Im Berliner Tiergarten singen dieser Tage Gartenbaumläufer, Grünschnäpper und Zilpzalp. Keine 100 Kilometer entfernt schleichen wieder die Wolfsrudel durch die brandenburgischen Weiten. Der Luchs ist in den deutschen Forst zurückgekehrt, der Biber in die Gewässer. Die Natur erobert sich zurück, was der Mensch ihr einst genommen hat. Die Artenvielfalt scheint sich zu erholen.

Doch Vorsicht: Wie immer in der Wissenschaft können Anekdoten keine Statistik ersetzen. In Wirklichkeit sieht es in der Welt der Tiere und Pflanzen keineswegs nach Erholung aus, wie die amerikanische Journalistin Elizabeth Kolbert in ihrem Buch Das sechste Sterben schreibt, es ist ein gnadenlos genaues Buch, für das sie unlängst zu Recht den Pulitzerpreis erhielt. Elizabeth Kolbert zitiert darin den berühmten amerikanischen Evolutionsbiologen Edward O. Wilson, der den heutigen Verlust an Biodiversität einmal auf das Zehntausendfache des natürlichen Schwundes beziffert hat. Es geht bei dem sechsten Sterben um den aktuellen Niedergang der Biosphäre, der anders als die fünf vorherigen Katastrophen der Erdgeschichte keinen natürlichen Ursprung hat, sondern ausschließlich auf dem demografischen und wirtschaftlichen Expansionsdrang einer einzigen Spezies beruht – jener Primatenart, die sich selbst den Namen Homo sapiens gegeben hat.

Der galoppierende Artenschwund ist nicht gerade ein neues Thema. Die Fakten lassen sich heute in Tausenden von Fachartikeln und in jedem Biologiebuch nachlesen. Der Frühmenschenforscher Richard Leakey hat schon 1995 mit dem Wissenschaftsautor Richard Lewin ein praktisch gleichnamiges Buch geschrieben, Die sechste Auslöschung. Unser erdgeschichtliches Zeitalter wird nicht mehr als Holozän bezeichnet, als Periode seit der letzten Eiszeit, sondern als "Anthropozän", als "vom Menschen dominiertes Zeitalter", weil unser Einfluss jenen der geologischen Prozesse überlagert hat. Das Thema ist so präsent, dass wir es kaum noch wahr-, geschweige denn ernst nehmen.

Elizabeth Kolbert, 1961 in der New Yorker Bronx geboren, früher politische Redakteurin für die New York Times und seit 1999 Reporterin des New Yorker, holt für ihre Geschichte des Aussterbens weit aus – und das liest sich spannend wie ein Wissenschaftskrimi. Sie rekonstruiert die Erfahrungen der ersten Forscher, die im 18. Jahrhundert auf die Fossilien verschwundener Tier- und Pflanzenarten stießen, sich aber nicht erklären konnten, warum Arten aufhören zu existieren. Die allgemeine Lehrmeinung sah den Lauf der Welt noch als Ergebnis einer göttlichen Ordnung an. Kolbert beschreibt, wie sich die Wissenschaft lange gegen die ersten Theorien des Massenaussterbens gewehrt hat, schlicht und einfach weil sie unglaublich waren.

Wir lernen dabei, dass sowohl der schleichende Artentod wie auch der große Kahlschlag im Tier- und Pflanzenreich ganz natürliche Geschehnisse sein können. Schätzungsweise 99 Prozent aller Arten, die je das Licht der Sonne erblickt haben, sind längst wieder verschwunden. Wir erfahren, dass die Erde fünf große (die "Big Five") und zahlreiche kleine Aussterbewellen überstanden hat, allesamt verursacht durch äußere Veränderungen der Lebensumstände, die so brutal waren, dass sie jeweils einem großen Teil des damaligen Lebens den Garaus machten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Die bekannteste und spektakulärste war die letzte dieser Wellen, als vor rund 66 Millionen Jahren nach einem gewaltigen Asteroidentreffer die Saurier das Zeitliche segneten und mit ihnen zwei Drittel aller Tier- und Pflanzenarten. Doch der Schlag ins Kontor der Kreidezeit war ein Geschenk für die Evolution. Nach der Riesenkatastrophe war neuer Platz geschaffen für eine Explosion der Arten, vor allem für die Säugetiere, die sich unter der Übermacht der Saurier kaum hatten entwickeln können. Vom Koboldmaki bis zum Homo sapiens bekamen sie erst ihre Chance, nachdem die Saurier unfreiwillig das Feld geräumt hatten. Dieses Unglück hatte zur Folge, schreibt Kolbert, dass ihr Buch "von einem behaarten statt von einem schuppigen Zweibeiner" verfasst wurde.

