Ijoma Mangold schildert die aufregenden Diskussionen, die er auf Facebook mit seinen Freunden zu führen pflegt. Ich will ihm seine Begeisterung nicht nehmen, doch frage ich mich, ob das Phänomen völlig neu ist. Es kommt mir so vor, als wäre über Facebook schon manches geschrieben worden. Vor allem frage ich mich, was die Erkenntnisse, die er dort gewonnen hat, mit dem Zeitungsjournalismus zu tun haben.

Was mich betrifft, so habe ich mich vor vielen Jahren bei Facebook angemeldet, weil ich neugierig war. Ich wurde rasch ernüchtert und fand die Wichtigtuerei, die sich dort Ausdruck verschafft, nicht sehr interessant. Interessant immerhin fand ich Mangolds Facebook-Glossen und die Fotos von seinem Lehraufenthalt an der Washington University in St. Louis. Ich bin auch mal dort gewesen, erkannte manches wieder und habe mich erinnerungsselig gefreut. Ich wäre jedoch nicht auf die Idee gekommen, in dieser elektronischen Form der Korrespondenz eine Neuerung zu sehen, die den klassischen Journalismus vom Kopf auf die Füße stellen müsste.

Gleich zu Beginn verwendet Mangold den Begriff der "Printzeitung". Wer von "Print" spricht, macht sich die Redeweise der Medienkonzerne zu eigen, die "Content" dort verkaufen, wo die größte Rendite winkt. Wer von "Print" spricht, hat die Sache der Zeitung schon aufgegeben. Es ist leider wahr, dass viele Zeitungen um ihr Leben kämpfen, aber noch sind ihre Onlinedienste defizitär. Noch ist es der gedruckte Journalismus, der den elektronischen finanziert. Mangold jedoch fühlt sich durch das Wort "Drucklegung" an "Grablegung" erinnert. Wenn er nicht recht bekommen will, sollte er in seiner Wortwahl etwas vorsichtiger sein.

Mangold ist beglückt, weil er sich auf Facebook mit Kollegen austauschen kann. Hier, so sagt er, herrsche "die Kunst, eine Sache von allen Seiten zu betrachten", während "die großen, altehrwürdigen Medien" dazu neigten, ihre Positionen "in Stein zu meißeln" und einen "Tonfall der Letztverbindlichkeit" zu pflegen. Im Netz hingegen lockere man den Schlips und lege die Manschetten ab, man lerne es, auf andere Meinungen zu hören und die eigene zu revidieren.

Da ich Mangolds Kritiken und Essays schätze, erstaunt mich die herablassende Beschreibung unserer Profession. Es geht doch nicht um Meinungen! Nichts ist billiger und leichter, als eine Meinung zu haben. Je dümmer ein Mensch ist, umso mehr Meinungen hat er. Und je gründlicher er eine Problemlage durchdacht hat, umso schwerer wird es ihm fallen, eine Meinung dazu zu haben. Der wahrhaft Weise, so glaube ich, wäre meinungslos.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Unsere Aufgabe besteht nicht darin, Meinungen zu verbreiten, sondern das Tohuwabohu des bloß Meinungshaften zu durchdringen, indem wir Fragestellungen klären, Argumente sichten und schließlich zu einem nachvollziehbaren Urteil gelangen. Ihm zu folgen, sieht sich der verständige Leser keineswegs gezwungen. Und der verständige Autor wird nicht versuchen, etwas "in Stein zu meißeln", zumal er weiß, dass morgen oder in der kommenden Woche die nächste Ausgabe erscheint. Nein, er wird versuchen, den Leser zu überzeugen.

