Seit einer Ewigkeit brummselt die Hummel schon am Oberlicht der Werkstatt. Brummsummsummsummbrumm. Pause. Brummsummsummsummbrumm. Brummsummsummsummbrummsumm, immer weiter, immer wieder gegen die Scheibe. Auf Anhieb wirkt die Sache sinnlos. Aber was, wenn jemand jetzt das Fenster kippt? Hatte die Hummel dann nicht recht?

In seiner Werkstatt sitzt der Künstler Sergio Rivera Zuleta, 52, auf einem Teppich aus Glasfaserfusseln und Juteschnipseln. Die schmucklose Halle befindet sich inmitten einer Schrebergartenkolonie im hessischen Mainz-Kastel, wo Hobbygärtner die ihnen vertraute heimische Umgebung verkleinert im Grünen nachbauen: Häuschen, Stühlchen, Plumpsklos. Ihr Nachbar Rivera dagegen hat Großes vor, etwas Kolossales.

Es ist nicht einfach, seine Werkstatt zu finden. Vom Bahnhof kommend, geht es eine Weile die Gleise entlang, zwei Verkehrskreisel weiter links, vorbei am Friedhof, quer durch die Gärten. Nach einer Weile stößt man dann auf eine Lagerhallengruppe. Das Tor zu Riveras Werkstatt steht offen. Und dahinter: ein riesenhafter Fuß. Acht Meter lang, 2,80 Meter breit, drei Meter hoch. Erbaut aus 80 Kanthölzern, 140 Brettern und 120 Latten, zum Gerüst genagelt, ummantelt von Jute, Glasfaserwolle und jeder Menge Spachtelmasse, 30 Säcke à 30 Kilogramm. Der Fuß ist ein Anfang, "ein erster Schritt", sagt der Künstler und grinst. Sergio Rivera Zuleta will den Koloss von Rhodos wiederauferstehen lassen.

Die Idee kam ihm vor drei Jahren. Damals verbrachte er den Sommerurlaub zum ersten Mal in Griechenland, genauer gesagt auf der Insel Rhodos. Er sei kein guter Urlauber, sagt Rivera. "Ich kann nicht aufhören zu denken." Dunkle schulterlange Locken umrahmen sein Gesicht, ein struppiges Passepartout umgibt sein Lächeln. "Egal, wo ich bin, ich frage mich: Was kann man hier anstellen? Was kann ich bauen, anders machen, umgestalten?" Sein Vater, sagt Rivera, sei Bauunternehmer gewesen. Er musste schon als Jugendlicher oft helfen, vielleicht kommt es daher.

Sein Geld verdient der Künstler mit Illusionsmalereien an Gebäudefassaden, vor allem im Rhein-Main-Gebiet, wo er vor 20 Jahren eher zufällig gelandet ist. Rivera hat eine deutsch-spanische Zeitschrift herausgegeben, zwei Bücher geschrieben, er hat, wenn es eng wurde, auch schon Graffiti auf Leinwand in der Fußgängerzone verkauft. Rivera hat Erfahrung damit, sich durchzuschlagen. Und er kann groß. Eines seiner Trompe-l’Œils in der Wiesbadener Innenstadt erstreckt sich über eine Fläche von vier Stockwerken. Diese Talente wird er jetzt brauchen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Die Insel Rhodos ist weltberühmt für etwas, was dort seit fast 2.500 Jahren nicht mehr steht. Der Koloss von Rhodos, das mächtigste der sieben Weltwunder der Antike, wurde 292 vor Christus errichtet. Niemand kann sagen, wie die Bronzefigur aussah. Bekannt ist nur, dass sie dem Sonnengott Helios gewidmet war, zum Dank für das Ende einer langen Belagerung. Ebenso wenig weiß man, wo die mehr als 30 Meter hohe Statue stand, ehe sie nach 60 Jahren bei einem Erdbeben zerbrach. Angeblich lagen die Trümmer noch ein knappes Jahrtausend lang herum, beschrieben von römischen und griechischen Proto-Touristen. Als im Jahr 654 die Araber die Insel eroberten, verschifften sie die Reste nach Syrien, vermutlich.