Man könnte sie auch Verräter nennen. Da geht es denen, die sie über Jahrzehnte geliebt haben, denen sie die ewige Treue geschworen haben, so dreckig wie nie. Und ihnen ist es, verdammt noch mal, egal.

"Keine Ahnung, wo der HSV am Wochenende gespielt hat", sagt Tamara Dwenger, die Präsidentin des neuen Vereins, "interessiert mich nicht."

"Ich kann jeden hier verstehen, der sagt: Dieser HSV ist nicht mehr mein Verein", sagt Dirk Hellmann, der Trainer des neuen Vereins.

"Der HSV, ist was mit dem?", fragt Nils Kuntze-Braack, der Sportchef des neuen Vereins.

Bis zur letzten Saison standen viele von ihnen auf der Tribüne, bei jedem Spiel. Sie waren Ultra-Fans des HSV. Sie sangen, sie brüllten, egal, wie es auf dem Platz lief, schwenkten Fahnen, sangen, brüllten. Dann kam der 25. Mai. Die Mitglieder des HSV stimmten dafür, dass die Profifußballabteilung zu einer Aktiengesellschaft wird, die Fans hatten nur noch wenig Mitspracherecht, und die Ultra-Fans entschieden: Sie machen Schluss mit ihrer Liebe. Sie modellierten sich selbst eine neue, ganz nach ihren Vorstellungen. Sie gründeten einen eigenen Verein und meldeten ihn in der Kreisklasse an, der untersten Liga der Stadt.

Er heißt: Hamburger Fußball-Club Falke. Man könnte ihn auch anders nennen: den neuen HSV. Oder den Anti-HSV. Ganz, wie man will.

Und während der HSV sich in der Bundesliga zerlegt, setzt sich der HFC Falke zusammen. Auf einem rumpeligen Rasenplatz im Nordwesten der Stadt.

Die Spieler kommen durch ein verwittertes Gebäude auf das Gelände, SV West-Eimsbüttel, gegründet 1923. Laufen eine rostige Eisentreppe hoch in die Kabine. Holzbänke, hornhautfarbene Fliesen auf dem Boden. Es ist Samstagnachmittag, Sichtungstraining des HFC Falke. Den Verein gibt es seit dem 13. Juli 2014, der Verein ist bislang aber noch ein Verein ohne Mannschaft. Er wird vom Sommer an in der Kreisklasse antreten, Ende Juni beginnt die Vorbereitung. Dafür braucht er Spieler. Die meisten holt er sich nicht. Die Spieler kommen von selbst, sie haben sich angemeldet für das Probetraining, weil sie dabei sein wollen, in diesem Verein. Bei diesem in Deutschland einmaligen Projekt.

Der HFC Falke ist damit ungefähr das Gegenteil des HSV, bei dem die Spieler gerade nicht kommen, sondern am liebsten flüchten würden, wenn sie könnten. Schon in der letzten Saison entkamen sie dem Abstieg nur knapp. Es war Glück, kein Können. In dieser Saison sieht es noch schlechter aus: Wieder kämpft der Verein gegen den Abstieg, zwei Spieltage vor Schluss. Die 2. Liga droht, zum ersten Mal in der Geschichte. Ein Epochenwechsel. Das setzte Ängste frei und Frust. Aber auch Fragen: Wie konnte es so weit kommen? Wie konnte so viel Geld in eine so schlechte Mannschaft versenkt werden? Es geht bei diesem Spiel eigentlich doch um etwas ganz anderes.

Fünfzehn Männer tragen Trikots in Blau, der Farbe des HFC Falke, auf denen steht: "Gemeinsam gewinnen". Sie sitzen auf den Bänken in der Kabine, der Sportchef kommt rein und sagt: "Jungs, es ist schönes Wetter, da sind richtig viele Zuschauer, es sind Journalisten da mit Kameras. Ein bisschen wie bei den Profis." Die Spieler schauen ihn an, ungläubig, so was haben sie noch nie erlebt. Niemand von ihnen hat je bei einem Profiverein gespielt. Alle kommen aus den Ligen Hamburgs, wo am Rand die Kumpels und die Freundinnen stehen. Dazu ein paar ältere Herren mit einem Bier in der Hand. "Wollen wir starten, Kinders?", sagt der Sportchef. Dann laufen sie in Richtung Platz. Über die Aschenbahn, an den Fans vorbei, 110 sind zum Training gekommen – bei einem Meisterschaftsspiel zwei Ligen höher kommen 80. Sie klatschen den Trainer ab, sie klatschen die Spieler ab. Sie sind da, weil sie diese Spieler sehen wollen. Sie sind aber vor allem da, weil sie ihre Sehnsucht stillen wollen: nach ehrlichem Sport, nach einer romantischen Idee des Fußballs.