Das kann nur gelingen, wenn der Autor seine Sache ernst nimmt. Eine "Letztverbindlichkeit" kann es nicht geben, eine Verbindlichkeit muss es geben. Wir schreiben ja nicht zu unserem Privatvergnügen, sondern weil es um etwas geht: um den Anspruch, die endlose Menge des Unverständlichen und Nichtverstandenen etwas zu verkleinern. Für mich jedenfalls besteht der Reiz meines Berufs eben darin: schreibend ein Problem zu durchdenken, es mir selbst so lange zu erklären, bis ich es verstanden habe, und dann zu hoffen, dass auch andere es verstehen. Um Mangolds Bild aufzugreifen: Im übertragenen Sinn trage ich (obwohl sonst ein Krawattenmuffel) Schlips und Manschetten, wenn ich mich an die Arbeit mache, und ich glaube, das gehört sich so. Dieser Denk- und Schreibprozess kann lange dauern, und nicht sehr oft bin ich mit dem Resultat restlos glücklich.

In schöner Offenheit sagt Mangold, die Facebook-Debatten seien der "Backstagebereich der gedruckten Zeitungswelt". Backstage! Ist das nicht der Ort, wo die Groupies und die Möchtegernkünstler hinstreben? Solange es die wunderbare Bühne der Zeitungen noch gibt, sollten wir dort – und nicht in der Garderobe – unser Können zeigen. Mangold mag diese Bühne spöttisch "altehrwürdig" nennen. Ich sehe in ihr ein Privileg, das zu achten und zu hüten wäre.

Was Mangold von den Plaudereien mit seinen Kollegen berichtet und etwas hochtrabend "Diskurs" nennt, erinnert mich an geglückte Geselligkeiten, wo man mit dem Weinglas in der Hand dem Dafürhalten seines Gegenübers das eigene Dafürhalten entgegensetzt. Dieses leicht febrile Pingpong kann Spaß machen, und wirklich kann es dazu kommen, dass ich am Ende das Gegenteil dessen vertrete, was ich anfangs sagte. Bei solchen Faseleien probiert man Sätze aus, zieht sich Meinungen an und guckt, wie man darin aussieht.

Lohnt es sich, derlei aufzuschreiben? Es ist ja nicht immer nur harm- und folgenlos. Dostojewski hat in seinen großen Romanen, vor allem in den Dämonen, vorgeführt, welch giftiges Potenzial sich im haltlosen Gerede zuweilen verbirgt. Es wäre schön, man könnte es vergessen. Leider jedoch verschwindet in der Netzwelt nichts. Das Meinungsgestöber wird immer dichter. Brechts Radiotheorie, dass ein glücklicher Zustand erst dann erreicht sei, wenn jeder Empfänger auch zum Sender werden könne, ist in furchterregender Weise Wirklichkeit geworden.

Ijoma Mangold spricht von dem "erhöhten Mitteilungsdrang", der allen Journalisten zu eigen sei. Lieber Ijoma: Speak for yourself! Mein Mitteilungsdrang jedenfalls bleibt hinter dem der Netzinsassen weit zurück.

Die Devise der "altehrwürdigen" FAZ, bei der ich meinen beruflichen Weg begann, lautete: "In der Zeitung nichts über die Zeitung!" Damit war gemeint, die Institution Presse dürfe sich nicht selbst zum Gegenstand machen. In dieser Tradition bin ich journalistisch aufgewachsen, und sie bedeutete, dass sich die Autorität des Textes aus dem Gewicht der Sache und der Argumente zu ergeben habe und nicht aus dem Selbstdarstellungsbedürfnis des Verfassers. "Ich" zu sagen war verpönt, und ganz undenkbar wäre es gewesen, den Artikel mit einem Bildnis des Autors zu schmücken.

Diese Haltung ist heute, da nicht wenige Journalisten es lieben, sich aufwendig in Szene zu setzen, unverständlich geworden. Die Medienwelt hat sich so radikal verändert, dass der zitierte Satz seine Gültigkeit möglicherweise verloren hat. Und doch glaube ich, wir sollten weniger über uns und unsere Arbeit reden, sondern unsere Arbeit machen.