Bernd Lucke hat gerade gefordert, die AfD solle in einer Mitgliederbefragung beschließen, dass sie sich von "Organisationen im Dunstkreis des Rechtsradikalismus" distanziere. Petry hat im Vorstand dagegen gestimmt, wie sie meistens gegen das stimmt, was Lucke und Henkel vorschlagen. Warum? Sie verstehe schon, was Lucke wolle, sagt Petry, es sei bloß die Frage, ob solche Abgrenzungsbeschlüsse wirklich hülfen. "Damit verärgert man viele, die es nicht verstehen, wenn abweichende Meinungen bestraft werden", sagt Petry. Und diejenigen, die gemeint seien, erwische man oft nicht, weil es an gerichtsfesten Beweisen fehle. Gegen ein Mitglied ihres Landesverbands, Sören Oltersdorf, läuft seit knapp einem Jahr ein Parteiausschlussverfahren, weil Oltersdorf an Neonazi-Veranstaltungen teilgenommen hatte. Dass er trotzdem noch in der AfD ist, führt Petry auf formale Gründe zurück.

Frauke Petry hat ihr Abitur mit einem Durchschnitt von 1,1 gemacht, sie war Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes. Mit knapp 32 gründete sie eine Firma, die einen neuartigen, von ihrer Mutter erfundenen Kunststoff herstellt. Vor zwei Jahren ist diese Firma pleitegegangen. Jetzt ist Petry ein beliebter Talkshow-Gast. Sie lächelt und wahrt die Contenance, wenn mal wieder alle anderen Talkshow-Teilnehmer gegen sie sind. Sie lernt extrem schnell. Schon nach wenigen Wochen kannte sie die Namen aller Mitglieder der Landespressekonferenz.

Ähnlich wie Thilo Sarrazin verfährt Petry nach dem Karl Valentinschen Motto: "Man sagt ja nix, man red ja bloß!" Die Griechen sind korrupt, die meisten Flüchtlinge sind zu Unrecht da. Man hat nichts gegen sie, sie gehören halt bloß nicht hierher. Sieben Tage nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo stellt Frauke Petry im Saal der Dresdner Landespressekonferenz Forderungen zur Asylpolitik vor. 70 Prozent der Menschen, die in Deutschland Asyl beantragten, seien dazu nicht berechtigt. Die Politik der Duldung und Leistungszahlung durch die Bundesregierung aber führe zu einer "Selbsteinbürgerung". Deutschland brauche ein Zuwanderungsgesetz, sagt Petry, das auch klarmache: "Integration ist eine Bringschuld."

Wegen Charlie Hebdo ist zur Vorstellung der Asyleckpunkte sogar ein französisches Kamerateam nach Dresden gekommen. Die Terroristen hätten perfekt Französisch gesprochen, seien also allem Anschein nach gut integriert gewesen, sagt die französische Journalistin und fragt Petry, ob sie nicht Ängste schüre. Mit dem Anschlag habe ihr Aufritt nichts zu tun, entgegnet Petry. Das stimmt insofern, als er bereits vorher geplant war. Aber sie hat ihn auch nicht verschoben. Auch die Bundesregierung schüre Ängste, sagt Petry, nämlich vor den Pegida-Demonstranten.

Wie rechts ist Frauke Petry? Die Frage begleitet sie, seit sie die politische Bühne betreten hat. Wer ihr eine Weile zuhört und sie beobachtet, kommt zu dem Schluss: Nicht zu rechts, jedenfalls nicht, wenn man rechts mit ausländerfeindlich übersetzt. Nie sagt Petry etwas, das zu weit geht. Anders als viele Protagonisten von Pegida wirkt sie auch nicht, als ob ihr das schwerfällt.

Ist Marine Le Pen ein Vorbild? Nein, auf keinen Fall, kommt es ohne Zögern. Die Antworten von Frauke Petry klingen meist sehr durchdacht. Sie ist gerne vorbereitet, möchte vorher wissen, was sie gefragt wird, und sagt, wozu sie nicht gerne gefragt wird: zu Privatem und zu ihrer Firmenpleite – ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Leipzig wegen Insolvenzverschleppung ist noch nicht abgeschlossen.

