Und dann öffnet sich der Vorhang, und Franco Cuneo schiebt sich langsamen Schrittes durch die Tür. Es ist nicht ganz klar, ob er seinen großen Auftritt gerade selbst als solchen versteht, vor dem Schritt über die Türschwelle noch einmal kurz durchgeatmet hat, oder ob er eben einfach nur ankommt in seinem Restaurant hier auf St. Pauli wie fast jeden Tag, seit der 71-Jährige denken kann.

Jedenfalls registrieren die Kellner in ihren weißen Oberhemden, dass il comandante nun da ist. Antonio, der vorne an der alten Jukebox das Telefon bedient, blickt von seinem Notizblock auf. Und der glatzköpfige Lieferant am Tresen, der eben noch wie im Rausch die Getränkeliste herunterratterte, hält mitten im Satz inne. Der Regisseur hat die Szene betreten, das Spektakel kann beginnen. Wie jeden Abend, seit 110 Jahren.

Wie aus dem Off sagt jemand: "Buonasera, signor Cuneo."

Cuneo trägt eine marineblaue Anzughose, dazu farbgleich Pullover, Hemd und Krawatte. Ein hagerer Herr. Er nickt kurz, dann schreitet er durch den schlauchförmigen Raum, in den noch etwas Nachmittagssonne fällt. Cuneo streift mit dem Finger über die frisch aufgelegten Tischdecken, rückt hier eine Gabel zurecht und dort ein Glas.

"Buonasera a lei", sagt er schließlich, so wie es früher immer der Schauspieler Otto Sander zu ihm sagte, wenn er nach einer Ringelnatz-Lesung mit seinem Aktenkoffer in den Laden stolperte und sich an einen Einzeltisch auf der Terrasse hockte. "Guten Abend Ihnen."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Franco Cuneo ist Gastronom, was aber zu profan klingt für diesen Mann. Kein italienisches Restaurant in Deutschland ist länger in Familienhand als seines, wohl sonst kaum eines hat Stammkunden in dritter Generation, und kein Lokal verbindet so unterschiedliche Menschen wie dieses. Amerikanische Popstars mit Hafenarbeitern mit Kiez-Größen mit Chefredakteuren mit Politikern. Und das schon seit 110 Jahren. Das Cuneo, dessen Schanklizenz auf den 2. Mai 1905 zurückgeht, feiert diese Woche Geburtstag. Und wie.

Denn das Restaurant ist eine Institution auf St. Pauli, es ist ein Stück St. Pauli, und wenn es feiert, dann feiert der Kiez mit: Am 4. Mai veranstaltet das St. Pauli Theater eine große Gala für die Cuneos. Schauspieler und Sänger wie Peter Jordan, Ulrich Tukur und Eva Mattes, allesamt Stammgäste, werden auf der Bühne die größten Hits aus Francos Jukebox singen und den Mythos der famiglia hochleben lassen.

Cuneo kann Geschichten verkaufen, vom Kochen hatte er nie Ahnung

Es wird die Feier einer Geschichte, die alles hat, was es für eine gute Hamburger Erzählung braucht. In 110 Jahren gab es im Cuneo Auftritte von leichten Mädchen aus der Herbertstraße und von Seemännern, bewaffnet mit Revolvern, auf denen Schalldämpfer steckten. Weltberühmte Boxer knallten ihre Fäuste auf die Holztische, nachdem sie Weltmeisterschaftskämpfe gewonnen hatten. Es wurde geweint und gestritten und gelacht, getanzt und getrunken, oft zu viel. Und manchmal, wenn Franco Cuneo erzählt, scheint es, als habe die gesamte Hamburger Prominenz und halb Hollywood bei den Cuneos gespeist.