Es ist tiefe Nacht. In einem kleinen roten Schulhaus der alten französischen Königsstadt Reims, das US-General Dwight D. Eisenhower als Hauptquartier dient, sind drei hochrangige deutsche Offiziere eingetroffen: Generaloberst Alfred Jodl, der Chef des Wehrmachtführungsstabes, Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg und Luftwaffengeneral Wilhelm Oxenius. Um 2.41 Uhr – der 7. Mai ist angebrochen – setzen sie ihre Unterschrift unter die Kapitulationsurkunde. Unconditional surrender, bedingungslose Kapitulation.

Am nächsten Tag wird die Zeremonie im Hauptquartier von Marschall Schukow in Berlin-Karlshorst medienwirksam wiederholt. Stalin hat darauf bestanden, um aller Welt deutlich zu machen, dass das Deutsche Reich an sämtlichen Fronten die Waffen streckt. Für die Wehrmacht unterzeichnet diesmal Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel. Er verabschiedet sich mit erhobenem Marschallstab. Niemand nimmt bei seinem Abgang Notiz von ihm. Die Kapitulation tritt an allen Fronten am 9. Mai um 0.01 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit in Kraft. In Europa ist der Krieg vorbei.

Zehn Tage zuvor hat sich Adolf Hitler im Bunker der Berliner Reichskanzlei erschossen. In Flensburg amtiert danach noch drei Wochen lang eine geschäftsführende Regierung unter dem Reichspräsidenten Großadmiral Karl Dönitz. Am 23. Mai werden ihre Mitglieder von den Westalliierten verhaftet. An dem sonnigen Vormittag dieses 23. Mai wird in der Marineschule Mürwik die Reichskriegsflagge für immer eingeholt. Es gibt kein Großdeutsches Reich mehr. Genau genommen gibt es überhaupt kein Reich mehr. Die oberste Gewalt liegt nun bei den Siegern.

Deutschland ist ein Ruinenfeld. Schutt ist das Einzige, was es mehr als reichlich gibt im Land: rund 400 Millionen Kubikmeter. In Hamburg allein sind 43 Millionen Kubikmeter zu beseitigen, 25 Kubikmeter pro Einwohner; man hätte damit die Außenalster zuschütten und noch einen Hügel von 20 Meter Höhe draufsetzen können.

Die Zahl der Obdachlosen geht in die Millionen. "Ein Zimmer", so erinnerte sich der Tübinger Politikwissenschaftler Theodor Eschenburg, "diente in vielen Fällen als Wohnraum für eine ganze Familie. Keller und Böden, Baracken und Wellblechhütten, Ruinen und Lagerhallen nutze man als Unterschlupf. In den zerbombten Innenstädten zogen sich da, wo ehemals schmale Straßen und Gassen verliefen, Trampelpfade über die staubigen Trümmer. Forsythien, Flieder und Jasmin blühten dagegen verschwenderisch und verwilderten in Gärten, deren Häuser nicht mehr standen." Nach der amtlichen Statistik kommen in der britischen Besatzungszone durchschnittlich 6,2 Quadratmeter Wohnraum auf eine Person, und nur unwesentlich mehr in der amerikanischen, russischen und französischen Zone.

Für Zigtausende heißt die Parole nun "Schippen, enttrümmern, Ziegel stapeln". Ehemalige NSDAP-Mitglieder müssen Sonderschichten ableisten. Die Hauptlast haben überall die Frauen zu tragen.

Der Schwarzhandel blüht – ein Huhn verdient mehr als ein Arbeiter

Ich selber gehöre zu jener "Generation der Flakhelfer", denen es im Alter von 14, 15, 16 Jahren auferlegt worden war, den Krieg noch verlieren zu helfen. Als wir uns damals, im Sommer 1945, nach Hause durchgeschlagen hatten, waren die Väter, wenn sie nicht überhaupt gefallen oder als vermisst gemeldet waren, meist noch nicht wieder da. Sie befanden sich in Kriegsgefangenschaft.

Die Frauen hielten den Laden, hielten die Familien zusammen. Sie gingen hamstern auf dem Lande. Sie zogen mit Axt und Säge in die Wälder zum Holzeinschlag. Sie sammelten Pilze und dörrten Apfelringe; sie standen vor der Freibank an nach einem Schweinskopf, ein paar Pferdekoteletts oder wenigstens einer Handvoll Suppenknochen; sie züchteten Hühner und Kaninchen und schneiderten uns Trachtenjoppen aus den Uniformröcken der Väter. Oft genug verzichteten sie zugunsten der Kinder auf ihre eigene Scheibe Brot.

Es waren die Mütter, die Frauen, die meine Generation durch die schweren Zeiten gebracht haben. Ich stehe nicht an, zu sagen: Wenn wir überlebt haben, so danken wir dies ihnen – ihnen fast allein.

Im Übrigen herrschte das reine Chaos. Millionen Menschen waren in der größten Völkerwanderung der Neuzeit unterwegs: 300.000 Überlebende der Konzentrationslager; 8,5 Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Arbeitssklaven des "Dritten Reiches", die nun als Displaced Persons auf ihre Heimführung warteten; fünf Millionen deutsche Kriegsgefangene, die das Glück hatten, im Laufe des Jahres 1945 heimkehren zu dürfen; mehrere Millionen von Deutschen, die vor den Russen nach Westen geflohen waren und zu denen nach dem Beginn der Zwangsaussiedlung bald die ersten aus Ostpreußen, aus Schlesien, aus dem Sudetenland und Ungarn Vertriebenen hinzustießen. Dazu kamen Millionen von Bombenevakuierten, die nach Hause strebten, und Hunderttausende von Jugendlichen, die aus der "Kinderlandverschickung" zurückkehrten.

Sie alle wirbelten im Chaos der Jahre 1945/46 durch ein zerstörtes Land. Die Versorgung war vielfach zusammengebrochen. Da half nur "organisieren". Etliche Vorratslager der Wehrmacht und andere Lebensmitteldepots wurden in den Wirren der ersten Zeit geplündert. Später verwandelten sich Parks in Gemüsegärten, es gab Tauschhandel, und die Städter fuhren aufs Land und bettelten bei den Bauern.