Der 11. Mai 2015 wird die Musikwelt verändern, möglicherweise radikal. Am 11. Mai wählen die Berliner Philharmoniker einen neuen Chefdirigenten, und unabhängig von den heißen Tipps und Namen, die für die Nachfolge von Simon Rattle ab der Saison 2018/19 kursieren, haben sie bei dieser Wahl die rare Chance, alles anders zu machen. Ja zur Elite! Nein zu noch mehr Markt und Musikvermittlung! Werden sie das wagen?

Dies ist die Geschichte einer weiten Reise, und ginge es nach den Indizien, die sich während einer solchen Reise neben allem Großen, die Welt und die Musik Bewegenden ansammeln, dürfte Mariss Jansons neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker werden. Die tote Maus etwa im Treppenhaus der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München (die dort liegt, weil die Akademie gerade renoviert wird) wäre so ein Indiz. Ein Mäuschen, über das sich Ende März die Münchner Kulturschickeria auf dem Weg zu einer Podiumsdiskussion mit Jansons beugt und rätselt: Sind die Tage des Letten beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gezählt? Hat die Kulturpolitik ihn endgültig in Richtung Berlin vergrault? Mit dann 75 Jahren stünde Jansons, einer der Top-Favoriten für die Rattle-Nachfolge, im Zenit seiner künstlerischen Reife. Keine schlechte Wahl.

Indiz Nummer zwei ist die Anwesenheit des Intendanten der Berliner Philharmoniker, Martin Hoffmann, bei der besagten Diskussion. Es geht, zum x-ten Mal, um einen neuen Konzertsaal für München. Was macht Hoffmann hier, fragt man sich, während Jansons, der sich seit zehn Jahren für einen neuen Saal verkämpft (ohne rechten Erfolg), auf der Bühne den Buddha gibt, mit festgezurrten Mundwinkeln und verschränkten Armen. Möchte Hoffmann sich persönlich von Jansons Kämpferherz überzeugen? Oder ist der Intendant, der in Berlin nicht mitwählen darf, als Scout unterwegs, finden entgegen anderslautenden Beteuerungen doch heimlich Vorgespräche mit den Kandidaten statt, von wegen: Maestro Jansons, stünden Sie bereit, wenn unsere Wahl am 11. Mai auf Sie fiele?

München, Boston, Los Angeles und Dresden sind die Stationen dieser Reise. Fragen stellen, Atmosphären einatmen, Konzerte und Proben besuchen. Man muss einmal halb um den Globus jetten, um zwischen 30 Grad plus und 20 Gard minus herauszufinden, worüber die Berliner Philharmoniker am 11. Mai entscheiden. Über eine Personalie, gewiss. Aber mehr noch über die Frage, ob ein guter Dirigent sich heute mehr übers Ästhetische definiert oder über seine Sozialverträglichkeit.

Vorgespräche mit den einzelnen Kandidaten gebe es definitiv keine, sagt der Kontrabassist und langjährige Berliner Orchestervorstand Peter Riegelbauer. Man wolle niemanden enttäuschen oder verletzen und mit denjenigen, die es am Ende nicht werden, weiterhin gut zusammenarbeiten. "Der Kreis ist überschaubar, es sind die Besten. Aber wir haben keinen Wahlomat, den wir mit unseren Ansprüchen füttern, mit rationalen und emotionalen Argumenten – und dann spuckt er den richtigen Namen aus." Von Kompensationsmöglichkeiten spricht Riegelbauer, sollte der Auserwählte nicht alle gewünschten Qualitäten auf sich vereinen, von Verantwortung und dass der 11. Mai "ein Festtag der Orchesterdemokratie" sei. Denn das gibt es kein zweites Mal auf der Welt, dass ein Orchester seinen Chef in direkter Wahl bestimmt. Das gibt es nur in Berlin.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Bei wem auch immer also am 11. Mai das Telefon klingelt, ihm wird die Pistole auf die Brust gesetzt. Neinsagen oder eine Bedenkzeit verbieten sich, will man das Verhältnis zu den Philharmonikern nicht trüben, und da am Ende nur zwei Personen das exakte Wahlergebnis kennen werden (der Notar und einer der beiden Vorstände), weiß der Glückliche noch nicht einmal ganz genau, zu wem oder was er hier Ja sagt. Das Verfahren müsse eine qualifizierte Mehrheit erbringen, heißt es, wobei das Quorum streng geheim bleibt, wie so vieles: Liegt es bei 50 Prozent oder mehr, gar bei zwei Dritteln, was 83 Stimmen gleichkäme (von 124 "aktiven" Philharmonikern und Wahlberechtigten)? Entsprechend hoch ist das Risiko für den Neuen, mindestens ein Drittel des Orchesters gegen sich zu haben. Unter Simon Rattle war das kaum anders, und dass der Brite 2018 zum London Symphony Orchestra wechselt und damit von der ersten in die zweite Liga absteigt, spricht für sich. Die Berliner Philharmoniker gelten als extrem selbstbewusst, ja notorisch arrogant. Die Arbeit mit ihnen, soll Rattle einmal gesagt haben, sei, als habe man irren Sex mit jemandem, den man partout nicht leiden könne.