An dem Tag, an dem Hans-Olaf Henkel den Bundesvorstand der Alternative für Deutschland (AfD) wegen zu vieler "Rechtsideologen" verlässt, sitzt seine Kollegin Frauke Petry abends mit Thilo Sarrazin bei sächsischer Kartoffelsuppe und Zweierlei vom Schwein beisammen. Die AfD veranstaltet ein Mittelstands-Dinner, Sarrazin ist der Stargast. Er hält einen Vortrag über die Griechen, die noch in den sechziger Jahren hauptsächlich auf Eseln unterwegs gewesen und inzwischen zwar motorisiert, aber leider so korrupt wie eh und je seien. Was man ihnen aber nicht vorwerfen sollte.

Fühlt sich Petry gemeint, wenn Henkel schimpft, die Rechten wollten die Partei umbauen?

Nein, sagt sie energisch. Absolut nicht.

Sie ist aber gemeint.

Frauke Petry ist eine Frau, die es sich leisten kann, ungeschminkt aufzutreten. Petry ist im Osten geboren und hat im Westen Abitur gemacht. Sie war Unternehmerin, jetzt macht sie politisch Karriere. Sie ist mit einem Pfarrer verheiratet und hat mit ihm vier Kinder. Sie ist die perfekte moderne Frau. Henkel sagt, Frau Petry verstehe es zweifellos, gut rüberzukommen. Leider sei sie extrem intrigant.

Seit Wochen beharken sich in der AfD das sogenannte Lucke-Lager um den Vorsitzenden Bernd Lucke, zu dem auch Henkel gehört, und die sogenannten Konservativen um den Brandenburger Alexander Gauland und die beiden anderen Vorständler Konrad Adam und Frauke Petry. Petry ist dabei immer mehr in die Rolle von Luckes Gegenspielerin gekommen. Man könnte natürlich fragen: Warum sollte das außerhalb der Kleinpartei AfD jemanden interessieren?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Weil es im Fall Petry um mehr geht als bloß einen Machtkampf innerhalb einer 6-Prozent-Partei. Petry hat etwas, was Lucke nicht besitzt: Sie erreicht Menschen, nicht nur ihre Köpfe, sondern auch den Bauch. Petry hat den ersten großen Erfolg für die AfD erreicht: In Sachsen sitzt die Partei im Landtag, die NPD ist raus. Und es könnte durchaus sein, dass Petry auch als Erste schafft, woran bislang noch alle populistischen Politiker in Deutschland gescheitert sind: der grassierenden Staats- und Parteienskepsis ein Gesicht zu geben, den Protest gegen alles Etablierte zu einem politischen Faktor in Deutschland zu machen, der nicht nur Wählerstimmen gewinnt, sondern Wahlen womöglich entscheidet. Sie könnte eine Politikerin neuen Typs werden, eine Sammlungsfigur für ein rechtskonservatives Lager bis weit ins Bürgerliche hinein – wenn sich ihre Partei nicht vorher zerlegt. Deshalb ist nicht ganz unwichtig, wie Petry rüberkommt. Und wie sie wirklich ist.

Als stockkonservativ bis hart rechts bezeichnen sie ihre Gegner, als klug, offen, pragmatisch ihre Anhänger.

Sie sehe ihre Aufgabe darin, die Strömungen der Partei zusammenzuführen, sagt Petry. Und dass es die Spaltung zwischen rechts und liberal innerparteilich gar nicht gebe. Sie zum Beispiel sei ganz sicher konservativ, wenn es um das Thema Familie gehe. Der Staat solle das klassische Modell Vater-Mutter-Kinder fördern. Bei der Kinderbetreuung aber sei sie eher bei den Liberalen: "Kinderbetreuung halte ich für eine gute Sache."

Wie rechts ist Frauke Petry? Nie sagt sie etwas, das zu weit geht

Würde sie sich selbst als rechts bezeichnen? Frauke Petry verzieht das Gesicht. "Nein!", ruft sie. Sie sei der Meinung, dass man sehr wohl eine Grenze nach rechts ziehen müsse. Aber nicht förmlich, durch Links-rechts-Zuschreibungen, sondern inhaltlich.