Josh Tetrick hat das Huhn erlöst. Die Legehenne zumindest, die wie Tausende ihrer Artgenossinnen eingepfercht in einem winzigen Käfig hockt und sich so lange Eier aus dem Leib presst, bis sie auf ihrem Drahtgitter tot zusammenbricht. Tetrick hat die Legehenne von ihrem Leid befreit, indem er das hühnerlose Ei erfand.

Der 34-Jährige steht in der Eingangshalle eines alten Lagerhauses in der 10. Straße in San Francisco, Kaffeebecher in der Hand, Headset im Ohr. Der Raum wirkt wie eine Mischung aus Schullabor und Mensaküche, Backöfen und Macbooks stehen herum, an der Wand hängt ein Foto von Bill Gates, einem Freund des Hauses. Der Jungunternehmer mit den Oberarmen eines Footballspielers ist kein Legehennen-Messias. Er ist ein Businessman, der sich am Rand des Silicon Valley niedergelassen hat – wo sich schon viele clevere Ideen in große Geschäfte verwandelt haben.

Genau genommen hat Tetrick nicht das hühnerlose Ei erfunden, er hat das Huhn nur ersetzt – durch ein Protein aus der kanadischen gelben Erbse. Als Zutat lässt es sich überall dort verwenden, wo bislang Eier nötig waren. Bei Mayonnaise zum Beispiel. Dort bindet es Wasser und Öl gleich gut wie herkömmliches Ei, schmeckt mit Essig und Gewürzen wie der Originaldip und ist auch noch gesund. Das Zeug aus der Erbse kommt nämlich ganz ohne Cholesterin aus.

Weit wichtiger aber ist: Der Pflanzenersatz kostet nur halb so viel wie das Ei aus der Legebatterie. "Just Mayo" heißt die neuartige Mayonnaise, die Tetricks Firma Hampton Creek bereits in allen großen Supermarktketten der USA vertreibt. Mehr als zwei Millionen Gläser wurden im ersten Jahr gekauft.

Nicht menschliche Güte befreit die Legehennen aus ihrem Elend, sondern eine Erbse aus Kanada. Weil sie billiger ist.

"Den großen Lebensmittelherstellern geht doch keiner dabei ab, wenn sie Millionen von Eiern kaufen, die an widerwärtigen Orten gelegt worden sind. Denen geht einer ab, wenn sie ihre Firmen profitabler machen können", sagt Tetrick. Nach sieben Jahren, in denen er in Afrika gelebt und dort mit Kindern gearbeitet hat, glaubt er nicht mehr, dass allein moralische Appelle die Welt verbessern können. Das gelinge nur durch neue wirtschaftliche Anreize. Und er hat recht: Fast alle großen Nahrungsmittelkonzerne wollen mit ihm ins Geschäft kommen. In Südkorea ersetzt McDonald’s die Eier in seinen Frühstückssandwiches gerade durch das Kunst-Ei aus San Francisco. Das Ei in den Fleischbällchen bei Ikea: demnächst von Tetrick. Mit Burger King, Subway, Starbucks und Kraft verhandelt der junge Unternehmer derzeit.

Mit Nahrungsmitteln passiert gerade das Gleiche, was zuvor schon mit Fernsehern und Telefonen passiert ist und derzeit mit Autos und Wohnungen geschieht: Sie werden zu Hightech-Produkten. Labore ersetzen Legebatterien und Schlachthöfe, und auf den Äckern hält die Algokratie Einzug – die Herrschaft der Algorithmen. Computerprogramme untersuchen Hunderttausende von Pflanzenarten auf der Suche nach Proteinen und Enzymen, die herausgefiltert und so zusammengestellt werden, dass daraus ganz neue Lebensmittel entstehen. An die Stelle von Köchen, die neue Rezepturen entwickeln, indem sie ausprobieren, verwerfen und verfeinern, treten Maschinen. Die Weltausstellung Expo, die am 1. Mai in Mailand beginnt, hat die Ernährung des Planeten mithilfe von Technologie zu ihrem Motto erklärt.

Finanziert wird die Zukunft des Essens durch gewaltige Mengen Geld. Mehr als 30 Millionen Dollar haben Microsoft-Milliardär Bill Gates und Yahoo-Gründer Jerry Yang in den vergangenen zwei Jahren allein in Tetricks Firma Hampton Creek gesteckt. Und das war erst der Anfang.

Jeden Monat strömen neunstellige Dollar-Beträge in neue Ideen rund ums Essen, hat das New Yorker Fachblog Food + Tech Connect ausgerechnet. Allein im Jahr 2013 wurden mehr als zwei Dutzend neue Investmentfonds aufgelegt, die unter anderem alternative Formen der Herstellung und Verarbeitung von Lebensmitteln finanzieren. Im vergangenen Jahr hat sich ihre Zahl verdoppelt, und das geht so weiter. Ob Google-Gründer Sergey Brin, Twitter-Erfinder Biz Stone oder Facebook-Milliardär Peter Thiel – ihre Millionen sind die Zutaten für das Essen von morgen.

In urkapitalistischer Manier entsteht gerade eine ganz neue Industrie, die nicht nur gesündere, billigere und ethisch vertretbarere Lebensmittel verspricht. Die Firmen wollen eines der großen globalen Probleme lösen: die Ernährung von mehr als sieben Milliarden Menschen. Trotz aller Fortschritte werden auch heute noch mehr als 800 Millionen Erdbewohner nicht satt. Wie viele werden erst hungern, wenn bald neun oder zehn Milliarden Menschen den Planeten bewohnen?

Den westlichen Lebensstil zu exportieren ist jedenfalls keine Lösung. Der ruiniert den Planeten schon heute. Zwar ist die Landwirtschaft viel leistungsfähiger geworden – die für die Nahrungserzeugung genutzte Fläche ist in den vergangenen Jahren nur um zwölf Prozent gewachsen, während die weltweite Agrarproduktion um die Hälfte zugelegt hat. Doch Effizienz allein wird nicht ausreichen. Um den Lebensstil aller Bürger der Europäischen Union aufrechtzuerhalten, brauchten wir der Heinrich-Böll-Stiftung zufolge eine landwirtschaftliche Nutzfläche, die eineinhalbmal größer ist als die Fläche aller EU-Mitgliedsstaaten zusammen. Würden alle Menschen so leben wie die Europäer, kämen wir mit einer Erde nicht aus.

Für die Lösung dieses Problems fühlten sich lange Zeit ausschließlich zwei Gruppen verantwortlich: zum einen die Agrarkonzerne, die das Heil in hocheffizienten Monokulturen und in der Massentierhaltung sehen. Auf der anderen Seite stehen die sendungsbewussten Biolandwirte, die umweltschonende und kleinbäuerliche Strukturen propagieren.

Nun stößt eine dritte Gruppe dazu – Start-up-Unternehmen, die Lebensmittel im Labor studieren, ihre Ideen von Computern durchrechnen lassen und beim Anbau und bei der Herstellung von Nahrung neue Wege gehen. Überall auf der Welt wird plötzlich mit der Zukunft des Essens experimentiert.