länger nicht mehr dort gewesen. Ich verlasse nur in Ausnahmefällen die Gegenden Wiens, in denen ich mich wohlfühle. Das machen zwar viele Wiener so, denn der Wiener ist ein Grätzelmensch, dessen Welt nicht viel mehr als fünf, sechs Straßen umfasst, aber ich selbst bin da noch etwas extremer, ich verlasse nicht einmal die hundert Meter der Schleifmühlgasse im vierten Bezirk.

Fußgängerzonen? Gern. Hierher, bitte. Die Schleifmühlgasse, jedenfalls der Teil, der mir wichtig ist, beginnt am Naschmarkt und endet an der Kreuzung mit der Margaretenstraße. Hier macht eine Fußgängerzone Sinn. Hier leben Menschen. Hier spielen Kinder. Und es reiht sich ein Lokal an das andere, wodurch man nachts des Öfteren dem einen oder anderen einsamen Nachtschwärmer dabei zusehen kann, wie er auf seinem Heimweg die gesamte Straßenbreite benötigt, was schon aus Gründen der Verkehrssicherheit ebenfalls dafür spricht, hier eine Fußgängerzone einzurichten.

Ich bin kein gebürtiger Wiener. Ich lebe seit 1998 hier. Davor hatte ich drei Jahre lang einen Bauernhof gemietet. Drei Hektar Grund, Blumenwiese, Apfelbäume, Sonnenblumenfelder, Wald. Recht war mir das nicht. Ich liebe die Natur, aber nur aus sicherer Entfernung. Wenn man die Wiese mit dem Balkenmäher mäht und aus Versehen die Fenster offen lässt, wimmelt das Haus nur so von Heuschrecken. Es gibt allerhand Schaben, Maden, Würmer, Schnecken, Käfer, Spinnen, Fliegen, Bienen und Wespen, Hornissen, Moskitos, von Hunden zu Tode gehetzte Rehkitze vor der Tür. Deshalb: Stadt. Meinen Roman fertig schreiben und dann endlich wieder Stadt. Und wenn schon Stadt, dann Wien. Und wenn ich Wien sage, meine ich vor allem die Schleifmühlgasse.

Vom Naschmarkt kommend, vor dem man wegen des Massenandrangs von Touristen flieht, passiert man am Anfang der Schleifmühlgasse das Café Amacord. Es ist nach dem Fellini-Film benannt und sollte meines Erachtens Amarcord heißen, aber über solche Kleinigkeiten lächelt man in der Schleifmühlgasse hinweg. Im Amacord kriegt man nämlich guten Kaffee, und wäre da nicht die gewöhnungsbedürftige Ethnojazzmusik, die hin und wieder auf die Gäste eindudelt, es wäre ein Ort zum stundenlangen Verweilen. Aber man muss hier nicht stundenlang verweilen, man kann auch nach nebenan gehen, ins Otto e Mezzo, was ebenfalls auf die Kinobegeisterung und die Kunstsinnigkeit der Geschäftsbetreiber dieser Gasse hinweist. Massimo, der Wirt, spricht ein liebenswertes Deutsch, kocht sensationell gut und stellt dem zufriedenen Gast nach dem Essen Grappa hin.

Das wäre es im Grunde schon, ich könnte stundenlang die hundert Meter Schleifmühlgasse rauf- und runtergehen, ich würde mich nie weiter von ihrem Zentrum wegbewegen, dem Allerheiligsten, der Kirche des vierten Bezirks: dem Café Anzengruber.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Es gibt nichts Wichtigeres als das Café Anzengruber. Vergessen Sie den Stephansdom. Vergessen Sie das Parlament. Wer braucht Religionen oder Demokratie, wenn es das Anzengruber gibt? Hier sitze ich. Hier mag man mich. Oder tut zumindest so. Hier mag man nicht nur mich, sondern auch allerhand andere Leute, die man sonst nirgends mag. Die Menschen, denen das Anzengruber gehört, sind ebenfalls Zeitgenossen, die man nicht überall mag. Sie sind rau. Sie sind ehrlich. Sie sind unfassbar herzlich, wenn man sie kennt. Und hier gibt es keine Laptops, keine Aktenkoffer, keine überlauten Schüler, keine ausländerfeindlichen Stammtischmotzer, und es gibt keine Musik. Man hört nur die Menschen, die hier trinken, essen, stehen, sitzen. Man hört Menschen reden. Mich beruhigt diese Stimmung, diese Gelassenheit, ich bin allein und doch nicht einsam.

Wieder auf der Straße, diese alten Häuser vor mir, denke ich oft an die Menschen, die all das hier aufgebaut haben. Wer waren sie? Wann haben sie gelebt? Was haben sie erlebt? Schleifmühlgasse? Auf einem Haus steht: Hier stand die alte Schleifmühle.

Was war die alte Schleifmühle? Damals eine Selbstverständlichkeit. Die Menschen gingen hier, so wie ich hier gehe, genau an derselben Stelle wie ich jetzt standen Karls und Johannas und sahen die Schleifmühle. Ich weiß nicht, ob sie an die Menschen gedacht haben, die lange vor ihnen an dieser Stelle gestanden waren, aber ganz bestimmt haben sie nicht an die gedacht, die nach ihnen kommen würden, sie haben nicht an mich und die Stimmen im Café Anzengruber gedacht und nicht an den Wirt des Otto e Mezzo, sie haben in ihrer Welt gelebt und ihre Sorgen und Ängste, Träume und Berühmtheiten gehabt, die für sie alltäglich und selbstverständlich waren, so wie meine Gegenwart für mich die selbstverständliche ist und unsere Berühmtheiten und unsere Träume für mich etwas Gegebenes, mich Begleitendes sind. An die ich jetzt denke, hier in dieser Gasse, die irgendwann irgendjemand aufgebaut hat, das eine Stück dieser, das andere jener, das eine Haus dann, das andere wann. Ich hätte gern eine Jahrtausendkamera, die im Zeitraffer diese Gasse zeigt. Ein leeres Feld, auf dem nach und nach etwas entsteht, bis zum Schlussbild, vor dem ich nun stehe und das für mich selbstverständlich ist. Das ist: die Zeit.

Nirgendwo in Wien denke ich so an die Zeit wie in dieser kurzen, schönen Gasse. In der Mariahilfer Straße fällt mir nichts zur Zeit ein. Ich sehe nichts Lebendiges, ich sehe nichts, was mich inspiriert, ich sehe nicht einmal die Menschen, die einst hier gelebt haben, ja, es ist beinahe, als wären diese Häuser vom Himmel gefallen – niemand kann sie gebaut haben. Hier waren keine Menschen am Werk. Ich erkenne keine Seele. Das mag an mir liegen und nicht die Schuld der armen Straße sein, doch das ändert nichts daran, dass sie mir immer fremd bleiben wird.

In der Schleifmühlgasse ist das anders. Ob an einem heißen Sommertag oder im Winter, wenn man aufpassen muss, nicht auf dem eisigen Gehsteig auszurutschen, ob tagsüber oder nachts, ob in heiterer Stimmung oder betrübt, hier denke ich an die Zeit. An uns, die wir heute die Wiener sind, 1,8 Millionen Menschen, alle zusammen und jeder allein, und ich denke an die Wiener, die vor hundert Jahren die Wiener waren, von denen wir Gebäude geerbt haben und Stimmungen, ich denke an die Menschen, die einst wir waren. Und dann denke ich an die, die einst wir sein werden. Hier, in dieser Gasse. Wenn es mich schon lange nicht mehr geben wird.