Ein Millionär steht auf seinem Schiff. Der Millionär ist jung, erst Mitte 30, er liebt es, sein Schiff zu zeigen; das fällt allein daran auf, dass es das Erste ist, was er dem Besucher zeigen will. Er führt in den Maschinenraum und sagt: "Die Maschinen sind sehr wichtig. Wir lieben Maschinen." Er geht auf die Brücke und sagt: "Radar, Internet, Karten, Tracking, hier gibt es alles, was man sich nur vorstellen kann. It’s just a beast of a ship."

Ein Millionär hat ein Schiff, dieser Satz ist fast wie: Ein Bettler bettelt. Dieser Millionär aber hat mit seinem Schiff etliche Millionen Euro verloren, und gerade darauf ist er stolz. Der Millionär sagt: "Ich bin ein großartiger Businessman."

Es ist mitten in der Woche, kurz nach 14 Uhr, ein Hafen auf Malta. Der Millionär hat seine Frau mitgebracht, die aber nicht nur Frau des Millionärs ist, sondern seine Geschäftspartnerin, und führt in das Wohnzimmer des Schiffes. An den Wänden, zu einem Drittel holzvertäfelt, hängen zwei Landschaftsgemälde mit goldenen Rahmen, dazwischen ein goldenes Kruzifix. Cognacfarbene Ledercouch, polierter Tisch. An die eine Seite setzt sich das Ehepaar, Christopher und Regina Catrambone. Gegenüber von ihnen setzt sich Kapitän Marco, er nennt Christopher Catrambone nur "Boss".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Marco wird in den nächsten Stunden einen Gesprächsanteil von fünf Prozent haben. Regina kommt auf 15 Prozent oder eher 14,9, denn häufig wird sie unterbrochen, von ihrem Mann Christopher, der spricht am meisten, und wenn nicht, hört er nicht richtig zu, sondern beschäftigt sich mit seinem Mobiltelefon. Er könnte, vom Aussehen her, Juniorprofessor an einer amerikanischen Universität sein oder einer dieser Kreativen, die in Cafés in Berlin-Mitte Latte trinken. Er trägt grau melierte Hipsterstoffhose, unter dem grünen Pullover ein weißes Hemd, Hipstervollbart. Seine Frau trägt mittelhohe Absätze, einen pinkfarbenen Pulli und zieht ihre schwarze Daunenjacke während des Gesprächs nicht aus. Oft, wenn er spricht, guckt sie auf ihr Mobiltelefon.

Das Millionärspaar ist wegen einer guten Sache gekommen, wegen einer Sache, aufgrund derer man sich an sie erinnern werde, sagt Christopher Catrambone. Man werde sich vielleicht nicht an ihn als Geschäftsmann erinnern, selbst wenn er sein ganzes Leben gute Geschäfte macht, woran man sich aber erinnern wird: an den Mann und sein Schiff. An Catrambone und die Phoenix.

Die Phoenix, 1973 gebaut in Quebec, Kanada, 39,9 Meter lang, 9,4 Meter breit, war mal ein Fischtrawler, gedacht für kalte Winter und hohe Wellen.

Catrambone, 1981 geboren, in Louisiana, USA, 1,92 Meter groß, fährt mit der Phoenix über das Mittelmeer, weil er findet: Niemand verdient, dort zu sterben. Im Herbst waren er und seine Frau zwei Monate lang unterwegs, um Flüchtlinge zu retten, jetzt wollen sie wieder los, zur zweiten Mission.

Eigentlich muss man den Millionär nicht fragen, warum er tut, was er tut.

Seit 2000 sind mehr als 25.000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Allein im vergangenen Jahr waren es 3.500.

Anfang Februar starben vor der italienischen Küste 330 Flüchtlinge, weil sie mit ihren Schlauchbooten untergingen oder in der See erfroren. Anfang April kenterte ein Boot mit 400 Flüchtlingen, Mitte des Monats eines mit mehr als 700 Flüchtlingen.

Bevor man Christopher Catrambone fragt, warum er tut, was er tut, sagt er: "Wir wollen immer draußen sein, wenn ein Unglück passiert. Wenn Menschen ertrinken, geht es nicht um Politik."

Er sei selbst ein Flüchtling, sagt Catrambone, ein Flüchtling aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Er wohnte in der St. Charles Avenue, 70115 New Orleans, Louisiana. Zehn Jahre ist es her, der 30. August 2005, als Hurrikan Katrina, Windgeschwindigkeit 280 Kilometer pro Stunde, sein Zuhause zerstörte, er war gerade für einen Termin auf den Bahamas. Als er zurückkam, fand er Trümmer im Matsch, es stank. In einer Garage bewahrte er alles auf, was geblieben war: eine Gitarre, Stühle, die Reste eines anderen Lebens.

Im blauen Wasser schwamm ein Stück Stoff – die Jacke eines Ertrunkenen

Weil es sich anfühlte, als hätte er nichts zu verlieren, zog er an einen fremden Ort, um etwas zu riskieren: nach Italien, weil sein Name italienisch ist und sein Vater Italiener war. In Kalabrien am Strand traf er Regina, es regnete, sie rannten unter einen Fruchtstand. "Sie verliebte sich in mich", sagt Christopher Catrambone. "Ich konnte nicht glauben, dass sein Name Catrambone ist", sagt Regina Catrambone, "ich dachte eher an McDonald’s."