An einem warmen Morgen im Frühsommer erlebt Chalid H. die letzten unbeschwerten Stunden seines Lebens. In seinem schwarzen Golf fährt er an der französischen Mittelmeerküste entlang. Neben ihm sitzt ein Freund, die beiden reden, lachen, rollen durch Dörfer und Städte, ohne Ziel. Chalid H. hat lange auf diesen Wagen gespart, jedes Wochenende poliert er den Lack mit weichen Vliestüchern.

Sie sind schon auf dem Rückweg, fast wieder zu Hause in der Hafenstadt Toulon, da schwenkt plötzlich ein Polizist eine Stoppkelle.

Chalid H. ist nicht überrascht. Er hat die Rapmusik so laut aufgedreht, dass die Boxen dröhnen. Er stammt aus Nordafrika, man sieht es an seiner olivfarbenen Haut und den schwarzen Haaren. Männer wie er werden von der französischen Gendarmerie oft kontrolliert, er kennt das. Was soll ihm schon passieren? Chalid H. hat gegen kein Gesetz verstoßen.

Er fährt rechts ran, reicht seinen Führerschein aus dem Fenster, gleich wird es weitergehen. Der Polizist gibt die Ausweisnummer per Funk an die Zentrale durch. Kurz darauf öffnet er die Fahrertür. "Ihr Führerschein ist Ihnen entzogen worden, bitte steigen Sie aus."

"Das kann nicht sein", antwortet Chalid H.

Tausend Dinge gehen ihm durch den Kopf. Vor Kurzem wurde er geblitzt, aber er war nur ein klein wenig zu schnell, das kann es nicht gewesen sein. Er fragt den Polizisten: "Warum habe ich meinen Führerschein verloren?" Da müsse er die Präfektur anschreiben, lautet dessen Antwort.

Chalid H. steigt auf den Beifahrersitz, sein Freund setzt sich ans Steuer, schweigend fahren sie nach Hause. Chalid H. wird seinen Eltern etwas beichten müssen, von dem er nicht weiß, was es ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Die Geschichte eines Arbeitskollegen fällt ihm ein. Der fand eine Rechnung nach der anderen in seinem Briefkasten. Flachbildschirme, Bohrmaschinen. Dabei hatte er die gar nicht bestellt. Ein anderer hatte unter seinem Namen im Internet eingekauft. Millionen Menschen werden jedes Jahr Opfer eines Identitätsdiebstahls im Netz. Sie haben dort biografische Spuren hinterlassen. Geburtsdaten, Ausweisnummern, Adressen.

Aber eine Offline-Verschwörung? In der realen Welt, in einem beschaulichen Leben, wie es Chalid H. führt? Vielleicht hat ein Krimineller oder Betrunkener bei einer Polizeikontrolle seinen, H.s, Führerschein vorgezeigt? Aber H. hat seinen Führerschein ja noch, er ist ihm nicht gestohlen worden. Irgendwer, irgendwas muss sich gegen ihn verschworen haben.

Nur: Was könnte das sein? Und könnte es noch schlimmer kommen? Es ist Mitte Mai 2013. Chalid H. ist zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt. Noch ahnt er nicht, was über ihn hereinbrechen wird.

Als Chalid H. an jenem Tag zu Hause in Toulon in den dritten Stock hochsteigt, wo er mit seinen Eltern in einer Wohnung voller goldgerahmter Familienfotos lebt, verkrampft sich sein Magen. Noch heute presst Chalid H. seine Hände an seinen Bauch, wenn er davon erzählt. "Ich wollte meine Eltern nicht enttäuschen. Sie hatten mir den Führerschein bezahlt", sagt er. Chalid H. sitzt gebeugt über einem Bistrotisch, ein groß gewachsener Mann mit Dreitagebart und einem im Fitnessstudio geformten Oberkörper. Die Scham wirkt wie eine Last, die ihn klein und krumm macht.

Als Chalid H. den Eltern berichtet, ein Polizist habe ihm den Führerschein abgenommen, einfach so, glauben sie ihm nicht. Die Mutter schüttelt den Kopf. Der Vater sagt: "Wie kannst du nur alles aufs Spiel setzen für ein paar Getränke?" Chalid H. beteuert seine Unschuld, aber der Vater steht auf und lässt den ratlosen Sohn auf dem Sofa sitzen.

In diesem Moment weiß Chalid H. nicht, dass sich sein Leben auf verhängnisvolle Weise mit dem Leben eines anderen jungen Mannes verwoben hat – dem seines alten Kumpels Adrién Bourgiba*.

Während Chalid H. von der Polizei gestoppt wird, sitzt Bourgiba vielleicht gerade zu Hause, versunken in ein Motorradrennen am Computer. Adrién Bourgiba ist süchtig nach Bildschirmspielen. Erst seit er mal wieder eine Frau kennengelernt hat, eine Abiturientin mit blonder Mähne und "etwas arrogantem Blick", verbringt er weniger Zeit vor dem Monitor, so werden es Bekannte später erzählen. Der 27-Jährige führt seine neue Freundin in Restaurants mit Meerblick aus und fährt sie stundenlang in seinem Wagen spazieren.

Adrién Bourgiba und Chalid H. sind im selben Viertel aufgewachsen, im Norden von Toulon. Hier stehen viele Betonblocks, zwar sozialer Wohnungsbau, aber mit makellos getünchten Fluren und gepflegten Palmenanlagen. Die Jugend hier ist nicht verloren, vielen gelingt der Aufstieg.

Chalid H. bestand das Abitur mit guten Noten und fing direkt danach im Hafen eine Ausbildung zum Elektriker an. Bourgiba dagegen wollte lieber schnelles Geld verdienen. "Irgendwie ist er abgerutscht, er brauchte Bares, um seine Freundinnen zu beeindrucken." So sprechen seine Bekannten heute über Adrién Bourgiba, als hätten sie geahnt, dass er es nicht schaffen würde. Er habe Drogen genommen, heißt es, Haschisch und Ecstasy. Er soll gedealt, Autos und Handys geklaut haben.

Nach dem Führerscheinentzug gehört auf einmal auch Chalid H. zu den Gescheiterten seines Viertels. Morgens um acht steigen die anderen in ihre Mittelklassewagen und fahren zur Arbeit. Das Auto ist hier das Symbol des Erfolgs. Der schwarze Golf aber muss jetzt stehen bleiben. Chalid H. stellt sich an der Bushaltestelle neben die Schulkinder und wartet.