Ein Vorbild, sagt Petry, sei nicht die Chefin des französischen Front National, sondern eher die große alte Dame der FDP. Der Name fällt ihr allerdings nicht ein. Hamm-Brücher? Ja, genau die! Warum? Wegen ihrer Gradlinigkeit. Eine perfekte Antwort, wie so oft. Aber warum eigentlich, warum ist Marine Le Pen kein Vorbild? Petry zögert nun doch einen Moment. "Wegen der Hyperpolarisierung", sagt sie dann, "sie ist rechtsextrem, sie geht einfach zu weit."

Das Entscheidende steckt bei Petry häufig nicht in dem, was sie sagt, sondern darin, wie sie es begründet. Wenn Journalisten bei AfD-Veranstaltungen als "Lügenpresse" beschimpft werden, kann es sein, dass Frauke Petry sie spontan begnadigt: "Am Ende sind Journalisten auch Menschen, dafür plädiere ich immer." Das ist nett. Bloß ist das nicht der Grund, warum Journalisten ungehindert berichten können müssen. Eine freie Presse ist eine Funktion der Demokratie.

Ein Abend im Januar in Borna bei Leipzig. Unter der Überschrift "Kinder sind unser Kapital" hat die AfD zu einem Diskussionsabend zum "Genderwahn" eingeladen, wie es auf der Facebook-Seite heißt. Petry geißelt Gleichmacherei, sie sagt, dass einem bei manchem, was "sogenannte Soziologen" sagen, "einfach nur schlecht werden könnte". Sie tut, was die AfD oft tut: Sie greift Fälle auf, wie etwa eine grotesk bürokratisch-korrekte Verordnung aus dem Berliner Gleichstellungswesen, und tut so, als sei das nicht ein schräger Ausriss, sondern die Regel. Oft drehen sich die Einzelfälle um Minderheiten. Ihre Worte sind nicht rechts, aber ihre Methode ist es.

Man kann an diesem Abend auch beobachten, was Hans-Olaf Henkel das "Ossi-Problem" nennt. "Wir sollten vor Grummeln, egal, zu welchem Thema, keine Angst haben", sagt Petry unter starkem Beifall ihrer Zuhörer, schließlich habe der Osten schon einiges überstanden. "Vor allem haben wir den Glauben verloren, dass das System auf alle Zeit Bestand hat." Nur die Kritik am System habe schließlich zur friedlichen Revolution geführt, sagt Petry. Und dass Ossis deshalb unter Systemkritik etwas anderes verstünden als Wessis. Ein Unding sei das, Leute zu diffamieren, "die noch aufstehen".

Die Frauke? "Ein kluges Mädchen", sagt Heinrich Peuckmann. Peuckmann ist Schriftsteller und Lehrer. Er hat Petry am Städtischen Gymnasium unterrichtet, nachdem sie als Teenager aus der Niederlausitz nach Bergkamen ins Ruhrgebiet gezogen war. Gerne diskutiert habe Petry, immer geradeaus, immer fair. Peuckmann ließ die Schüler Texte schreiben, manchmal gab er Themen vor, manchmal durften sie wählen. Petry habe immer eher rationale Themen ausgesucht, sagt Peuckmann. Neulich war Petry in Bergkamen, beim Parteitag der AfD in der Stadthalle. Peuckmann ist nicht hingegangen. Das hätte er nicht übers Herz gebracht, als Sozi. Dabei würde er sie gerne etwas fragen: Wie passt das zusammen, die Frauke, die er kannte, mit der Petry, die sich mit Pegida trifft?

Bergkamen liegt in einer sogenannten strukturschwachen Gegend. Viele Fördertürme, viele Dönerbuden, viele Billigläden. Die Stadt, erzählt Heinrich Peuckmann, habe 17 Prozent türkischstämmige Einwohner. Es gebe auch eine starke vietnamesische Fraktion in Bergkamen, ebenfalls bestens integriert. Peuckmann ist stolz, dass die alte Bergarbeiterstadt und sein Gymnasium das so gut geschafft haben: ihren sozialdemokratischen Bildungsauftrag erfüllen, während sie selbst mit so vielen Herausforderungen zu kämpfen hatten. Er versteht nicht, wie es sein kann, dass dabei ausgerechnet Frauke Petry verloren gegangen ist: keine Fremde, keine Außenseiterin, sondern eine, die doch schon drin war.