DIE ZEIT: Herr Bätzing, sind Sie ein Sisyphos?

Werner Bätzing: Wieso?

ZEIT: Vor 30 Jahren erschien Ihr Standardwerk Die Alpen. Schon damals kritisierten Sie, dass die Bergwelt zu einer großen Chilbi verkommt. Sind Sie gescheitert?

Bätzing: Im Gegenteil. Viele Menschen beziehen sich auf meine Arbeit und erkennen, dass sich Naturschutz und wirtschaftliche Entwicklung nicht gegenseitig ausschließen – wovon man vor 30 Jahren noch vollständig überzeugt war. Aber als Einzelner kann man natürlich nicht eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung aufhalten.

ZEIT: Hat sich die Situation in den Alpen in den vergangenen 30 Jahren also verbessert?

Bätzing: Nein, sie hat sich signifikant verschlechtert. Früher standen die Alpen im Zentrum der europäischen Aufmerksamkeit – sei es als Freizeitregion, sei es als Transitregion, sei es mit ihren Umweltproblemen. Heute gelten die Alpen als Peripherie. Die Goldgräberzeit im alpinen Tourismus ist längst zu Ende, und die Berglandwirtschaft geht permanent weiter zurück.

ZEIT: Mit welchen Folgen?

Bätzing: Auf der einen Seite ist die Verstädterung der Tallagen und der Tourismuszentren massiv vorangeschritten. Andererseits hat die Entsiedelung sehr stark zugenommen. Der positivste Punkt ist die veränderte kulturelle Identität: Als ich Ende der siebziger Jahre begann, mich mit den Alpen zu beschäftigen, galten die regionalen Sprachen und Dialekte als etwas Minderwertiges. Heute sind die Leute wieder stolz darauf, dass sie ihre alten Sprachen sprechen.

ZEIT: Aber was ist denn so schlimm, wenn sich gewisse Talschaften entsiedeln? Man kann die Leute ja nicht annageln.

Bätzing: Das ist eine Grundsatzfrage – und zwar für ganz Europa. Bereits der Soziologe Max Weber erkannte: Nur dank seiner ausgeprägten kleinteiligen Vielfalt, verbunden aber durch die gemeinsame christlich-griechisch-jüdische Tradition, konnte Europa vom Mittelalter an seine besondere Innovationsfähigkeit entwickeln. Es gab nicht nur eine einzige, "richtige" Weise, zu denken und zu wirtschaften – jeder machte es etwas anders, und das ermutigte die Menschen, sich zu überlegen, was man besser machen könne. Das führte letztlich zur industriellen Revolution.

ZEIT: Was heißt das für uns heute?

Bätzing: Wenn Europa in der Welt bestehen will, dann gelingt dies nur mit dieser kleinräumigen Vielfalt. Aber wenn die städtischen Räume alles dominieren und die ländlichen Räume entsiedelt werden, dann geht diese Vielfalt verloren.

ZEIT: Wer bedroht diese Vielfalt?

Bätzing: Die Globalisierung. Das moderne Wirtschaften ist umso effizienter, je größer die Einheiten sind, in denen man räumlich konzentriert wirtschaftet.

Dieser Artikel erschien in der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT. | Die aktuelle ZEIT können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

ZEIT: Es gibt Täler, im Tiroler Außerfern zum Beispiel das Bschlabertal, da leben keine hundert Menschen mehr. Und trotzdem werden viele Millionen Euro verwendet für Straßen oder Lawinenschutz. Wie kann man das rechtfertigen?

Bätzing: Das ist die klassische neoliberale Argumentation: Jeder Euro oder jeder Franken, der irgendwo investiert wird, muss möglichst vielen Leuten zugutekommen. Wenn man so argumentiert, muss man die Berggebiete sofort aufgeben. Der Staat trägt aber für sein gesamtes Territorium die Verantwortung. Wenn er sich nur noch auf seine Metropolen konzentriert, wird alles der maximalen Effizienz untergeordnet, und das Leben ist nicht mehr lebenswert.