Allerdings sind die haarigen Zweibeiner jetzt dabei, sich wie ein neuer Asteroid aufzuführen und ein Massensterben von erdgeschichtlichem Ausmaß zu inszenieren. Kolbert beschreibt dies zunächst an Beispielen, die lange zurückliegen: So haben Seeleute im 19. Jahrhundert den flugunfähigen Riesenalk auf den Inseln des Nordatlantiks ausgerottet. Das gleiche Schicksal erlitt der neuseeländische Moa, als er auf die ersten Siedler traf. Hier gingen Tiere drauf, die dem erfolgreichen Zweibeiner hoffnungslos unterlegen waren. Aber von einem dramatischen Verlust an Artenvielfalt konnte damals nicht die Rede sein.

Beängstigend wird es, wenn die Autorin schildert, wie die heutigen Kohlendioxid-Emissionen die Weltmeere langsam, aber sicher versauern. In gerade mal 100 Jahren haben wir mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen, als unter natürlichen Umständen in ein paar Hunderttausend Jahren entstehen würde. In 50 Jahren haben wir eine Ozeanversauerung herbeigeführt, wie es sie vermutlich seit 50 Millionen Jahren nicht gegeben hat. Wird dieser Trend nicht gestoppt, wofür derzeit wenig spricht, dürften kalkbildende und kohlendioxidschluckende Organismen wie Foraminiferen und Flügelschnecken unter der Säurelast irgendwann ihre Arbeit einstellen, und die natürliche Entsorgung des Kohlendioxids würde erlahmen. Dann könnten auch die Korallenriffe aufhören, Kalk zu bilden, die Gigabauwerke begännen zu zerbröseln und fielen als wichtigstes Ökosystem der Meere aus. Anderenorts würde sich das Klima in den Regenwäldern so schnell verändern, dass viele Arten kein neues Zuhause finden können, auch weil jeder denkbare Fluchtort schon vom Menschen und von seinen Soja- und Eukalyptusplantagen besetzt ist.

Sicher ist, dass es der Natur absolut gleichgültig ist, ob wir auf diesem Weg eine sechste Katastrophe entfachen. Wie das Beispiel der fünften Auslöschung zeigt, findet sie auch nach solchen Megaschocks neue Wege. Schon deshalb ist der Begriff des Naturschutzes eine anthropozentrische Anmaßung. Und so beendet die Autorin ihr Buch lakonisch mit zwei Extrem-Szenarien: Entweder lösen wir ein Massensterben aus, das wir selbst nicht überleben, oder wir entgehen mit dem uns eigenen Erfindergeist der Katastrophe.

Wir sollten das Thema, über das so viel geschrieben ist und das Elizabeth Kolbert fantastisch aufbereitet hat, ernst nehmen, weil mit dem Verschwinden der Tier- und Pflanzenarten eine fundamentale Veränderung der Lebensgrundlagen für uns Menschen einhergeht. Wir sollten den verträumten Begriff des Naturschutzes ablegen und uns dringend dem Menschenschutz widmen. Selbst wenn wir weitere Lücken in die Biodiversität reißen, mit dem Verschwinden der kompletten Homo-sapiens-Sippe ist vorerst nicht zu rechnen. Aber die Gefahr ist groß, dass wir uns an extreme, unangenehme Lebensbedingungen anpassen müssen. Es geht nicht darum, ob wir aussterben oder nicht, sondern was wir tun können, um den Schaden an unserer Umwelt im eigenen Interesse zu minimieren.

Reiner Klingholz ist Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung