Wirtschaftlicher Totalschaden, nicht gutzumachender Imageverlust – die Odenwaldschule, Synonym für sexuellen Missbrauch und pädophile Gewalt, ist pleite. Nach den Sommerferien geht im hessischen Ober-Hambach das Licht aus.

Das Verschwinden der Schule ist kein Verlust für die pädagogische Landschaft Deutschlands. Denn die angebliche Vorzeigeinstitution war schon seit Jahrzehnten nicht mehr als ein Mythos, ein Märchen. Gewiss, ihr Gründer Paul Geheeb hat viel gewagt und einiges bewegt, als er 1910 begann, Mädchen und Jungen gemeinsam zu unterrichten, weit weg von der Drill- und Paukschule des Kaiserreiches. Der freie und offene Umgang zwischen Lehrern und Schülern im Internat hat viele Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen gerettet – und andere das Leben gekostet. Das ist nur einer der unlösbaren Widersprüche dieser Schule.

Die beste Schule Deutschlands aber, wie ihre Lehrer und Mitarbeiter zum Teil bis zum Schluss behaupteten, war die Odenwaldschule nie. All die Reformen – offener Unterricht, Leistungsbeurteilungen jenseits von Noten, praktisches Lernen – wurden anderswo erdacht und erprobt. Schon mindestens zwei Jahrzehnte vor der Aufdeckung des Missbrauchsskandals wurde das Internat, wurden seine Konzepte öffentlich nicht mehr diskutiert. Fand die Odenwaldschule dennoch etwas ausführlicher Erwähnung (in der ZEIT zwischen 1975 und 2009 genau ein Mal), begeisterte sich die Autorin darüber, dass Lehrer und Schüler sich dort auch mal umarmen durften. Die Realität zwischen solchen Zeilen bekam die deutsche Öffentlichkeit 2010 nachgeliefert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Die Schule kämpfte seitdem um die Rettung ihres Ansehens und gegen massiv sinkende Schülerzahlen. Man sei nun die sicherste Schule Deutschlands, warb man um neue Schüler, als endlich ein Präventionskonzept auf dem Tisch lag. Dass dies nichts taugte, zeigte sich vor einem Jahr, als auf dem Computer eines Mathelehrers kinderpornografisches Material gefunden wurde. Schüler hatten zuvor vom "Pädobär" berichtet. Doch die Schulleitung flüchtete sich wieder ins Vertuschen und Verharmlosen. Auch damit besiegelte sie das Ende der Odenwaldschule. Die für die weitere Betriebserlaubnis nötigen 2,5 Millionen Euro wollte einer solchen Einrichtung niemand mehr geben.

Zu fragen bleibt: Wer kümmert sich jetzt um die 137 von Missbrauch betroffenen ehemaligen Schüler und um jene, die es vielleicht noch nicht gewagt haben, sich zu offenbaren? Bevor der letzte Lehrer geht, muss klar sein, wer in Zukunft die Verantwortung für die Geschichte des Internats und seiner Opfer übernimmt. Das wäre ein notwendiges letztes positives Signal aus dem so düsteren Tal, in dem einst die Odenwaldschule stand.