Geschichte ist in Russland vor allem ein Gefühl. Dieser Tage macht in Moskau eine Ausstellung Geschichte, sie heißt 365 Tage antiterroristische Operation und zeigt auf Überbleibsel aus dem Krieg in der Ukraine. Granathülsen, zerschossene Ortsschilder, zersiebte Häuser, ausgebrannte Panzer, zerstörte Schulen sollen belegen, welche Folgen der "Krieg der ukrainischen Armee gegen die Zivilbevölkerung" hat. Ein Raum ist erst ab 18 Jahren zugänglich. Darin liegen auf das Schlimmste zugerichtete Wachsfiguren. Kinder mit amputierten Armen. Ein Verwundeter auf dem OP-Tisch, dessen Innereien dem Wachsfigurenarzt entgegenquellen. Wo dieser OP-Saal im Donbass war, wer dort lag, wird nicht erklärt. Die Szene ist fiktiv, aber entlässt den Besucher voll Entsetzen und Wut über die Untaten der ukrainischen Armee.

Der Krieg in der Ukraine ist noch im Gange, doch wird sein Bild fürs Geschichtsbuch hier schon geprägt. Die Erinnerung wird in Russland nicht mehr der offenen Diskussion überlassen, Geschichte ist eine Staatsangelegenheit. Heutzutage, verriet Kulturminister Wladimir Medinskij der staatsnahen Rossijskaja Gaseta, mache jede souveräne Macht der Welt "Geschichtspolitik", sie "nutze die Geschichte für ihre Interessen". Das gilt umso mehr für den Zweiten Weltkrieg, der schon in der Sowjetzeit der bedeutsamste Mythos des Landes war.

Am 9. Mai wird des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland mit einer großen Militärparade auf dem Roten Platz gedacht. Auch in 69 anderen Städten soll es Aufmärsche mit insgesamt 78.000 Menschen geben, darunter im vor einem Jahr annektierten Sewastopol auf der Krim. Bei der Feier zum 60. Jahrestag des Kriegsendes vor zehn Jahren waren die Regierungschefs aller großen Länder der Welt in Moskau dabei. Diesmal werden es deutlich weniger sein. Die Abwesenheiten haben viel mit der Befürchtung ausländischer Politiker zu tun, Geschichte könnte an diesem 9. Mai auch zu einer politischen Waffe werden – gegen die Ukraine und gegen den Westen. Ist die Angst berechtigt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Es war Wladimir Putins Vorgänger Boris Jelzin, der in Moskau ein monumentales Schlachtengelände für den "Großen Vaterländischen Krieg", wie der Zweite Weltkrieg seit 1941 in Russland genannt wird, auf dem Verneigungshügel in Moskau bauen ließ. Jelzin knüpfte damals an die sowjetische Tradition des Gedenkens an den 9. Mai an. Doch unter Putin haben sich die Akzente noch einmal verschoben. In einem Gespräch mit jungen Historikern Ende 2014 warnte der Präsident davor, die Geschichte umzuschreiben – um sie selbst auf seine Weise auszulegen. Putin verteidigte zum Erstaunen vieler den Molotow-Ribbentrop-Pakt vom August 1939, mit dem Hitler und Stalin Osteuropa unter sich aufteilten. Polen habe sich zuvor ein Stück der Tschechoslowakei geholt, als Hitler das Land besetzte, sagte Putin, um dann wie im Eishockeyspiel zu kommentieren: "Dann bekam Polen den Puck zurück ins eigene Tor." Durch den Pakt hätte Moskau wichtige Zeit gewonnen, um aufzurüsten. Putin sagte, dass die Sowjetunion den anschließenden Krieg gegen Deutschland gewonnen habe, weil die sowjetische Macht "hart, ja sogar grausam" gewesen sei. Dagegen sei der letzte russische Zar Nikolaus II. im Ersten Weltkrieg eben nicht hart genug gewesen, meinte er. Die Folgen seien "katastrophal" gewesen.

