Müssen wir uns bald alle als digitale Tagelöhner verdingen? Oder werden Maschinen und Roboter uns auch die letzte Chance auf einen Broterwerb wegschnappen? Stirbt das normale Arbeitsverhältnis aus? In diesen Tagen ist viel von Arbeit 4.0 die Rede und von einer neuen – bedrohlichen – Arbeitswelt. Wissenschaftler warnen vor radikalen Veränderungen, die Bundesregierung will sich mit einem Konzept dafür wappnen, und die Gewerkschaften versprachen zum 1. Mai treuherzig: "Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!" Was steht uns da bevor?

1. Wir werden nicht häufiger den Arbeitsplatz wechseln müssen als heute

Seit Jahren erzählen Früher-war-alles-besser-Gläubige die gleiche Geschichte: Früher arbeitete man ein Leben lang beim selben Arbeitgeber und bekam zum 40-jährigen Firmenjubiläum eine goldene Uhr geschenkt. Heute aber (oder schon sehr bald) muss man ständig von einem Job zum anderen springen. Einen festen Schreibtisch im Büro wird dann niemand mehr haben. Treue zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, das ist ein Ding von gestern.

Tatsächlich spiegelt sich das in Statistiken bisher nicht wieder. Forscher, die ermitteln, wie lange Arbeitnehmer bereits bei ihrem derzeitigen Betrieb beschäftigt sind, kommen seit Jahrzehnten zum gleichen Ergebnis: Im Durchschnitt sind Deutschlands Werktätige seit etwa zehn Jahren bei ihrem aktuellen Arbeitgeber angestellt. So war es in den 1980ern, so war es in den 1990ern, so ist es heute. Allenfalls beim Start in das Berufsleben wechseln die Jüngeren öfter die Stelle als früher. In ihrer Gesamtheit sind die Beschäftigungsverhältnisse aber so stabil wie eh und je. Übrigens nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien. Das belegt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Es gibt einen guten Grund, anzunehmen, dass wir auch in Zukunft keineswegs häufiger den Job wechseln werden. Das Wesen der Arbeit verändert sich, sie wird immer anspruchsvoller. Vor zwanzig, dreißig Jahren gingen noch Hunderttausende zum Malochen in den Hafen oder in eine Fabrik, und manchmal halfen sie auch auf dem Bau aus oder in der Landwirtschaft. In den Büros wiederum verrichteten viele Angestellte in Buchhaltung oder Sekretariat häufig schlichte Aufgaben – Abheften, Archivieren, Abschreiben. Heute gibt es weniger einfache Tätigkeiten. Immer mehr Menschen brauchen schon als Grundvoraussetzung für ihren Job eine ziemlich lange Ausbildung, etwa Abitur, Studium und Referendariat. Und die Aufgaben werden immer spezieller. Jemand, der als Applikationsingenieur in der Schadteilanalyse oder als Mathematiker im Bereich Kompositsparten, Schwerpunkt Reserving, arbeitet, muss schon ziemlich lange ausholen, um einem Außenstehenden zu erklären, was er da eigentlich tut.

Das macht es für Arbeitnehmer nicht einfacher, mal eben den Job zu wechseln. Aber auch Arbeitgeber können weniger leicht Arbeitskräfte hin und her schieben. Die allermeisten von uns werden daher auch in Zukunft nicht als digitale Tagelöhner, Job-Nomaden oder Patchworker (so hieß das in den Neunzigern) ihr Geld verdienen.

2. Wir sollten Normalarbeit neu definieren

Gute Arbeit hat nur, wer den ganzen Tag arbeitet. So ist jedenfalls in Deutschland das Verständnis von einem Normalarbeitsverhältnis. Als solches gilt eine Stelle, die unbefristet und voll sozialversichert ist, nicht von einer Zeitarbeitsfirma angeboten wird und eben in Vollzeit ausgefüllt wird. Alles andere bezeichnen Politiker und Sozialexperten häufig als atypisch, prekär und irgendwie minderwertig.

Diese Definition sollten wir ändern. Nicht, weil Normalarbeit ausstürbe. Danach sah es zwischen den 1990er Jahren und Mitte der 2000er Jahre tatsächlich aus. Seit 2005 geht die Entwicklung aber in die andere Richtung, seitdem gibt es keinerlei Zuwachs mehr bei befristeten Jobs, bei ausschließlich geringfügig Beschäftigten (Minijobber) oder bei den kleinen Selbstständigen ohne Angestellten (Solo-Selbstständige). Stattdessen nahm die Zahl der klassischen Normalarbeitsplätze wieder zu, um mehr als eine Million. Damit ist der frühere Rückgang noch nicht ausgeglichen, aber wir sind eben schon wieder auf einem anderen Kurs – und das seit einem Jahrzehnt.