Zwei Veteranen berühren in einem Kriegsmuseum in Moskau eine Statue von Stalin © REUTERS/Sergei Karpukhin

Geschichte ist in Russland vor allem ein Gefühl. Dieser Tage macht in Moskau eine Ausstellung Geschichte, sie heißt 365 Tage antiterroristische Operation und zeigt auf Überbleibsel aus dem Krieg in der Ukraine. Granathülsen, zerschossene Ortsschilder, zersiebte Häuser, ausgebrannte Panzer, zerstörte Schulen sollen belegen, welche Folgen der "Krieg der ukrainischen Armee gegen die Zivilbevölkerung" hat. Ein Raum ist erst ab 18 Jahren zugänglich. Darin liegen auf das Schlimmste zugerichtete Wachsfiguren. Kinder mit amputierten Armen. Ein Verwundeter auf dem OP-Tisch, dessen Innereien dem Wachsfigurenarzt entgegenquellen. Wo dieser OP-Saal im Donbass war, wer dort lag, wird nicht erklärt. Die Szene ist fiktiv, aber entlässt den Besucher voll Entsetzen und Wut über die Untaten der ukrainischen Armee.

Der Krieg in der Ukraine ist noch im Gange, doch wird sein Bild fürs Geschichtsbuch hier schon geprägt. Die Erinnerung wird in Russland nicht mehr der offenen Diskussion überlassen, Geschichte ist eine Staatsangelegenheit. Heutzutage, verriet Kulturminister Wladimir Medinskij der staatsnahen Rossijskaja Gaseta, mache jede souveräne Macht der Welt "Geschichtspolitik", sie "nutze die Geschichte für ihre Interessen". Das gilt umso mehr für den Zweiten Weltkrieg, der schon in der Sowjetzeit der bedeutsamste Mythos des Landes war.

Am 9. Mai wird des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland mit einer großen Militärparade auf dem Roten Platz gedacht. Auch in 69 anderen Städten soll es Aufmärsche mit insgesamt 78.000 Menschen geben, darunter im vor einem Jahr annektierten Sewastopol auf der Krim. Bei der Feier zum 60. Jahrestag des Kriegsendes vor zehn Jahren waren die Regierungschefs aller großen Länder der Welt in Moskau dabei. Diesmal werden es deutlich weniger sein. Die Abwesenheiten haben viel mit der Befürchtung ausländischer Politiker zu tun, Geschichte könnte an diesem 9. Mai auch zu einer politischen Waffe werden – gegen die Ukraine und gegen den Westen. Ist die Angst berechtigt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Es war Wladimir Putins Vorgänger Boris Jelzin, der in Moskau ein monumentales Schlachtengelände für den "Großen Vaterländischen Krieg", wie der Zweite Weltkrieg seit 1941 in Russland genannt wird, auf dem Verneigungshügel in Moskau bauen ließ. Jelzin knüpfte damals an die sowjetische Tradition des Gedenkens an den 9. Mai an. Doch unter Putin haben sich die Akzente noch einmal verschoben. In einem Gespräch mit jungen Historikern Ende 2014 warnte der Präsident davor, die Geschichte umzuschreiben – um sie selbst auf seine Weise auszulegen. Putin verteidigte zum Erstaunen vieler den Molotow-Ribbentrop-Pakt vom August 1939, mit dem Hitler und Stalin Osteuropa unter sich aufteilten. Polen habe sich zuvor ein Stück der Tschechoslowakei geholt, als Hitler das Land besetzte, sagte Putin, um dann wie im Eishockeyspiel zu kommentieren: "Dann bekam Polen den Puck zurück ins eigene Tor." Durch den Pakt hätte Moskau wichtige Zeit gewonnen, um aufzurüsten. Putin sagte, dass die Sowjetunion den anschließenden Krieg gegen Deutschland gewonnen habe, weil die sowjetische Macht "hart, ja sogar grausam" gewesen sei. Dagegen sei der letzte russische Zar Nikolaus II. im Ersten Weltkrieg eben nicht hart genug gewesen, meinte er. Die Folgen seien "katastrophal" gewesen.

"Das Ziel des Geschichtsunterrichts besteht im Vergessen", sagt ein Politologe

Das ist die neue, alte Lesart des Krieges, den Deutschland 1941 der Sowjetunion aufzwang: Für den Sieg von 1945 bedurfte es demnach Kriegslisten auf Kosten benachbarter Völker und unerbittliche Härte sowohl gegen die Nachbarn wie das eigene Volk. Darin liegen zwei Botschaften verborgen. Die erste stützt Putin, der von seinen Spindoktoren gern als "harter", aber gerechter Herrscher inszeniert wird. Deshalb halte er das Riesenland zusammen und erweitere es sogar zum ersten Mal seit 1945 – um die Krim. Die zweite Lehre: Auf den Sieg kommt es an. Weniger den rund 27 Millionen Toten als Folge des deutschen Angriffskrieges gilt das Gedenken, sondern vor allem dem Ergebnis des Krieges. "Das wahre furchtbare Erlebnis des Volkskrieges wird aus der Erinnerung verdrängt", sagt der unabhängige Moskauer Historiker Nikita Sokolow. Das war schon in der Sowjetunion der Fall. Nach 1945 wurden die wirklichen Opferzahlen verschwiegen, erst mit der Entstalinisierung ab Mitte der fünfziger Jahre kam die Wahrheit ans Licht. Die lässt sich heute nicht mehr verschweigen. Aber die stille Trauer geht unter in der Siegesfeier.