Shinzo Abe hat ein großes Versprechen einzulösen. "Japan, wir holen es uns zurück", hatte er im Wahlkampf getönt. Als der Rechtskonservative Ende 2012 das Amt des Premierministers antrat, kündigte er auch eine "neue Ära des Wachstums" an. So wie vor den 1990er Jahren, als sich das Land noch in einem seit dem Zweiten Weltkrieg fast ununterbrochenen Boom befunden hatte. Diese glorreichen Zeiten sollten zurückkommen. Das war jedenfalls die Idee.

Was die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nun erreicht hat, sieht anders aus. Ende letzten Jahres rutschte Japan wieder einmal in eine Rezession, die Realeinkommen sinken seit Längerem. Mitte April veröffentlichte die OECD nun ihre Analyse der japanischen Wirtschaft im Vergleich zu den anderen reichen Ländern und befand: Der Lebensstandard – eine Kombination aus Größen wie Einkommen, Zufriedenheit, Work-Life-Balance, Sicherheit, Umwelt und Gesundheit – ist in Japan jetzt nur noch unterdurchschnittlich.

Das Land also, das nach dem Zweiten Weltkrieg für furchterregend konkurrenzfähige Unternehmen stand, für ein hohes und relativ gerecht verteiltes Nationaleinkommen – dieses Land schneidet nun schlechter ab als die Hälfte aller Industrienationen, zu denen auch Schwellenländer wie Mexiko, Chile oder die Türkei gehören. Wie konnte das passieren?

Das OECD-Papier führt dafür eine ganze Handvoll Gründe an: Japan sei zu verschlossen gegenüber Investoren und Handelspartnern aus dem Ausland. Die Staatsausgaben für Forschung und Bildung seien zwar hoch, blieben aber ohne große Wirkung. Zudem leide das Land unter den wirtschaftlichen Auswirkungen einer alternden Gesellschaft; die Arbeitsbevölkerung schrumpfe, und bislang seien kaum Reformen geplant.

Laut dem Papier der OECD sind zwei Gruppen in Japan besonders anfällig für ein Leben in Armut: Menschen ohne Festanstellung. Und Frauen. In kaum einem anderen Land werden Frauen im Job ähnlich deutlich diskriminiert: Für gleiche Arbeit werden sie in Japan im Schnitt 27 Prozent schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen.

Was die OECD vernachlässigt: Auch junge Menschen spüren das Sinken des Lebensstandards besonders deutlich. Auch sie sind häufig in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt.

1990 platzte in Japan eine riesige Spekulationsblase und setzte dem jahrelangen Boom ein Ende. Wer nach dieser Zeit auf den Arbeitsmarkt drängte, arbeitete deutlich öfter in Aushilfsjobs, Zeitarbeit, Teilzeit oder als Freelancer. Jeder zweite Japaner unter 25 Jahren ist betroffen. Diese Menschen können praktisch kein Vermögen anhäufen, weil am Monatsende nichts übrig bleibt. Sie konsumieren nicht viel und haben wenig Zuversicht, das zeigt eine Studie des Kabinettsbüros von Shinzo Abe.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Premierminister Abe wollte all diese Probleme anpacken, mit seinem Reformprogramm "Abenomics", bestehend aus den "drei Pfeilen": hohen Staatsausgaben, einer lockeren Geldpolitik und dem Versprechen wachstumsorientierter Strukturreformen. Anfangs schien das auch zu gelingen. Zunächst erreichte Japan wieder Wachstumsraten von immerhin 1,6 Prozent. Allerdings blieb die Regierung den schwierigsten Part bisher schuldig: die Strukturreformen. Die OECD ermutigt Abe nun dazu, sein Versprechen einzuhalten: mehr Frauen müssten besser in den Arbeitsmarkt integriert, Investitionen aus dem In- und Ausland erleichtert werden. Zudem empfiehlt die OECD Schritte, die Shinzo Abe bisher kaum erwähnt: die Einwanderung von Fachkräften, an denen es gerade in Pflege, Landwirtschaft und technischen Berufen mangelt, sowie steuerliche Erleichterungen für prekär Beschäftigte.

Doch sosehr die Geringverdiener Unterstützung brauchen, so klamm ist Japans Staatshaushalt. Die Staatsschulden liegen bei 226 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung und steigen weiter, seit gut zwei Jahrzehnten operiert der Staat mit einem Haushaltsdefizit. Irgendwann aber muss der Schuldenberg abgetragen werden, und einen Großteil der Lasten werden diejenigen tragen, die längst benachteiligt sind – die jungen Japaner von heute.