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Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit, so lautet eine oft zitierte politische Weisheit. Schön wär's, kann man da nur sagen. Zurzeit besteht die Politik in Deutschland und in Europa vor allem darin, die Wirklichkeit zu verdrängen und zu beschönigen. Gar nicht mal aus böser Absicht – aber macht es das besser?

Jüngstes, dramatisches Beispiel ist die Flüchtlingspolitik, die soeben ihren Fukushima-Moment erlebte: völlige Richtungsumkehr binnen weniger Tage. Was eben noch dazu dienen sollte, die Grenzen der EU zu verteidigen, auch wenn es viele Flüchtlinge das Leben kostete, muss nun im Handumdrehen genau den gegenteiligen Zweck erfüllen: die Rettung von möglichst vielen Flüchtlingen, auch wenn die Grenzen damit durchlässig werden.

Im Unterschied zu Fukushima war es diesmal allerdings keine unvorhersehbare Naturkatastrophe, die den Wandel einleitete, sondern eine absolut prognostizierbare Tatsache: Wenn immer mehr Menschen aus den destabilisierten Nachbarschaften der EU kommen wollen und immer weniger Schiffe bereitgestellt werden, um sie zu retten, werden immer mehr Flüchtlinge sterben. Die Politiker wussten das, haben es sogar selbst herbeigeführt, nur laut gesagt haben sie es nicht.

Dieser Vorgang nährt einen Verdacht, den viele hegen: Sagen die Regierenden in Berlin und Brüssel auch bei anderen wesentlichen Fragen nicht alles, was sie wissen und denken, was sie bewegt und verunsichert? Die Antwort lautet: Ja.

It's history, stupid!

Kürzlich richtete die SPD eine Feier zum 75. Geburtstag ihres alten Häuptlings Franz Müntefering aus. Ein Abendessen im kleinen Kreis, darunter seine Frau, zwei führende Genossen, ein Soziologie- und ein Geschichtsprofessor, zwei Journalisten. Mehr Feier wollte Müntefering nicht; gleich zu Anfang erklärte er, warum. Er wolle nur reden, so viel Grundstürzendes und Markerschütterndes geschehe zurzeit, und so wenig werde darüber diskutiert. So kann es nicht gehen, befand der ehemalige SPD-Chef und legte gleich eine These vor:

Wir waren Schlafwandler, beim Epochenbruch von 1989/90 hatten wir uns kurz erschreckt, dachten, wer weiß, was jetzt alles passiert, wenn die in West und Ost geteilte Welt aus ihrem Gehäuse springt. Dann passierte aber nichts Schlimmes, und wir wähnten uns in einer neuen Selbstverständlichkeit: Die Demokratie wird immer stärker, Europa wächst zusammen, Russland wird ökonomisch gesunden und allmählich immer demokratischer. Alles wird gut. In unserem Sinne.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall der Mauer sind wir, so Müntefering, aufgewacht und fühlen uns dabei wie in einem bösen Traum. Denn jetzt passiert all das, was man damals befürchtet und dann rasch zu den Akten gelegt hatte: Russland bescheidet sich keineswegs mit dem Verlust seines Imperiums; die westlichen Parteiensysteme hatten seinerzeit den Verlust der bipolaren, in Freunde und Feinde säuberlich sortierten Ordnung leidlich überstanden, nun zerbrechen sie verspätet doch noch; die EU verliert ihre Richtungsgewissheit, und das transatlantische Bündnis wirkt nach dem Verlust des großen gemeinsamen Gegners Sowjetunion ausgehöhlt. Nicht einmal die Rückkehr eines aggressiven Russlands auf die Bühne genügt, um zu reparieren, was von Irak bis NSA zwischen den USA und EU alles schiefgelaufen ist. Wie kann es sein, schloss Müntefering seinen Vortrag, dass all dies mit 25 Jahren Verzögerung geschieht?

So sprach der alte Müntefering, und die Runde räusperte sich. Als Erster fand der Historiker seine Sprache wieder. Ein Vierteljahrhundert Verzögerung, tröstete er, das sei, historisch gesehen, ja nicht viel, im Grunde nur ein kurzes Einatmen der Geschichte. Ach so. Schön für die Geschichte. Und die Menschen?

Politiker in der Überlastungsdepression

Gespräche wie diese finden zurzeit im politischen Berlin häufig statt. Manchmal brechen aus führenden Politikern, die sich hart am Rande einer politischen Überlastungsdepression bewegen, alle Ängste zugleich hervor. Wenn der Krieg in der Ukraine weiter eskaliert und Griechenland doch pleitegeht und wenn die unsägliche Marine Le Pen französische Präsidentin wird und ihr Land isoliert und wenn die Briten aus der EU verschwinden, dann, ja dann – aber bitte schreiben Sie das nicht. Zuweilen sind es auch kreative, fast aufgekratzte Diskussionen, wo atemlos die neue Wirklichkeit begriffen wird, jedenfalls in groben Zügen, provisorisch, tastend. Doch ob nun altersweise oder überlastungsdepressiv, neugierig oder verwirrt – stets geht es um den Zusammenbruch erlernter Ordnungen, mit ein wenig Übertreibung ließe sich auch sagen: fast aller Ordnungen.