"Das Ziel des Geschichtsunterrichts besteht im Vergessen", sagt ein Politologe

Das ist die neue, alte Lesart des Krieges, den Deutschland 1941 der Sowjetunion aufzwang: Für den Sieg von 1945 bedurfte es demnach Kriegslisten auf Kosten benachbarter Völker und unerbittliche Härte sowohl gegen die Nachbarn wie das eigene Volk. Darin liegen zwei Botschaften verborgen. Die erste stützt Putin, der von seinen Spindoktoren gern als "harter", aber gerechter Herrscher inszeniert wird. Deshalb halte er das Riesenland zusammen und erweitere es sogar zum ersten Mal seit 1945 – um die Krim. Die zweite Lehre: Auf den Sieg kommt es an. Weniger den rund 27 Millionen Toten als Folge des deutschen Angriffskrieges gilt das Gedenken, sondern vor allem dem Ergebnis des Krieges. "Das wahre furchtbare Erlebnis des Volkskrieges wird aus der Erinnerung verdrängt", sagt der unabhängige Moskauer Historiker Nikita Sokolow. Das war schon in der Sowjetunion der Fall. Nach 1945 wurden die wirklichen Opferzahlen verschwiegen, erst mit der Entstalinisierung ab Mitte der fünfziger Jahre kam die Wahrheit ans Licht. Die lässt sich heute nicht mehr verschweigen. Aber die stille Trauer geht unter in der Siegesfeier.

"Der Sieg von 1945 ist Russlands Daseinsberechtigung"

Das kann dann klingen wie bei Kulturminister Medinskij, der im russischen Fernsehen schon einmal vorgefeiert hat. Er hielt die Verluste der Deutschen und der Sowjets in verschiedenen Schlachten gegeneinander. Die Deutschen hätten oft mehr Soldaten verloren, meinte er, "weil die unsrigen Übermenschen waren, einfach die besten Soldaten der Welt". Der von Gefühlen überwältigte Medinskij führte vor, wie man sich zu erinnern hat. Regierung, loyale Historiker und Lehrer zeichnen emotionale Heldengeschichten, an denen sich junge Russen orientieren sollen. Da passen keine differenzierenden Befunde mehr hinein.

Sebastian Stopper, ein junger Historiker an der Berliner Humboldt-Universität, konnte das persönlich erfahren. Er beschrieb in seiner Dissertation, wie die Partisanen im Krieg aus der Not heraus zu Räubern und Plünderern geworden seien. Doch seine Arbeit kratzte an einem Mythos – und wurde in Moskau als "extremistisches Material" in den Giftschrank verbannt. Für Moskauer Politiker sind solche Werke nur ein weiterer Beleg für die Behauptung, der Westen "wolle die vaterländische Geschichte umschreiben". Dabei geht es nicht um die Fakten des deutschen Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion. Sondern um ein Geschichtsbild, das der staatsnahe Politologe Leonid Poljakow einmal so umriss: "Das Ziel des Geschichtsunterrichts besteht nicht in der Erinnerung, sondern im Vergessen." Der Sinn des "bewussten Vergessens" bestehe darin, junge Menschen "von der Notwendigkeit des Rückblicks und der Frage nach der Schuld der Eltern, der Vorfahren, der Nation zu befreien". Sonst "provozierten wir unweigerlich eine zugespitzte und besonders schmerzhafte Hinwendung der Jugendlichen zu unserer Geschichte".

Diese Hinwendung hatte es in der Sowjetunion und Russland bereits gegeben. Nämlich in der Zeit unter den Präsidenten Michail Gorbatschow und Boris Jelzin, als russische Historiker sich der Tabus und "weißen Flecken" der russischen Geschichte widmeten – und schonungslos mit der sowjetischen Vergangenheit und vor allem der Stalinzeit ins Gericht gingen. Ebendieses genaue Hinsehen ist heute nicht mehr erwünscht.

