Liegt es an der braunen Farbe, dass dieser Kopf an afrikanische Skulpturen erinnert? Allerdings ist er nicht aus Holz, sondern aus Schokolade und fühlt sich irgendwie falsch an: als wäre dies das Selbstporträt eines Afrikaners als Riesenpraline.

Die Berliner Galerie KOW zeigt in den kommenden Tagen, in der mit Abstand ungewöhnlichsten Ausstellung des Gallery Weekend, gleich mehrere Skulpturen des Künstlerbundes kongolesischer Plantagenarbeiter. Manche sind bis zu 160 Zentimeter groß, einige kosten bis zu 13.000 Euro, alle sind sie aus Schokolade. Ihre Schöpfer lebten bislang von der Arbeit auf Palmöl- und Kakaoplantagen und konnten mit 20 Dollar Monatslohn kaum ihre Familien über die Runden bringen. Bis der holländische Künstler Renzo Martens kam und ihnen vorrechnete, wie sie das 7.000-Fache verdienen könnten: indem sie als Künstler in den globalen Kunstmarkt einsteigen. "Diese Menschen hatten bisher keine Möglichkeit, mit uns zu kommunizieren", erklärt Martens. "Das einzige Medium, in dem sie mit uns in Austausch treten, ist Schokolade."

Über kaum einen anderen Künstler lässt sich derzeit so gut streiten wie über Martens. Die einen bewundern ihn für seine Chuzpe, andere nennen ihn einen groben Zyniker. Mal tritt er als Künstler auf, mal als Entwicklungshelfer, mal als Unternehmer. Und sobald man versucht, ihn auf eine Rolle festzulegen, wird man schon hineingezogen in seine Inszenierung, die so grenzenlos und voller Schwindeleffekte ist wie ein Brueghelsches Wimmelbild.

Bekannt wurde Martens mit seinem Dokumentarfilm Enjoy Poverty (Episode 3) aus dem Jahr 2008, den viele skandalös finden. Darin zeigt er sich selbst, wie er – ein Fitzcarraldo mit blauen Augen und Strohhut über zurückgekämmtem Haar – durch den kongolesischen Dschungel zieht, begleitet von Lastenträgern, die schwere Alukisten schleppen. Statt Hilfsgütern enthalten sie Neonbuchstaben, die Martens in kargen Dörfern als Installation aufbaut. Enjoy Poverty leuchtet es über den Köpfen der feiernden Bauern. Eine Inszenierung, die auf den ersten Blick menschenverachtend wirkt.

Doch Martens spricht in seinem Film auch mit Nachrichtenfotografen, Rebellen, Entwicklungshelfern, Weltbank-Vertretern, und nach und nach stellt sich heraus, dass die letzte Ressource, die den armen Bewohnern des eigentlich rohstoffreichen Landes bleibt, tatsächlich ihre eigene Armut ist. Von dieser Ressource können bislang nur westliche Fotografen gut leben, die mit den immer gleichen Bildern des Leids ihr Geld verdienen. Deshalb schlüpft Martens in die Rolle des Entwicklungshelfers und gibt lokalen Hochzeitsfotografen Nachhilfe im Fotografieren hungernder Nachbarn, um ihnen den Einstieg in den lukrativeren Bildermarkt westlicher Medien zu ermöglichen.

Wenn die Fotografen sich mit ihren veralteten Apparaten schüchtern an todkranke Kinder heranpirschen, möchte man sich als Zuschauer dazwischenwerfen. Es tritt der ganze Zynismus der Elendsfotografie zutage. Und es wird klar, dass Martens die kongolesischen Fotografen seinem Publikum vorführt – denn für ihre unscharfen Bilder gibt es schlicht keine Nachfrage; für Martens’ Bilder hingegen schon. So ist sein Film auch eine Selbstanklage: Er zeigt das System der Ausbeutung durch Kameras am Beispiel seiner eigenen.

Zugleich hält Martens auch uns, dem Publikum, den Spiegel vor: Enjoy Poverty, dieser Appell meint auch all die treuherzigen Ausstellungsbesucher, die nicht genug davon bekommen, auf Biennalen rund um die Welt das Elend der anderen kritisch zu beäugen. Genießt, ruft Martens ihnen zu, euer gutes schlechtes Gewissen! Denn ja, es ist nicht ohne Bigotterie, wenn wir uns politisch engagierte Kunst ansehen. Als hätten Fischer im Nigerdelta etwas davon, wenn wir ihnen in hochaufgelösten Videobildern beim Kampf gegen Ölkonzerne zusehen, mit deren Öl wir anschließend nach Hause fliegen.

"Das ist Trompe-l’Œil-Malerei", sagt Martens. "Die tatsächlichen Effekte unserer Kunst zeigen sich nicht in den Regionen, von denen sie handelt, sondern in Berlin-Mitte oder der Lower East Side, wo Museen und Galerien ein attraktives Klima für Investoren schaffen."

Man kann es zynisch finden, wenn Martens Kunst auf ihre wirtschaftliche Nebenwirkung reduziert – oder es als satirische Überspitzung gelten lassen, wenn er den Schluss zieht: "Künstler sollten selbst die Kontrolle über die Gentrifizierung übernehmen, die sie produzieren."

Parallel zu seiner Galerieausstellung wird Martens in den Räumen der Berliner Kunst-Werke, der Keimzelle der Aufwertung Berlins seit den neunziger Jahren, eine Außenstelle seines Instituts für menschliche Aktivitäten (IHA) eröffnen, das er 2012 auf einer Palmölplantage am Kongo gründete. Von hier kamen einst die Skulpturen des Bembe-Volks in die Museen in Europa und inspirierten Picasso und die Expressionisten – während zugleich die einheimischen Künstler in Missionarsschulen und auf Plantagen geschickt wurden. Bis 2009 gehörte die Plantage der Firma Unilever, heute einer der größten Sponsoren zeitgenössischer Kunst. Geduldet vom Nachfolger, dem Feronia-Konzern, eröffnete Martens ein "Gentrifizierungscamp", um den so oft beklagten Aufwertungsprozess durch Kunst dort anzustoßen, wo er gebraucht wird.