52 Prozent der Russen sehen Stalin heute als "positiven Helden"

Immer wieder geht es um Stalin. Schon seit einigen Jahren wird der sowjetische Führer und Sieger von 1945 in den russischen Medien rehabilitiert. Putin selbst hatte Stalin früher kritisiert, doch in jüngster Zeit verteidigt er ihn gegen seiner Meinung nach überzogene Kritik und betont, dass er 1945 nicht von ungefähr "gesiegt" habe. Die Moskauer Motorradrocker namens Nachtwölfe, die zum 9. Mai gern Berlin aufmischen würden, schmücken sich auch mit Bildern des Sowjetführers. Nach einer Umfrage des Lewada-Instituts sehen 52 Prozent der Russen Stalin heute als "positiven Helden". In einer Ausstellung im Staatlichen Historischen Museum wurde Stalin unlängst aufs Neue glorifiziert. Bilder aus dem Sozrealismus und der sowjetischen Propaganda malten den Diktator in Bonbonfarben als gütigen Vater der Nation, der insbesondere kleine Kinder liebte. Jeglicher Kommentar fehlte, dafür blieb auch hier statt Fakten nur ein Gefühl: Irgendwie war er doch ein guter Mann.

Das ist die emotionale Stimmung, in der viele Reden russischer Politiker in diesen Monaten entstehen. Kaum eine Duma-Sitzung, kaum eine Putin-Rede, kaum eine Fernsehdiskussion vergeht, ohne dass der Sieg im Zweiten Weltkrieg erwähnt wird. "Der Sieg von 1945 ist Russlands Daseinsberechtigung", spitzt der Historiker Sokolow es zu. Er dient bis heute zur Legitimation russischer Regierungen. Vor allem in der Außenpolitik und in der Auseinandersetzung mit der Ukraine. Der Zusammenprall mit Europa und Amerika liegt auch daran, dass der Westen in diesem Krieg und der Krim-Annexion einen Bruch der heutigen Friedensordnung in Europa sieht. Die russischen Politiker dagegen stellen die Kämpfe im Donbass als Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs dar.

Wjatscheslaw Nikonow ist der Enkel von Stalins Außenminister Molotow, der 1939 den Pakt mit Ribbentrop unterzeichnete. Er sitzt in der Duma und leitet zugleich die einflussreiche Stiftung Russische Welt, die die russische Sprache und Kultur in der Welt verbreiten soll. Nikonow trat neulich in einer Fernsehdiskussion auf und versuchte zu erklären, warum die Russen anders auf die Geschichte schauen als die Europäer: "Weil wir die Sieger waren, als ganz Europa mit Hitler auf uns losmarschierte." Dann zog er den Vergleich zur Ukraine und ihrem im Mai 2014 gewählten Präsidenten: "In der Ukraine ist – wie in Deutschland 1933 – ein faschistisches Regime an die Macht gekommen, welches das Ziel verfolgt, einen Genozid zu verüben." Diese Art von "Faschistisierung" sei in ganz Osteuropa zu beobachten. Das Publikum unterbrach Nikonow mehrmals mit lautem Applaus.

So gewendet, wird Geschichte tatsächlich zur politischen Waffe. Es ist Russlands Geschichtspolitik, die viele ausländische Politiker davon abhält, am 9. Mai nach Moskau zu reisen. Die ehemaligen Alliierten der Anti-Hitler-Koalition bleiben fern. Die meisten europäischen Länder schicken höchstens Botschafter. Dafür kommen die Staatschefs Chinas, Indiens, Südafrikas, Kubas und Nordkoreas. Den meisten Russen ist es nach Umfragen einerlei, wer kommt. Nur die Regierung macht sich Sorgen: Sie hat, anders als 2005, noch zusätzlich Vertreter von Lesotho, Somalia und Kap Verde eingeladen, um die Ränge zu füllen. Damit man nicht den Eindruck erzeugt, man feiere allein.